Auf zu neuen Ufern

Im Rahmen ihres Beethoven-Zyklus spielen die Berliner Philharmoniker die Symphonien Nr. 1 und 3

Von Sascha Krieger

Das Gewandhausorchester Leipzig hat es getan, die Wiener Philharmoniker ebenso, da können und wollen die Berliner Philharmoniker nicht beiseite stehen: Und so lassen sie ihren viel beachteten Mahler- und Brahms-Schumann-Zyklen der letzten Spielzeiten eine Konzertreihe mit allen Symphonien Ludwig van Beethovens folgen, nach 2008 bereits die zweite in der Ära Sir Simon Rattle. Zweimal spielt man den kompletten Zyklus in der Philharmonie, dann geht es auf Tournee. Dass auch das dritte Standbein der Verwertungskette, die Aufnahme, Bestandteil des Projekts sein wird, ist zumindest nicht auszuschließen, schließlich hat Rattle eine Gesamtaufnahme bislang zwar mit den Wienern, nicht aber mit den Berliner Philharmonikern vorgelegt. Vor Ende seiner Amtszeit 2018 ist das fast Pflicht. Doch Vorsicht ist angebracht: So vielseitig das Orchester sich unter dem Dirigat Rattles zeigt, mit Beethoven tut sich die Kombination fast schon traditionell etwas schwerer, die stärkeren Interpretationen hat das Orchester oft mit Gastdirigenten erarbeitet. Wer etwa Nikolaus Harnoncourts erschütternde Interpretation der Fünften vor vier Jahren im Ohr hat, wird Rattles Einstudierung kaum entgegenfiebern.

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Dass Rattle durchaus bereit ist, Beethoven gegen den Strich zu bürsten, zeigte etwa seine neunte vor einem Jahr. In Ansätzen lässt sich das auch bei der ersten und dritten hören, denen er zumindest sehr klar umrissene Interpretationen zu geben versucht. beim symphonischen Erstling gelingt das nur eingeschränkt. Die Rauheit der Anfangsakkorde löst sich zunächst nicht ein. Die ersten beiden Sätze bleiben eher unentschieden: Die Tempi sind moderat, die dynamischen Kontraste ebenso, die vorwärtstreibende Energie eher gebremst. Vergleichsweise dunkel und kompakt der Orchesterklang, die lichte Rattlesche Transparenz fehlt weitestgehend. Recht spannungsarm plätschert der Kopfsatz dahin, nur gegen Ende gewinnt er ein wenig an Zug, und auch der zweite kann sich nicht recht entscheiden zwischen leichtfüßigem Schwung und schwerem, erdigen Klang. Erst mit dem dritten Satz traut sich Rattle aus der Deckung. Plötzlich werden Kontraste – in Tempi wie Dynamik – klar akzentuiert, das Orchesterspiel muskulös, zuweilen beinahe aggressiv, eilt die Musik unaufhaltsam voran, auch im Finale, wo sich lebendiger Schwung und kraftvolle Dramatik die Waage halten. Dieser Beethoven, der in den ersten beiden Sätzen noch unschlüssig daher kam, will jetzt nur noch eines: weiter, immer weiter, wie es ein ehemaliger Torwart-„Titan“ ausgedrückt hätte. Vor allem die Streicher bringen Licht in den dramatischen Wirbel. Hier findet Rattle den späteren Beethoven schon in Nute vor und doch bleiben Mozart und Haydn präsent.

Die dritte, „Eroica“ genannte Symphonie setzt da an, wo die erste aufhörte. Vom ersten Takt an ist klar, dass diese Interpretation Zug hat. Sie hält sich nicht lange mit der thematischen Suche auf, es gibt nur eine Richtung: nach vorn. Die Tempi sind schnell, das Spiel treibend, der Fokus auf musikalischer Konzentration und Kraftentwicklung mit dem Ziel der Entladung. Der Kopfsatz hat einen klar dramatischen Gestus, welcher der Klanglandschaft einen zuweilen zerklüfteten Charakter verleiht. So zwingend der Sog der Musik ist, so wenig wirkt sich homogen, trotz eingeschränkter Transparenz finden Dirigent und Orchester zahlreiche Brüche und Umschwünge, ringt der Satz im Voraneilen mit sich selbst. Auf der Strecke bleiben dabei die stilleren Momente, fungieren die lyrischen Passagenhier doch einzig als Übergänge, ein Gegengewicht bilden sie nicht.

Darunter leidet vor alle die anschließende Marcia funebre. Schon der Beginn ist von Kontrasten geprägt: Die thematische ebene und die Grundierung der Bässe klaffen hörbar auseinander und erzeugen eine Reibung, die Unruhe bringt. Der Grundgestus ist tragisch-dramatisch statt still und trauervoll, wirklich bei sich ist der Satz nur in seinen lebhaften Passagen: Hier weitet sich der Klangraum, lässt Rattle Licht hinein – etwa im Aufblühen der Holzbläser – wird das Anschwellen zur Grundbewegung. Das ist im Sinne des großen Ganzen durchaus stringent gelesen, reduziert einen der wunderbarsten und berührendsten Sätze der Symphonik jedoch zu einer rein dienenden Funktion. Das Innehalten ist die Sache dieser Eroica nicht. Zu Hause ist sie in den schnelleren Sätzen: Ganz wunderbar das wie beiläufige Entstehen des dritten, der ohne Umwege seiner Kraftentladung zustrebt und dabei auf leichten Füßen daher kommt. Die Fragezeichen des langsamen Satzes spült er geschwinde hinweg, der raue Hörnerklang des Trios tut ein übriges, freundlich pastorale Stimmung gar nicht aufkommen zu lassen.

Das Finale beginnt fragmentarisch: Lang sind die pausen, die Rattle setzen lässt, während sich die Musik aus ihren Einzelteilen zusammensetzt. Es ist, als träte er kurz zurück, betrachtete das Ganz aus der Entfernung, nur um sich sogleich wieder hineinzuwerfen in das Gewimmel des apotheotischen Schlusssatzes. Scharf sind die Kontraste zwischen den motivischen Elementen, treibend, fast eilend der Grundgestus, immer wieder kommt es zu explosiven Entladungen, aber auch zu scharfen Brüchen. Die Aufspaltung der Themen etwa ist klar herausgearbeitet, aber sie führt nicht zu einem Zerfallen, sondern dient der Neufokussierung. Erneut fehlt das Moment des Innehalten: So sehr sich etwa die Soloklarinette bemüht, den Drang zu bremsen, so sehr bleibt sie Intermezzo und Brücke zwischen dem, was hier als wesentlich erscheint: Der Drang – der wohl vor allem jener des Symphonikers Beethoven sein soll – Vorwärtskommen, Neues zu entdecken und altes hinter sich zu lassen. Das ist sicher auch biographisch gelesen und in seiner Konsequenz zwingend. Dass dabei so mancher Zwischenton auf der Strecke bleibt, wird dabei in Kauf genommen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: