Currywurst im Birkenhain

Rainald Grebe: Westberlin, Schaubühne am Lehniner Platz., Berlin (Regie: Rainald Grebe)

Von Sascha Krieger

Dass Rainald Grebe, der mit seinem Mix aus Dada und Satire, aus scharfer Gesellschaftsanalyse und infantilem Klamauk, längst die ganz großen Bühnen zu füllen vermag, sich zunehmend im Theater zu Hause fühlt, mit Abenden, die weit über das Prinzip eines Konzerts mit anarchistischen Einsprengseln hinausgeht, ist nichts Neues. Auch in Berlin hat er schon einige Abende herausgebracht, bislang in Armin Petras‘ Maxim Gorki Theater. Das steht ihm nicht mehr zur Verfügung, also geht er ins Exil, in den alten Westen einer Stadt, die nie so ganz eine geworden ist. Und hier, im westlichsten der Größen Berliner Theater, direkt am Kurfürstendamm, befasst er sich, natürlich, mit der einstigen Enklave, dem Stachel im Fleisch des nie so richtig real existierenden Sozialismus. Also lässt er Jürgen Lier eine Bühne bauen, welche die seltsame Mischung aus Wildheit und spießigem Muss, Offenheit und Eingeschlossensein symbolisiert, die Berlin einst so attraktiv machte: für alle, die anders sein wollten, Kriegsdienstverweigerer, politisch aktive, Künstler. Es ist ein Kneipeninterieur, dass direkt aus Kräuter kommen könnte – oder aus Herr Lehmann. Alles Echte an diesem Abend ist eben auch Klischee, Fantasie der Wahl-Ostberliners. Authentisch ist der hohe Raum mit den Riesenfenstern, den verlebten Holzwänden, Tresen, Klavier und Spielautomat, und vollkommen künstlich zu gleich.

Rainald Grebe als (später) Wolfgang Neuss (Foto: Gianmarco Bresadola)

Rainald Grebe als (später) Wolfgang Neuss (Foto: Gianmarco Bresadola)

Eine Spannung, die der Abend auch personell setzt: Neben Grebe und seinem musikalischen Begleiter Jens-Karsten Stoll sind fünf Mitglieder des Schaubühnenensembles dabei, aber auch sieben echte „Insulaner“, West-Berliner, die ihre Geschichten erzählen. Der Abend hebt an mit einem wunderbar beiläufig am Tresen hingerotzten Vortrag über die erste Erfahrung mit der wundersamen Welt der Berliner Currywurst, später lernen wir einen ehemaligen schöneberger Sängerknaben kennen, der später Stricher war und dann bei Romy Haag auftrat, eine Kommunistin, die Funktionärin des SED-Ablegers SEW war und als Mobbing-Opfer wieder austrat, eine Zinnsucherin, die Scientologen war und Buddhistin und mit Hell’s Angels herumhing, eine Hausbesetzerin und die Tochter einer Deutschen und eines Amerikaners. Da haben wir sie, die ganze Klischeeparade – eine solche gibt es im Laufsteg-Stil irgendwann tatsächlich zu bewundern – West-Berlins und doch langweilt sie nicht. Denn die Präsenz der sieben – das 84-jährige gewitzte Nachkriegskind Evelyn ist ebenso zu erwähnen wie der abendlich wechselnde Gast, am besuchten Abend war es die Mutter des Gründers der Disko-Legende Dschungel – füllt die Bühne locker. Ihre Geschichten sind nicht frei von (Selbst-)Ironie, man hört ihnen gerne zu, wie sie mit einiger Schonungslosigkeit über das eigene Leben erzählen.

Wobei der Spielcharakter nie aufgegeben wird. Jede Geschichte ist eingebettet in eine Spielsituation, wird von ihr auch ironisch gebrochen und erhält eine Distanz, die sie nur noch wahrhaftiger erscheinen lassen. Hier blitzen Leben auf, zu kurz, die gemeinsam mit einer Vielzahl anderer ein Bild malen könnten, von dem, was West-Berlin gewesen sein mag. Die mediale Bespiegelung durchbrechen sie nicht. Und so führt Grebe eine Parade bekannter Bilder und Episoden auf: Es geht um die Luftbrücke und den Mauerbau, um Alltagsprobleme wie die chronische Wohnungsnot, die Pfitzmanns und Bowies und Juhnkes dürfen ebenso wenig fehlen wie Christiane F., Grebe gibt den Langhans und die Hagen und den späten Neuss (stilecht in seinem fotoverklebten Zimmer), dem schwulen Nachtleben wird ebenso Tribut gezollt wie dem Café Kranzler und der alten Schaubühne – Grebe lässt eine Reminiszenz an Peter Steins legendäre Sommergäste spielen und schwadroniert über den Geruch der 300 Birken des Bühnenbilds. Liselotte Pulver tanzt auf dem Tisch, man singt „Heroes“ von Davis Bowie und lauscht Kennedys Rede, bevor Iggy Pop am Ende alle Stühle und Tische umstößt. Zurück sind wir in der Stunde Null, am Anfang, wie in diese Torso-Stadt schon so manches mal erlebte.

Grebe selbst hält sich ungewöhnlich stark zurück. Lange dauert es, bis er überhaupt erscheint, und erst als er die West-Berlin-Nostalgie wegwischt, in dem er seine eigene Vergangenheit im Ost-Berlin der frühen 1990er verklärt, übernimmt er so etwas wie Kontrolle über den Abend. Doch auch im Rolf-Eden-Kostüm bleibt er Außenstehender, Beobachter, Nicht-so-recht-Verstehen-Könner. Sein Blick auf West-Berlin hat etwas antiquarisches, ist getränkt von einer Anti-Nostalgie, die denn doch verklärt, wo sie aufklären, verdeckt, wo sie entdecken sollte. Westberlin  ist ein Abend, der von der Macht medial vermittelter Klischees handelt und sich selbiger nie ganz entziehen kann. Und der doch in seiner Collagenhaftigkeit, seiner Wertungsverweigerung, in der jede Assoziation, jede Vignette gleich wichtig ist, und in der in kurzen Momenten aufblitzenden Wahrhaftigkeit gelebter Leben, in der Reibung zwischen Wahrheit und Klischee, deren Grenzen schnell verschwimmen, andeutet, warum dieses seltsame Gebilde, bei dem schon die Frage, ob man es mit oder ohne Bindestrich schreibt (Grebe wählt sicher nicht zufällig die DDR-Variante), von existenzieller Bedeutung schien, eine solche Faszination ausübte und dies – die zahlreichen Film- und sonstigen Projekte, die sich derzeit damit befassen, sprechen eine deutliche Sprache – bis heute tut. Kein großer Abend und auch kein kleiner. Oder vielleicht beides gleichzeitig: weltbewegend bedeutsam und ungeheuer trivial. Wie West-Berlin, Westberlin oder Berlin (West) eben.

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