Hoch auf der gelben Treppe

Yael Ronen & Ensemble: The Situation, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Deutschland in 90 Minuten“ heißt das Versprechen gleich zu Beginn und es fällt schwer zu behalten, der neue Abend von Yael Ronen löste es nicht ein. Irgendwie. Eine quietschgelbe Doppeltreppe (Bühne: Tal Shacham) ist dieses Deutschland, bevölkert von jenen, bei denen wir uns so gern so schwer tun, sie einzuordnen in dieses seltsame Konstrukt namens Deutschland. Immigranten, Exilaten, „Expats“ – wie für alles andere haben wir auch für jene, die in dieses Land kommen, Hierarchien, steht das palästinensische Flüchtlingskind in  unseren Augen nicht auf einer ebene mit dem hier lebenden Israeli. Aber wenigstens sitzen sie auf der gleichen Treppe: eine jüdisch-israelische Frau mit ihrem arabisch-israelischen Mann, eine schwarze Palästinenserin und ein palästinensischer Rapper und Parcours-Läufer, ein syrischer Kriegsflüchtling. Und dann ist da noch Stefan, Prototyp des toleranten Deutschen, dessen Hilfsbereitschaft zwischen bevormundend und übergriffig schwankt und der seine eigene Migrationsgeschichte mit im Gepäck hat.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Sieben Lektionen hat der Abend parat – von „Wer bist du?“ bis „Konjunktiv“. Die Möglichkeitsform wird zum Grundgestus des Abends, nachdem alle Versuche verlässlicher Definition krachend komisch in sich zusammenfallen. Der erste Teil des Abends ist ein wilder, kalauernder, brüllend komischer Ritt durch Klischees, Rollenzuschreibungen, Vorurteile und Missverständnisse. Da sind das jüdisch-arabische Paar, das sich scheiden lassen will und sich gegenseitig Identitätskonstrukte um die Ohren hauen lässt, der arabische Israeli, der sich von den „eigenen Leuten“ weniger akzeptiert findet als vom vermeintlichen Feind, weil er nicht in deren Schwarz-Weiß-Schema passt, die Israelin, die mit Holocaust-Schuld-Klischees spielt und der Syrer, dessen Charakterisierung des heimischen Konflikts als großen Witz den mitfühlenden Deutschen aus dem Konzept bringt. Rohen und ihr Ensemble brennen hier ein irrwitziges Feuerwerk von Identitätsbehauptungen ab, die sich ineinander verknäueln, sich gegenseitig von der Bühne schießen und in einem derartigen Wirrwarr von Abgrenzungen und Frontlinien enden, dass irgendwann nicht mehr durchschaubar ist, wer auf welcher Seite steht, weil sie sich doch irgendwie alle auf der gleichen wiederfinden.

Denn allesamt sind sie Entwurzelte, Heimatlose, die das Zuhause hinter sich lassen wollen oder nicht von ihm loskommen und irgendwann gar nicht mehr wissen, was und wo dieses „Zuhause“ eigentlich ist. Und so wird es stiller auf der Bühne, drängen Geschichten ins Rampenlicht, Flucht- und Migrationsgeschichten, die vor allem eines sind: Lebensgeschichten. Allen voran die Stefans, der eigentlich Sergej heißt, ein in Kasachstan geborenener „Deutschstämmiger“, der von seinem Leben im Wartezustand erzählt und dem seiner Eltern zwischen den Welten. Insbesondere von seinem Vater, einem korrupten Funktionsträger, der sich Straßengangstern gegenüber sicherer fühlt als in der Geborgenheit deutscher Normalität und der, wie es einmal heißt, „der russischen Autobahnmafia deutsches Quittungswesen beigebracht hat“. Witziger und pointierter ist das Thema Migration auf einer deutschsprachigen Bühne wohl noch nicht zusammengefasst worden. Da sieht man auch gern über das dann doch ein wenig zu pathetisch optimistische Ende hinweg, hat der Abend in seiner wilden um sich  herumlaufenden und sich immer wieder selbst verwirrenden Irrwitzigkeit längst für alle vermeintlichen Unzulänglichkeiten, kleidete Längen und zuweilen verpuffende Pointen entschädigt.

The Situation ist ein vor Ideen, Gedanken und Ironie zu so überquellender Abend, der Fragen nach Identität schneller ad absurdum führt, als er sie stellen kann, der munter und gutgelaunt mit Klischees um sich wirft und keine Mühe hat, den Blick auf den ernsten Untergrund tatsächlicher Lebenswirklichkeiten jenseits des Schwarz-Weiß zu richten. Und er tut das in der Ronen-typischen Verschränkung von Fiktion und Realität. Stefan-Sergejs Geschichte ist eben auch die des Schauspielers Dimitrij Schaad, Leilas die der ebenfalls aus dem Flüchtlingslager Jenen stammenden Maryam Abu Khaled, der arabische Israeli und Schauspieler Youssef Sweid spielt den arabischen Israeli und Schauspieler Amir, der 19-jährige Parcours-Sportler und Rapper Karim Daoud den Parcours-Sportler und Rapper Karim. The Situation ist ein Hochgeschwindigkeits-Spiel von Distanz und Nähe, beißender Ironie und bewegender Wahrhaftigkeit, Spott und Ernst, brüllender Komik und stiller Trauer. Er ist auch ein migrantisch-deutscher Abend: perfekt strukturiert und anarchisch, didaktisch geordnet und chaotisch aus dem Ruder laufend, ein Abend, der in seiner Spielhaftigkeit, seinem Gestus des Ausprobierens und Verwerfens soviel Wahrheit transportiert, dass einem schwindelig wird. Es ist keine Wahrheit, die sich für Soundbites in Tweet-Länge eignet, sondern eine, die so verwirrt und verwirrend ist wie die seltsame Welt, aus der dieser großartige Abend herüberschwappt.

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Ein Gedanke zu „Hoch auf der gelben Treppe

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