Die Selbstverständlichkeit des Magischen

Die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim und Martha Argerich spielen Beethovens zweites Klavierkonzert

Von Sascha Krieger

Wer verstehen will, warum Martha Argerich als Ausnahmepianistin gilt, warum  ihr ein Maß an Wärme und Zuneigung entgegen schwappt, von dem viele nicht weniger respektierte Kolleg*innen nur träumen können, muss nicht bis zum Ende des Mittelsatzes von Ludwig van  Beethoven zweitem Klavierkonzert warten. Doch gerade hier, in den kurzen Solopassagen des Klaviers und seinem Frage-und-Antwort-Spiel mit dem Orchester, zeigt sich die besondere Magie von Argerichs Spiel. Wie sie die Töne aus der Stille pflückt, sich die Musik in diesem Moment aus Klangfragmenten zusammenfügt, den Raum füllt und zu schweben beginnt, das Orchester sich ganz und gar auf sie einstellt, plötzlich fast kammermusikalisch zurückgenommen agiert, mit einer Zartheit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte – das ist ohne große Worte wie „Magie“ und „Wunder“ nicht ansatzweise zu beschreiben. Martha Argerich durchschreitet den Klangraum des jungen Beethoven mit schlafwandlerischer Sicherheit, festen Schritts, doch stets so leichtfüßig, dass da kaum eine physische Berührung der tasten zu sein schein. Diese Musik schwebt schwerelos im Raum und ist zugleich zutiefst erdverbunden, sachlich, durchdacht, von musikalischer Vernunft durchdrungen.

Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin 2013 (Foto: Holger Kettner)

Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Musikfest Berlin 2013 (Foto: Holger Kettner)

Die Selbstverständlichkeit, mit der Martha Argerich das leichte mit dem Schweren verbindet, lyrisch fließendes Spiel mit rhythmischer Prägnanz, höchster Detailschärfe und analytischer Klarheit, wie sie weder reinen Schönklang noch pure Virtuosität liefert, sondern alles eine untrennbare Einheit bildet, bei der der klare Gedanke das innige Gefühl braucht und umgekehrt, ist in der Musikwelt einzigartig. Es gibt spektakulärere Interpret*innen und es gibt solche, die noch schöner klingen, doch die Weite des musikalischen Universums, die Argerich zu durchmessen im Stande ist – vom schwerelosen Fluss des Adagio bis zur fast aggressiven Härte der Kadenz des Kopfsatzes, in der sie den Blick weit voraus wagt, jenseits des noch ganz der Mozart-Welt verhafteten jungen Beethoven – sucht ihresgleichen. In Daniel Barenboim und Martha Argerich, mit dem sie viel verbindet – beide sind Anfang der 1940er Jahre in Buenos Aires geboren, feierten jung schon große Erfolge, gelten als zwei der wichtigsten Pianisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sind seit vielen Jahren eng verbunden – in persönlicher Freundschaft wie in künstlerischer Harmonie.

Das spürt man: Die dialogische Struktur des Werks arbeiten Orchester wie Solistin fein heraus, immer wieder wirkt die Musik wie ein Wechsel aus Frage und Antwort, wobei die Protagonisten sehr unterschiedliche Charaktere annehmen. Argerichs Leichtigkeit steht der dunkle, dichte, durchaus muskulöse Orchesterklang entgegen, den Barenboim seine Musiker entfalten lässt. Wo Argerichs Bewegung oft eine suchende ist, spielt das Orchester zügig, die Zügel fest in der Hand. Keiner dominiert, es ist ein echtes Zwiegespräch, bei der keine Seite „Recht hat“, sondern beide immer nur gemeinsam. So sehr Argerichs Spiel verzaubert, berührt, bewegt, so sehr lässt sie dem Orchester Raum jenseits bloßer Begleitung oder Grundierung. Ihr perlender Klang braucht den dunklen, festen Grund, wie dieser die Höhen braucht, in die sich das Spiel der Solistin hinaufzuschwingen vermag. Erst in der Einheit wird das Werk zu dem wichtigen Genrebeitrag, der auch dieses tatsächlich als erstes der Beethovenschen Klavierkonzerte entstandene ist.

Leider ist es aber nur 30 Minuten lang, weshalb der Abend hier nicht enden kann. Und so erklingt nach der Pause Edward Edgars erste Symphonie. Die Interpretation der Staatskapelle tut wenig, um das einst so populäre Werk dem Vergessen, das sich seiner zunehmend bemächtigt hat, zu entreißen. Seine Monumentalität wirkt aus der Zeit gefallen – wo ein Gustav Mahler immer wieder Brüche setzt, Sichtlinien in ein unbekanntes Morgen einzieht, oder das Nichts als bedrohliche Möglichkeit spürbar macht, ist bei Elgar die romantisch große Geste, der weite Melodiebogen, der ungebrochen optimistische Klangreichtum. Das Spiel des Orchesters ist äußerst muskulös, zuweilen, etwa im Schlusssatz. ein wenig uneben, wo die Blechbläser zu sehr schreien, das Schlagzeug einen Tick zu dominant ist. Das ist schon im zweiten Satz so, in dem die rhythmische Schärfe und das aufgewühlte Brodeln des Orchesters wie ausgestellt wirken. Barenboim setzt auf Kraft und Lautstärke, doch gerät sein Ansatz oft zu schwer, zu plakativ dramatisch, zu gewollt monumental. Der Farbenreichtum, den das Werk durchaus aufweist, geht im dichten Klang und gewollten Lärmen meist unter. Aber auch jegliche klangliche Opulenz, die zu Edgars romanischem Pathos passen würde, fehlt, zu hart, zu rau ist die Klangwelt, die Barenboim hier entfalten lässt. So klingt Edgars Erste irrelevanter und uninteressanter als sie müsste. Ein Partner auf Augenhöhe für den ersten Konzertteil konnte sie allerdings ohnehin nicht sein.

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