Ach, wären wir doch Spießer…

Sibylle Berg: Und dann kam Mirna, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Zuerst ist da ein Déja Vu: Die vier jungen Frauen mit Nerdbrille und Schlabberpullover kennen wir doch. In Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen zogen sie mit vervierfachter  Stimme gegen alles und jeden zu Felde: Rollenmuster, gesellschaftliche Erwartungshaltung, eine Welt, die nicht auf einen gewartet hat und dazu auch noch so verwirrend ist, dass man kaum mehr Lust hat, den eigenen Kokon zu verlassen. Es war das Porträt einer Generation, die darauf wartet, dass das Leben losgeht, aber nicht auf die Idee kommt, einfach mal loszulaufen. Und dann kam Minna ist so etwas wie die Fortsetzung: Zu Pulli, Brille und Turnschuhen ist das dröge Blümchenkleid hinzugekommen. Man ist mittlerweile über Dreißig, will alles, nur nicht ankommen oder gar erwachsen werden und hat es geschafft, mit irgend einem Torben ein Kind zu machen. Das heißt Minna und ist irgendwann da. Und übernimmt alles. Und doch auch nicht. Denn eigentlich will man, dass alles so weiterläuft, wie immer, nur eben mit Kind. Man sitzt stundenlang in der Küche und diskutiert Weltverbesserungsszenarien, während sich die Kinder neben an in einer Art englischer Teezeremonie anschweigen. Man plant, den Umzug aufs Land, in eine eskapistische Kommune, was daran scheitert, dass eine nach der anderen noch etwas klären muss, meistens mit sich selbst, und dass Minna einen eher rabiaten Schlussstrich zieht unter die Tagträume der Mutter.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Und dann kam Mirna handelt von der Weigerung der Eltern erwachsen zu werden und der Sehnsucht der Kinder, es noch nicht sein zu müssen. Wo die eine die Welt der Eltern ablehnt, und eine Peter-Pan-artige Rebellion anzettelt, will die andere einfach nur „Spießer-Eltern“. „Irgendwann macht das Jungsein keinen Spaßmehr, weil man einfach nicht mehr jung ist, sondern tut“, lautet eine der ersten Erkenntnisse des Stücks, eine, die sich nicht in Handeln übersetzt, weil die Realitätsverweigerung dann einfach weitergeht. Die Generation der unabhängigen Frauen, die Gender-Barrieren einrennen und heteronormative Muster ablehnen, sie bleiben im Ungefähr, sehnen nicht nach Nähe und lassen sie doch nicht zu, klammern sich – im Wortsinn ans Kind, weil sie eben doch irgend jemanden brauchen. es ist die Grundpointe von Sibylle Bergs gewohnt furiosem und sprachmächtigen, dabei stets messerscharf komischen Text, dass die vermeintlich Unabhängigen die Verlorenen, Suchenden sind, währen die Spießer-Kinder, die sich bewusst nicht genderneutral kleiden, um ein Gegengewicht zur ziellosen Mutterideologie zu binden, mit zehn eine Unabhängigkeit erreicht haben, die der Mutter vollends entgangen ist.

Wie schon im früheren Abend vervierfacht Regisseur Sebastian Nübling die Hauptfigur, stellt ihr diesmal eine ebenfalls vierfache Tochter gegenüber – in pinker Jacke und Jeans-Hotpants. Und ebenso wie „damals“ strickt Tabes Martin für sie eine Choreografie, die zwischen Verzweiflung und Panik, Überforderung und Ratlosigkeit, Verwirrung uns Angst schwankt. Herumgeworfene, durchs leben Taumelnde, die sich keine Kontrolle erlauben, Getriebene der eigenen Illusion und Realitätsverweigerung. Dem gegenüber steht das Vierfach-Kind als Handelnde – ob sie nun die gemeinsame Geschichte in Form von Büchern und Stofftieren am Bühnenrand entsorgt oder choreografisch selbst das Zepter in die Hand nimmt. Und wie schon beim früheren Abend ist die Bühne vor geschlossenem eisernen Vorhang leer, so leer wie das Papier, auf dem der Lebensplan der Vierfach-Mutter steht.

Natürlich ist das auf Textebene fein beobachtet und scharf kommentiert, ein beißendes Porträt einer Generation, die sich vor lauter Selbstverwirklichung in überforderter Erstarrung verliert. Und selbstverständlich ist das Spiel des Ensembles – zu Suna Gürler, Cynthia Micas und Rahen Jankowski kommt diesmal Çiğdem Teke hinzu –  pointiert, hochkomisch, präzise und immer eine Drehung der Realitätsschraube weiter. Und ja, die Inszenierung ist erneut eindringlich in ihrer Erhebung des Texts über das rein Persönliche (in der Multiplizierung der Figuren) und in ihrer Visualisierung der selbst gewählten Verlorenheit dieser von sich selbst emanzipierten Generation. Und doch schmeckt dieser Abend schaler als sein Vorgänger, wie ein verdünnter Aufguss, ist die Dichotomie – verlorene Eltern- und viel zu frühe Verantwortung übernehmen müssende Kindergeneration – ein bisschen sehr einfach gedacht und alles andere als klischeefrei.Dem Abend fehlt die Reflexionstiefe wie der Furor von Es sagt mir nichts, er geht nirgendwohin, wo es wehtun könnte und verlässt sich zu sehr auf die Ausgangspointe. Ja, Und dann kam Mirna ist ungemein unterhaltsam, satirisch scharf und hochkomisch, aber macht es sich – und uns – doch ein wenig zu leicht. Der Stachel, der beim Vorgänger noch im dramatischen Fleisch steckte, fehlt diesmal.

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Ein Gedanke zu „Ach, wären wir doch Spießer…

  1. […] am offenen post-post-modernen Herzen. Nach Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen und Und dann kam Mirna nun also der dritte Streich von Sibylle Berg und Sebastian Nüblings bebrillter Viererbande, die […]

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