„Bis nichts mehr peinlich ist“

Armin Petras: münchhausen, Deutsches Theater, Berlin / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

Ach, wie leicht ließe sich dieser Abend abtun: als spaßige Kleinigkeit, eitle theatrale Selbstbespiegelung, Bravourstück eines Bühnenstars, und und und. Natürlich ist vieles, von dem Milan Peschel in Armin Petras‘ Text erzählt, nicht gerade überraschend und voller Binsenweisheiten (die Idee der – durchaus ambivalent empfundenen – Lüge als zentrales Element des Theaters, die Eitelkeit des Schauspielers, die Faszination der Möglichkeit, auf der Bühne ein anderer zu sein). Und selbstverständlich ist der Abend voll von Insider-Scherzen des einstigen Volksbühnen-Stars, der Frank Castorf imitiert und Henry Hübchen, aus dem sprichwörtlichen Nähkästchen plaudert und ironisch über den revolutionären Gestus der Volksbühnenmaschinerie herzieht. Peschel plaudert und deklamiert, tanzt und albert, verheddert sich in virtuosem Slapstick und verzaubert mit seiner legendären Schnoddrigkeit. Vor allem tut er eines: Er spielt. Und es ist ein Spiel, das sehr bald nach seiner eigenen Natur, nach seinen Grenzen und seinen Risiken fragt. Der Clown ist immer  auch – und nicht erst seit Beckett – eine latent tragische Figur, ein Tänzer am Abgrund. Peschel, Petras und Bosse (sowie Volksbühnen-Urgestein Martin Otting, der in den letzten zehn Minuten mitmachen darf) zeigen den Abgrund nicht, sie spielen ihn zu. Was ihn nur noch bedrohlicher macht.

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

münchhausen ist ein virtuoses Spiel mit Schein und Sein. Peschel spielt „sich selbst“ in Form eines Schauspielers, der auf einen Kollegen wartet. Der nach unendlich erscheinender Wartezeit, nach Hervorlugen hinter dem Vorhang und sofortigem Verschwinden hinter selbigem irgendwann „anfängt“, wohlwissend, dass er längst schon angefangen hat. Er wendet sich ans Publikum, erzählt, was es hier erwartet, und auch das ist natürlich pures Spiel. Er erklärt den Abend, der derjenige, dem wir beiwohnen, ist und zugleich nicht ist, erzählt davon, das Stück – jenes, das wir sehen oder das, in dem er behauptet zu sein? – von ihm handelt, aber eben ihm als Figur. Von der ersten Sekunde an befinden wir uns im Zwischenraum zwischen Sachen und Sein, Lüge und Wahrheit, Spiel und Realität. Und bemerken, dass die vermeintlichen Grenzen gar nicht so leicht zu bestimmen sind. Was ist Text und was Improvisation, was Peschel und was irgendeine Rolle? Und vor allem: Lässt sich das überhaupt trennen?

Peschel „als Figur“ erzählt von der Faszination seines Berufs und dass er davon träumt, einfach weiterzuspielen, so lange, „bis einem nichts mehr peinlich ist“. Und er weiß um die Unmöglichkeit dieses Unterfangens und fragt sich gleichzeitig, ob er nicht genau das längst schon tut. Und hier liegt die seltsame Magie dieses Abends: So klar und überraschungsarm er an der Oberfläche daherkommt, so schnell lösen sich die Gewissheiten auf, sobald man einer der wie unbeabsichtigt wirkenden Pausen oder der dem zu sehenden immer wieder kaum merklich in die Parade fahrenden Mimik Peschels folgt und einen kurzen Blick unter die Oberfläche wagt. Denn da gähnt der Abgrund, der die Frage aufwirft, wieweit „die Lüge als Utopie“ führen kann und wo sie beginnt, das Individuum aufzulösen. So es dies nicht längst schon getan hat. Lustvoll spielt Peschel das theatrale Arsenal durch, reißt die vierte Wand ein, baut Slapstick-Szenen ein, nutzt Bühnenmusik als effektvolle Untermalung , tanzt oder fungiert als malerisches Tableau vor Wölkchenvorhang. Alles ist Performance, nichts ist echt (außer vielleicht das Kostüm) und doch ist alles wahr. Und gelogen. Der Schauspieler kontrolliert seine Welt – oder auch nicht. Immer wieder übernehmen die Theatralik Mittel, etwas das Scheinwerferlicht als Lebensbedingung des Schauspielers, die Regie.

Peschel zitiert eigene Rollen, rezitiert sich durch Tschechow und Büchner und Tolstoj – zunächst noch klar begrenzt, später dann in einem textlichen Amoklauf kaum mehr trennbar durcheinander geworfen und mit – vermeintlich – eigenen Geschichten und Gedanken durchwirkt. Mensch und Spieler, Wahrheit und Lüge, Realität und Fantasie sind da nicht mehr auseinanderzuhalten und die existenzielle Frage, wer man ist unter all den Rollen, die man spielt, steht im Raum und wirkt über die Bühne hinweg. Und plötzlich steht hier Existenzielles auf dem Spiel, die ganze Idee des Ichs, der definierbaren Identität und Individualität, der Kern unserer Vorstellung, was es heißt, ein Mensch zu sein. Peschel gibt keine Antworten, vielleicht aber Otting, der zum Ende die scheinbar persönliche Eingangsansprache des Kollegen wortgenau als seine eigene wiederholt. Da bleibt Peschel nichts anderes, als davon zu laufen. Nur um gleich wieder hinter dem Vorhang hervorzulinsen. Das Spiel des Lebens erlaubt es nicht, ihm zu entfliehen. Und so spielen wir einfach weiter, bis uns nichts mehr peinlich ist.

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2 Gedanken zu „„Bis nichts mehr peinlich ist“

  1. Hey, deine Rezensionen sind immer wieder fantastisch und da ich weiß, dass wenn ich einen nach Theaterempfehlungen fragen sollte ich mich an dich wenden müsste, so möchte ich mir nun Expertenmeinung einholen, da du ja scheinbar in Berlin bist, kannst du mir für die Zeit vom 30.-31.10 und 18.-20.11 irgendwelche sehenswerte Stücke zur Betrachtung in Berlin ans Herz legen? Vielen Dank im Voraus für deine Antwort.

  2. Gern, zunächst mal meine Empfehlungen für die ersten Termine: 30.10. Small Town Boy am Gorki, 31.10. Die Macht der Gewohnheit am BE (die Inszenierung ist nicht besonders, aber Jürgen Holz ist atemberaubend. Zu den anderen Terminen schaue ich mal die Tage in die Spielpläne.

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