Ins Dunkel

Henrik Ibsen: Peer Gynt, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Ivan Panteleev)

Von Sascha Krieger

Die Welt ist ein Sandkasten. Dünn ist die Schicht des feinen Stoffs, dem man nachsagt, den Eintritt in die Nachtwelt des Schlafes, der Träume und Albträume zu ermöglichen. Hier bedeckt er nur minimal eine verlassene Traumlandschaft, von der nichts geblieben ist, als eine vage Erinnerung an hochfliegende Pläne, große Sehnsüchte, den Traum von einem Leben, das Spuren hinterlässt. Ein klapprige Hütte, aus Ästen zusammengestoppelt, die Wände aus dünnem Papier. Ein Rückzugsraum, der keiner ist, ein Traumort, der sich selbst nicht glaubt. Hier nun steht er, Peer, der, wenn es nach der Mutter geht, Kaiser hätte sein können, und der doch schon daran scheitert, einfach er selbst zu sein. Dieser Peer zieht nicht mehr hinein in die Welt, er bleibt – etwa wenn er von seinen Eroberungen als Kolonialist und Geschäftsmann berichtet – wie angewurzelt hier stecken, im Traum vom Ich. Ein Ich, das er nicht findet, nicht finden kann, weil es in der ersehnten ungebrochenen Form nicht existiert. Ivan Panteleev hat den berühmten Zwiebelmonolog in seiner Inszenierung weggelassen. Er braucht ihn nicht, das kernlose Individuum zeigt sich hier ganz ohne kommentierenden Gestus. Nackt. Rat- und rastlos. Verloren.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Samule Finzi spielt diesen Peer – oder besser: er spielt die möglichen Peers durch. An seiner Seite steht Margot Bendokat als Katalysatoren, Stichwortgeberin, Manifestation jener Ich-Teile, die Peer noch immer für die Welt hält. Da wechseln die Frauen in schneller Folge ihre Identität, braucht es bei Bendokat nur einen sich verhärtenden Blick oder ein Schärfen der Stimme, und bleibt doch alles eines, bleibt alles in diesem Peer, der sich mal stiller Verzweiflung hingibt, sich mal in rastloser Geschäftigkeit verliert, der in Verlorenheit erstarrt oder sich zur Karikatur des tätigen Menschen verzerrt. Es wird gespielt in diesem Sandkasten: Ich- und Weltentwürfe werden durchexerziert, Geschichten erfunden und ausprobiert, verworfen und durchgespielt, unterschiedlichste Ichs und ebenso unterschiedlichen Spielmodi jongliert, durcheinandergeworfen, wieder in die Ecke gestellt. Die Macht des Geschichtenerzählens, das Erschaffen von Welten und Möglichkeiten, es erweist sich als brüchig. Irgendwann ist die Hütte noch Skelett, das Papierabgerissen, die Fetzen zu letzten Textangeboten reduziert, die auch nicht mehr zünden. Peer Gynt ist ein Wanderer auf dem weg zu sich selbst, der sich nicht findet, weil er das Falsche sucht. Nur, dass die Wanderung hier nur noch auf der stelle geschieht, denn es gilbt keinen Ort mehr, zu dem er aufbrechen könnte.

Johannes Schütz‘ Bühne ist eine Traumversion Beckettscher Leere, Finzis Gynt ein zurückgelassener Estragon, der sich seine Vladimirs selbst schaffen muss. Und so spielt er: sich selbst, die Anderen, die Welt. In immer neuen Inkarnationen und Interpretationenversucht er sich zu entwerfen und seinen Platz im Universum. Und scheitert doch, da er nicht erkennt, dass er nicht nur viele sein kann, sondern muss, dass dieses eine, unteilbare Ich mehr Illusion ist als Aases Träumereien vom Kaiser Peer. Ivan Panteleevs Inszenierung schält sich aus dem Dunkel und der Stille und sie wird am Ende dorthin zurückkehren. Sie ist keine Feier der Imagination, sondern ein ganz leises, sachtes Kammerspiel des suchenden Menschen. In dem die Grenzen verschwimmen, die projizierte Außenwelt in der Person Bendokats bald realer erscheint als Finis sich selbst auflösender Peer. Es ist ein Abend, der vom Spiel der beiden grandiosen Darsteller lebt, die in Sekundenschnelle Identität und Weltsicht wechseln und deren Spiel doch gerade durch seine gezielte Beliebigkeit Kontur gewinnt. Den Widerspruch als Gewinn zu akzeptieren gelingt Peer nicht. Dem Abend schon: Er ist still und hektisch, ironisch und tiefernst, komisch und berührend, lächerlich und substanziell. „Schlafe mein Junge, schlaf ein.“, ruft Bendokat dem im Dunkel verschwundenen Finzi zu. „Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen“, fragt sich Hamlet ängstlich. Ivan Panteleev lässt sie erzählen. Und plötzlich verlieren sie ihren Schrecken. An der Verlorenheit des sich selbst Suchenden ändert das nichts, aber vielleicht verbirgt sich hier doch eine Antwort. Oder ganz viele.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: