Mit scharfem Blick und heißem Herzen

Beethoven-Zyklus der Berliner Philharmoniker: Symphonien Nr. 4 und 7

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist so ein Beethoven-Zyklus ja mit einem Turnier wie der Fußballweltmeisterschaft vergleichbar: Da dauert es auch oft eine Weile und ein paar mäßige Spiele, bis eine Mannschaft zur Form findet, bis, wie es so schön heißt, „der Knoten platzt“. Wäre der Beethoven-Zyklus 2015 der Berliner Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle ein solches Turnier, wäre wohl bei den Symphonien 4 und 7 dieser Durchbruch erreicht. Wie weggeblasen der aggressive Tonfall, die einseitig muskulösen Interpretationen, der Gestus des „Weiter, immer weiter“ um jeden Preis. Stattdessen ein Abend, an dem die Musiker sichtbar Spaß haben – Solo-Bratschicht Maté Szücs etwa hält es im Finalsatz der siebten kaum mehr auf seinem Stuhl. Und er macht auch dem Publikum Spaß, so lebhaft gelöst und zugleich analytisch scharf, wie diese Musik daherkommt.

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker beim Beethoven-Zyklus 2015 (Foto: Monika Rittershaus)

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker beim Beethoven-Zyklus 2015 (Foto: Monika Rittershaus)

Mit überraschend schlankem Klang und sachlichem Ernst hebt die dunkle Einleitung der Vierten an. Deutlich der Kontrast zum allegro des Hauptteils: Da ist viel Energie, aber eben auch reichlich Leichtigkeit, ausgelassen eilt der Satz dahin, ergießt sich der Fluss der Streicher über dem strukturierenden Puls der Pauken, ergibt sich die enorme Kraftentfaltung ganz organisch aus der musikalischen Entwicklung. Rattle lässt seine Musiker laufen und moduliert zugleich sehr klug, etwa indem er das Orchester die Verdichtung aus ungemein schlanker Klang heraus finden lässt, die Rhythmik des Satzes betont und Kontraste fein herausarbeitet. Wunderbar klar und fein dann der Streicherklang des zweiten Satzes, der ganz auf seine Gesanglichkeit setzt. Die kontrastierende Rhythmik wird hier zum Unterstützer, zum Lebendigmacher des singenden Orchesters, in dem die Dominanz ganz mühelos von den Streichern zu den grandiosen Holzbläsern, bei denen nicht zuletzt Soloklarinettist Wenzel Fuchs brilliert – was gar nicht einfach ist, wenn vor einem der wahrscheinlich beste Flötist (Emmanuel Pahud) und der best Oboist (Albrecht Mayer) der Welt sitzen. Sehr spannend dann das Scherzo, das über sich selbst zu stolpern scheint, als spannungsreiches Wechselspiel aus an- und abschwellen, Beschleunigen und Verlangsamen daherkommt. Das Finale ist dann pure Energie und doch ungeheuer ausdrucksreich, wenn Rattle das klangliche Farbenspiel glitzern lässt. Hier entsteht jede Kraftentfaltung und jede innige Zurücknahme aus sich selbst heraus, ein organisches Voranpreschen und Innehalten, das strenge Form und ausgelassene Lebendigkeit vereint.

Erstaunlich facettenreich hebt dann der Kopfsatz der siebten Symphonie an: Der Beginn ist gesanglich und hat doch eine Menge Zug, Streicher und Holzbläser schaffen einen hellen, lichten Klangraum, in dem die Stille in Form langer Pausen, das Spannungselement Nummer eins ist, während die Pauken erneut das Fundament zimmern. Wie selbstverständlich verdichtet sich das zunächst in fröhlichem Gesang der Holzblkäser erklingende zweite Thema zu großer Kraft, gehen große Transparenz und hohe Klangdichte Hand in Hand, folgt dem Innehalten der erneut brillierenden Holzbläser ein wahrer Energieschub des Orchesters, jubelt der Satzschluss freudig erregt. Ähnlich die beiden Schlusssätze. Leichtfüßig eilt das Presto dahin, erneut verleihen die Pauken dem hellen Grundton der an diesem Abend wie symbiotisch harmonierenden streichen und Holzbläser, eine dunklere Erdung, bleibt auch in der kraftvollen Verdichtung der Zug ins Weite. Der Satz explodiert nicht, wie er es so oft tut, sondern er eilt leichten Fußes voran. So auch das Finale, das kantenscharf und energisch dem rasenden Schluss entgegenstrebt. Hier gibt es sie dann doch, die explosionshaften Energieentladungen, der muskulös treibende Gestus, aber eben auch das Innehalten, die Transparenz zarter Lyrik, die im Gegensatz zu vorangegangenen Abenden eben nicht nur dienende Funktion hat, sondern für sich selbst stehen darf.

Gibt es an diesem Abend einen kleinen Schatten, so ist es das berühmte Allegretto der Siebten: Hier geraten die Streicher ein wenig zu breit, zerfließen sie zuweilen ins ungefähre, was dem Satz einiges von seiner erschütternden Kraft nimmt. Stark dagegen die lyrischen Intermezzi, die unterschwellige Kraft transportieren und zugleich von äußerte Zartheit sind. Das Hauptthema dagegen brilliert zu Beginn – wo es zart und schlicht sowie mit leicht tänzelndem Gestus daherkommt – und an seinem überzeugend schlicht gestalteten sachlichen Höhepunkt. Zart-brüchig dann die Schlusspassage, die sich von allem romantisierenden Gestus befreit hat. Alles in allem ein Abend, der zeigt, was passieren kann, wenn analytische Intelligenz und musikalische Leidenschaft eine Einheit bilden.

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