Warten auf Orpheus

Nach Claudio Monteverdi: Orfeo. Eine Sterbeübung, Ruhrtriennale / Berliner Festspiele (Regie: Susanne Kennedy, Suzan Boogaerdt, Bianca van der Schoot)

Von Sascha Krieger

Susanne Kennedys Theater ist eines des Stillstands, der Entindividualisierung, der Distanz als Form und Inhalt. In gefeierten Arbeiten wie Fegefeuer in Ingolstadt oder Warum läuft Herr R. Amok begibt sie sich hinab in die Hölle der Normalität, zeigt eine Welt, in der Individualität bloße Behauptung ist und in Wirklichkeit Assimilation und Gleichschritt regieren. Sichtbares Symbol sind die Kuststoffmasken, die Kennedy den Schauspielern überstülpt. Bewegung findet nicht statt, Ihre eigene Stimme haben sie längst verloren, wenn sie sprechen, tun sie es nicht mit der eigenen Stimme. Kennedy gibt der Entfremdung Bilder, Töne, Stille. Am Entsetzlichsten ist jedoch nicht diese abweisende Künstlichkeit und das, was sie entlarvt, sondern, wie vertraut diese mechanische Puppenwelt wirkt, wie nah die kaum merklichen verzweifelten Ausbrüche eines R. gehen. Denn das was diese Figuren innerlich wie äußerlich tötet, ist auch um uns, in uns, wenn wir nicht aufpassen. Die Plastikwelt der Susanne Kennedy ist unsere.

© JU / Ruhrtriennale

© JU / Ruhrtriennale

Wenn aus dem Guckkastentherater der früheren abends jetzt ein begehbare Installation wird, ist das konsequent. Hier wird die Erstarrung zur Form, der Besucher/Zuschauer zum Teilhaber des Stillstands. Dass kennedy mit den Performerinnen Suzan Boogaerdt, Bianca van der Schoot und dem Solistenensemble Kaleidoskop sich die Geschichte um Orpheus herausgesucht hat, der seine Geliebte Eurydike aus der Unterwelt holt, den Tod aber nicht zu besiegen vermag, ist nachvollziehbar, tut aber wenig zur Sache. Bestenfalls gibt es Gelegenheit, das eine oder andere Bruchstück von Claudio Monteverdis wunderbarer Musik, musikgeschichtlich der ersten Oper überhaupt, erklingen zu lassen – zum Teil live aufgeführt – was die resignative Atmosphäre der Installation teils verstärkt, teils erträglicher macht. Im Mitteölpunkt sztehen Geschichte und Musik nicht.

Der Star ist das warten. Der Parcours beginnt in einem Wartezimmer, in dem der Zuschauer Instruktionen erhält, praktischer – etwa das Handy auszuschalten – wie metaphysischer Natur – zum Beispiel, dass es nichts brächte, am leben festzuhalten. Dann geht es durch artifiziell komprimierte Alltagsräume: ein Wohnzimmer in Erdfarben, eine gelbe Küche, ein violettes Badezimmer, einen mit Backsteintapete ausgestatteter Kellerraum. Die Räume sind leer, bewohnt von starrenden und erstarrten blondperrückten Eurydikes, die, wenn sie nicht gerade die Zuschauer mustern, Kirschkerne ordnen, aus nicht vorhandenen Fenstern starren oder sich gedankenverloren zu unhörbarer Musik bewegen. Bildschirme zeigen alternative Versionen des eigenen Selbst, amerikanischer TV-Familienalltag weht akustisch heran, die Oberfläche verbirgt nichts mehr, ist sich selbst genug. Da braucht es den Gang in den ätzten Raum, in dem Eurydike auf dem Sterbebett ausgestreckt liegt nicht mehr, auch nicht den Einzelbesuch beim singenden Orpheus im gleißenden Krankenhaus-Weiß – alles Leben ist von Beginn an längst vergessene Erinnerung, der physische Tod folgt dem seelischen viel zu spät. Das Leben als Warten auf den Tod – es kann schon mal 30 Minuten dauern, bis der Besucher aus dem Vorraum zur Orpheus-Audienz vorgelassen wird – ganz neu ist der Gedanke nicht, ebenso wie die Idee des Vorstadtidylls als von Zombies bewohnter (Vor-)Hölle.

Nur hat Orfeo eben sonst nichts zu bieten. Der zwischen 70 und 90 Minuten dauernde Parcours ist eine Kondensation aus Kennedys bisherigen Schaffe, erstellt deren Grundidee aus, statt sie wie zuvor in ihren Facetten, Brüchen, aber auch ihrer zwingenden Stringenz durchzuexerzieren. Das Konzept ist schnell begriffen, Langeweile setzt ein – sicher durchaus gewollt – aber sie tut mit dem Besucher nichts. Die Distanz bleibt, diese bewegungslosen maskengestakten haben mit uns nichts zu tun, diese Welt ist eben nicht die unsere, wir bleiben Beobachter, führ die der Ausgang am Ende nur einer zurück in die Realität ist.  Die Musik ist Beiwerk, die Aussage dünn, die atmosphärische Dichte Behauptung, selbst die klaustrophobische Enge der Schleusen zwischen den einzelnen Stationen überträgt sich nicht auf den Besucher. So aufwändig die Inszenierung ist, immer wieder finden sich zunächst übersehene Elemente, die aber letztlich nichts Neues beitragen oder gar argumentative Stachel setzten, so schlicht ist der Grundgedanke: Was wir „normal“ nennen, ist unwert eigener kollektiver Selbstmord, weil wir, wenn wir uns anpassen, ein- und unterordnen, uns selbst verlieren. So weit klar, aber dazu braucht es keine 80 Minuten. Doch vielleicht ist nicht alles umsonst, zeigt die Arbeit doch zumindest die einzigartige Qualität des großartigen Solistenensembles Kaleidoskop, dessen Existenz derzeit durch fehlende Förderung bedroht ist. Da hilft kein Warten, sondern ist Handeln angefragt. Doch ob das im Sinne von Orfeo ist?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: