Gepflegte Langeweile

Musikfest Berlin 2015: Matthias Pintscher dirigiert zum ersten Mal die Berliner Philharmoniker

Von Sascha Krieger

mar’eh heißt Matthias Pintschers 2011 uraufgeführtes zweites Violinkonzert. Mit „Gesicht“ oder „Antlitz“ ließe sich das hebräische Wort übersetzen, aber auch mit „Erscheinung“. Und genau darum geht es, das Erscheinen von Klang, die „Aura“, wie Pintscher selbst es nennt, die mit diesem Auftauchen verbunden ist. In mar’eh erscheint Klang auf zweierlei Weise: Da ist die zeitliche Ebene, die der Solovioline gehört, die sich zu Beginn kaum hörbar aus dem Nichts erhebt und am Ende dorthin wieder zurückkehrt. Pintscher betrachtet ihr Spiel als liedhaft, zieht es sich doch vom Anfang bis zum Schluss durch, folgt es einer mehr oder weniger geraden Linie mit Beginn und Ende. Dem gegenüber steht das Orchester, in dem der Klang Raum wird. Fragmente stellen sich in diesen, mal massiver, mal fragiler, zumeist grundiert vom Schlagwerk. Brüchig, zerklüftet, instabil ist die Landschaft, in der sich der Klang der Solovioline entfaltet. Renaud Capuçon entlockt seinem Instrument filigrane Töne, einen Gesang, der stets zu zerreißen droht und doch hinaus will ins Weite, fein, dünn, scharf, sich selbst erst bewusst werden. Das Orchester spielt präzise, schnörkellos, schlicht, statisch. Das ist in seinem Dualismus durchaus spannend anzuhören, lässt aber in Pintschers eigenem Dirigat keine Zwischenebenen zu – der Dialog von Soloinstrument und Flöten etwa, der die Dichotomie aufbrechen könnte, findet kaum statt. mar’eh wirkt hier mehr als Versuchsanordnung, als akademisches Lehrstück über die zeitlichen und räumlichen Dimensionen von Klang.

Die Berliner Philharmoniker (Foto: Monika Rittershaus)

Die Berliner Philharmoniker (Foto: Monika Rittershaus)

Klang ist auch der zentrale Fokus des Dirigenten Matthias Pintscher, der hier sein Debüt am Pult der Berliner Philharmoniker gibt. Fast scheint es, als versuche er, den Zuhörer zurück zu transportieren in eine Zeit, in der Schönklang diesem Orchester alles war und die mancher noch heute für die gute alte hält. Das wird vor allem bei Gabriel Faurés Suite aus Pelléas et Mélisande deutlich. Da lässt es sich leicht schwelgen in diesem Glanz, dem satten, filmmusikhaften Klang, der dicht ist und doch in die Breite geht, der klar und geschliffen weite Bögen nicht scheut und sich ganz bewusst in seiner eigenen Schönheit ganz genug ist. Elegant, warm und in glanzvoller Fülle geben die Streicher den Ton an, die Holzbläser funkeln mit fließenden Linien und ausdrucksstarkem Gesang zurück. Auch die Theatralik im Schlusssatz ist plakativ, der Fokus bleibt an der Oberfläche – so poliert und perfekt diese wirkt, so wenig Bewegung ist darunter. Der Schaueffekt ist allerdings groß, Tiefenschürfung nicht angesagt (dass es im Schlusssatz um den Tod der Titelhelden geht, erschließt sich dem Ohr nicht). Pintscher stellt den Unterhaltungswert und den klanglichen Glanz dieser Musik in den Vordergrund. Schön anzuhören ist das allemal.

Nur kann das eben auch gehörig schief gehen, wie es etwa bei Claude Debussys La Mer der Fall. Dieses vom Impressionismus inspirierte werk will Sinneseindrücke in Musik gießen. Farbenreich vermag es zu dunkel, den Hörer direkt anzusprechen, so als teilte er die Empfindungen des Komponisten im Moment ihres Entstehens. Nichts davon ist bei Pintscher zu hören. Der Pinsel, den er schwingt, ist ein breiter, die Streicherwände sind massiv und klingen nach Hollywood. dazwischen dürfen die exquisiten Holzbläser durchscheinen, das ist alles wunderschön und voller Glanz und bleibt doch Oberfläche, Behauptung. Ganz besonders gilt das für den Schlusssatz, in dem Pintscher nichts anderes einfällt als ihn brachial in Lautstärkeregionen zu steigern, die fast schmerzhaft anmuten und doch hohl bleiben. Das Wühlen der Streicher wirkt wie ausgestellt, die vermittelten „Eindrücke“ erscheinen wie durch zwanzig Drehbuchphasen hindurch optimiert und jeglicher Direktheit beraubt. Zumal dem Werk jede Balance fehlt, worunter vor allem die Blechbläser leiden. Sie passen nicht so recht in Pintschers John-Williams-Klang und so bleiben sie Fremdkörper – zu laut, zu grell, nie Teil des Klangkosmos.

Arnold Schönbergs zweite Kammersymphonie steht irgendwo zwischen der klanglichen Perfektion Faurés und dem lärmenden Ungetüm des Debussy. Fast scheint es, als wüsste Pintscher wenig anzufangen mit einem Werk, das zwar entschieden tonal ist, aber Schönbergs radikale Formsprache  nicht zu verleugnen vermag. Pintscher gibt ihm spätromantische Breite, baut massive Klangwände auf und gibt auch den Passagen, in denen sich das Orchester vereinzelt, eine kompakte, nicht selten blockhafte Wirkung. Der Klang ist schlanker, karger, etwas offener als bei Fauré und Debussy, doch eben auch unschlüssiger. Es ist, als hätte Pintscher an diesem Abend einen Klanganzug für alles und versuchte, als er Schönberg nicht passen will, hier und dort herumzuzupfen und nachzubessern. Der unbedingte Wille zum Schönklang steht neben der abweisenden Schroffheit vor allem des zweiten Satzes. Matthias Pintscher bekommt beide nicht zusammen, es gelingt ihm aber auch nicht, den Widerspruch in Spannung umzuwandeln. Und so bleibt auch hier, was für große Teile seines Philharmoniker-Debüts gilt: der Willen zu einer makellosen Klangkultur, die stets Oberfläche bleibt, unter der wenig zu finden ist.

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