Die Marke Beethoven

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmonikern setzen ihren Beethoven-Zyklus mit dem Symphonien Nr. 8 und 6 fort

Von Sascha Krieger

Natürlich ist ein Beethoven-Zyklus immer ein Marketing-Tool. Es gereicht den Berliner Philharmonikern durchaus zur Ehre, dass sie wenig versuchen, dies zu bemänteln. Natürlich geht es darum, Tonträger und Konzerttickets zu verkaufen, vor allem aber die Marke zu stärken. Dafür gibt es die Digital Concert Hall, die Konzerte in alle Welt bringt, dafür gibt es Kino-Übertragungen und die unvermeidliche Tournee mit dem Zyklus (Christian Theatermann und die Wiener Philharmoniker haben es vorgemacht). Da spendiert das Orchester gern ein paar Gläser Sekt und Schnittchen, um in der Konzertpause den Journalisten zu erläutern, was man denn medial alles mache, und dass man jetzt ein tolles zweites Fernsehstudio im Haus habe. Der Klassikmarkt ist längst ein globaler, dass ein Orchester in Fernost und Amerika ankommt viel wichtiger als die konzertierten, die man zu Hause verkauft. Ist man einmal eine gefeierte globale Marke, kommen die Konzertbesucher selbst, glaubt man. In Berlin weiß man schon lange, dass es so ist. Das ist nichts Schlechtes, schließlich hilft die Popularität des Orchesters auch jener der Musik, die sie spielt. Wer die Philharmoniker irgendwo auf der Welt hört, hört eben auch Beethoven, Mahler oder Strauss. Die Marke zu pflegen, ist damit echte Bildungsarbeit – so lange die Marke Substanz hat.

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker beim Beethoven-Zyklus 2015 (Foto: Monika Rittershaus)

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker beim Beethoven-Zyklus 2015 (Foto: Monika Rittershaus)

Was uns zum derzeitigen Beethoven-Zyklus der Berliner bringt. Denn um Markenpflege zu betreiben, muss man sich erst einmal vom Wettbewerb abheben. Das ist in der unübersichtlichen Welt der Beethoven-Interpretationen besonders schwer. Nach den ersten Abenden des Rattle-Zyklus ist klar: Das zumindest ist den Berlinern gelungen. Es ist ein stürmischer, rasender, voraneilender Beethoven, einer, der pure musikalische Energie sein will, nicht grüblerisches Nachdenken über die großen Dinge. Es ist kein philosophierender Beethoven, sondern ein rein musikalischer, einer der vom Rhythmus lebt, von dynamischer und musikalischer Entwicklung, einer, der sich selbst genug ist. Und einer, der nicht innehält, sondern mit Abenteuerdrang immer weiter will. Rattles Sichtweise ist keine neue – schon sein früherer Zyklus mit den Wienern ging in eine ähnliche Richtung. Stringent ist sie, doch ist es genau diese Stringenz, die zuweilen zum Problem wird. Besonders schön lassen sich ihre Stärken und Schwächen in der Gegenüberstellung der Symphonien Nr. 8 und 6 beobachten.

Der Achten tut Rattles aggressiver Ansatz hörbar gut. Oft als Nebenwerk verkannt, sprüht sie hier nur so vor Energie, entwickelt sie eine explosive Kraft, die überrascht. Dramatisch ist der Grundgestus, auch vor harten und scharfen Klängen scheut das Orchester nicht zurück – ganz im Gegenteil. Die Rhythmik ist klar herausgearbeitet und dient dem musikalischen geschehen als Motor, während die dynamischen Kontraste Spannung erzeugen. Der Effekt ist gerade kein gleichmachender: Die musikalische Welt der Achten, so klar und eindeutig ihr Fundament hier ist, erscheint vielgesichtig. Unruhe ist das verbindende Element, das sich gerade auch in den lyrischeren Passagen, insbesondere im Finalsatz zeigt. Diese Musik sucht einen Weg, ins Morgen, ins Licht vielleicht und ringt mit sich selbst um selbigen. der musikalische Sinnlicher Beethoven – er findet sich in dieser rauen, turbulenten, zerklüfteten Klanglandschaft, die Dirigent und Orchester hier erzeugen, wieder. Und er offenbart eine Energie, der sich der Zuhörer kaum entziehen kann. Dabei bleibt die Identität der Einzelsätze ein wenig auf der Strecke, ist das Werk ein einziger langer Versuch, den Weg endlich zu finden. Wie es das tut, welchen Sog er dabei entwickelt, ist zuweilen atemberaubend. Dabei fehlen auch magische Momente nicht: Das Solo des Gast-Hornisten Eric Terwilliger im dritten Satz etwa geht auch hartgesottenen Kritikern unter die Haut.

Überhaupt fällt in diesem Zyklus auf, wie es immer wieder die Bläser sind, die sich mit bestechender Unabhängigkeit behaupten. In der Pastorale genannten Sechsten gilt das vor allem für die Stars des Orchesters: Flötist Emmanuel Pahud und Oboist Albrecht Mayer, die das Publikum gemeinsam mit dem Soloklarinettisten Andreas Ottensamer wiederholt verzaubern, in dem sie den gesanglichen Grundgestus der Symphonie zum Klingen bringen, ihre zarten Melodie gleichsam schweben lassen im weiten Raum der Philharmonie. Es sind kleine, wenige Lichtblicke in einer Interpretation, welche die Schwächen von Rattles Ansatz schonungslos offenlegt. Auch hier geht das Orchester mit muskulösem Spiel und viel Zug an die Sache, doch will sich das zarte Geflecht der Pastorale dem teilweise brachialen Zugang nicht fügen.

Und so klingt der Kopfsatz sehr massiv und ohne Schwung, der lyrische zweite schwerfällig und schleppend, versucht man es im dritten wie im fünften Satz mit weiten, fast filmhaften Streicherbögen, die eher zukleistern, als dass sie die Musik zum organischen Fließen brächten, behaupten der vierte die explosive Kraft der Sturm-Szene mehr als er sie spürbar werden lässt. Die dichte Klangdecke lässt kaum Licht hinein in eine der farbenreichsten, leichtesten und lichtesten Schöpfungen Beethovens, die  so seltsam leblos, schal und behäbig kommt. Hier fliegt nichts davon, bleibt alles auf dem Boden, ein Ort, an den diese Musik nicht gehört. Rattles enges interpretatorisches Konzept wendet sich hier gegen ihn, weil es mit dieser Musik schlicht nichts anzufangen weiß. Immerhin: Die Marke ist intakt, und das verlangt zuweilen auch Opfer. an diesem Abend sind sie nur zu hörbar.

 

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