Klamauk und Dosenbier

Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan, Berliner Ensemble (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Vielleicht war Leander Haußmann vor zwei, drei Jahren mit Claus Peymann eine Hose kaufen und dann mit ihm essen, vielleicht waren es auch nur ein paar Gläser Wein in der BE-Kantine. Am Ende stand dann womöglich ein Deal: Peymann gibt Haußmann seine Bühne, um mit zwei Klassikerinszenierungen seiner auf Eis liegenden – und mit seinem Volksbühnen-Rosmersholm  alles andere als reanimierten – Theaterkarriere neues Leben einzuhauchen, danach muss er ein Stück des nicht immer so ganz guten Hausgeistes Brecht machen. Vielleicht legte der große Provokateur und Unruhestifter Peymann auch gleich das Stück fest. Das ist natürlich pure Spekulation, doch lädt der Abend eben zu solcherlei Sinnieren ein. Irgendetwas muss der mehr oder weniger geneigte Rezensent während der bald vier Stunden ja tun – das Geschehen auf der Bühne gibt die Antwort, warum Haußmann sich uns und ihm selbst dieses Stück antut, jedenfalls nicht. Natürlich lässt sich argumentieren, dass die Parabel von der guten Shen Te, die zwischen Moralheuchelei und brutaler Kapitalismus-Mechanik zerrieben wird und nur überleben kann, wenn sie ihrem guten Ich ein böses – also kapitalistisches – Alter Ego hinzufügt, in Zeiten linker Wahlsiege in Griechenland und anderswo und eines US-Präsidentschaftskandidaten, der Rekordmassen anzieht, gerade weil er sich offen als Sozialist bezeichnet, auf den Zeitgeist trifft. Und doch ist Brechts simples Gut-Böse-schema irgendwie aus der Zeit gefallen. Den Kapitalismus nach über sechszig Jahren sozialer Marktwirtschaft als nur böse zu interpretieren, greift denn wohl ein wenig kurz.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Haußmann fällt dazu auch wenig ein. Er lässt seinen Brecht vom Blatt spielen, zieht die Charaktere ins Karikatureske, wirft ein wenig Slapstick ein und hofft, dass das irgendwie trägt. Tut es nicht. Auch wenn das Kammerspiel unter Straßenlaternen (Bühne: Vea Lewandowsky) bald einer vage Castorf-inspirierten Wimmle-Bühne ähnelt – bei der nicht nur der an den neben dem Castorf-Haus stehenden Glaskasten angelehnte Kiosk der Shen Te und das reichlich vernichtete Dosenbier an das große Vorbild erinnern – entwickelt der Abend nie auch nur einen Hauch der Energie, der noch Haußmanns Hamlet und Woyzeck an gleicher Stelle zu packenden Theaterabenden machte. Dieser Abend entwickelt nie Rhythmus, hat keinerlei Tempo und ist in sich alles andere als stringent. Die Figurenzeichnung ist nicht nur plakativ, sondern auch entsetzlich langweilig. Die Shen Tes gute ausnutzenden Schmarotzer sind schmierige Abziehbilder von Seifenopern-Bösewichten, ihre Lächerlichkeit in jeder Sekunde ausgestellt, während Antonia Bills Shen Te mit einer derart penetranten Naivitätsshow daherkommt, dass man schon lieber Traute Hoess Sandkasten-Bösartigkeit und Matthias Mosbachs Flieger-Karikatur, die unweigerlich an den Kapitän der Costa Concordia erinnert, zuschaut. Und das ist beileibe nicht Abendfüllend.

Die Figurenumschwünge sind unmotiviert und doch nie ironisch gebrochen, die Szenen lieblos aneinander gepappt – es muss ja irgendwie weitergehen – slapstickhafter Spielmodus und heiliger Text-Ernst klaffen auseinender, reiben sich aber nicht. Klar gelingen Haußmann ein, zwei hübsche Szenen: Wie Yang Sun eine der Straßen-Laterne zu Suizid-Zwecken heran lockt und sie Shen te wie einen dressierten Hund wieder von ihm und seiner Schlinge weg bringt, ist feine Theaterpoesie. Auch das Leitmotiv des Scheinwerferlichts – der als Wohltäter erscheinen wollende Barbier drängt sich hinein, während Shen Te im Moment ihrer Ich-Aufspaltung mit dem Lichtkegel ringt – ist präzise herausgearbeit und erlaubt vor allem in letzterer Szene schmerzhafte und berührende Einblicke in die eben nicht nur duale Natur des Menschen und seiner Gesellschaft. Doch verpuffen sie schnell im szenischen Einerlei.

Da ist keinerlei Haltung zu spüren – nicht zum Text und schon gar nicht zu der Welt, aus welcher der Zuschauer doch gerade erst gekommen ist, und in welcher der Umgang mit einer wachsende Zahl hilfsbedürftiger Menschen ein nicht gerade vergessenes Thema ist. Selbst wenn gegen Ende die fatale Aussage fällt, es seien der Bedürftigen einfach zu viele, weshalb man – wie der imaginäre Vetter es tut – ihnen irgendwann den Rücken kehren müsse, wird das unwidersprochen wegignoriert. Und so sehen wir einem seltsamen Zwitterabend zu: auf der einen Seite alberner Klamauk, der sich mit der Vorlage kein bisschen auseinandersetzt, sondern sie einfach als Spielmaterial gebraucht (ist das eigentlich im Sinne der gestrengen Brecht-Erben?), auf der anderen todernstes Deklamieren eines Texts, der es sich schon zu seiner Entstehungszeit viel zu einfach machte und auf die unsere nun rein gar keine Antworten mehr hat. Leider stellt Haußmann an ihn auch keinerlei Fragen. Nein, da kann Gerd Kunath am Ende noch so launig den Epilog rezitieren, es bleiben keine „Fragen offen“, denn es wurden nie welche aufgeworfen. Außer vielleicht der vom Anfang: Warum um Gottes (oder der Götter) Willen findet dieser Abend statt. „Man geduldet sich gern, solange es Bier gibt“, heißt es unmittelbar vor der Pause. Vielleicht sollte man die Dosen einfach im Publikum verteilen.

 

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