Abschied und Aufbruch

Musikfest Berlin 2015: Christoph von Dohnányi, Carolin Widmann und das Philharmonia Orchestra spielen Werke von Ives, Berg und Schubert

Von Sascha Krieger

Fast sind sie schon nicht mehr da, obgleich sie gerade erst den Klangraum der Philharmonie betreten haben: Sie gehören kaum zur physischen Welt, die schwebenden Töne, welche die Streicher des Philharmonia Orchestra sacht in den Raum legen. Die fragende Trompete kommt wie von weit her, nur die um eine Antwort bemühten Flöten versuchen so etwas wie körperliche Präsent zu behaupten und merken doch schnell, dass der resignative Grundton der Trompete schon alles gesagt hat. Zunehmend hektisch und verzweifelt werden ihre Rufe und fügen sich letztlich der wehmütigen Stille, die sich im weiten Raum der Berliner Philharmonie ausbreitet. Abschiedstöne sind es, die Dirigent Christoph von Dohnányi dem Orchester, dessen Chefdirigent er zehn Jahre lang war und das ihn zum Ehrendirigenten auf Lebenszeit ernannt hat,bei Charles Ives‘ The Unanswered Question entlockt. Doch sie sind nicht schmerzlich, denn sie wissen um die Unausweichlichkeit des Lebewohl. Die dann auch Alban Bergs „Dem Andenken eines Engels“ gewidmetes Violinkonzert prägt. Carolin Widmanns  Spiel ist klar, schnörkellos, hart, zuweilen rau und schroff. Sie verweigert ihrem Instrument zu singen, ihr Ton ist ein kompromissloser, karger, direkter. Keine Politur, kein falscher Glanz, nur umgeschönte musikalische Wahrheit (das gilt auch für die Zugabe, eine gewollt ungeschliffene Interpretation einer kammermusikalischen Bearbeitung von Bachs Choral „Es ist genug“, den Berg im Schlusssatz zitiert).

Das Philharmonia Orchestra, Carolin Widmann und Christoph von Dohnányi beim Musikfest Berlin 2015 (Foto: Kai Bienert)

Das Philharmonia Orchestra, Carolin Widmann und Christoph von Dohnányi beim Musikfest Berlin 2015 (Foto: Kai Bienert)

Das Konzert hebt an in dem Schwebezustand, in dem uns Ives zurückließ. Zart und zerbrechlich der Dialog von Soloinstrument und Harfe, einzeln, einsam lugen die Töne, die einzelnen Instrumente hervor, suchen ihren Weg, finden zusammen und fragen sich doch stets, wohin es gehen soll, gehen kann. Energisch, kraftvoll beginnt der zweite Teil, ein Aufbäumen, das um sein Scheitern weiß. Zerklüftet ist die Klanglandschaft, unentschieden auch, gemeinsam suchen Orchester und Solistin nach dem weg, mal gemeinsam, mal im Dialog, mal gegeneinander. Gespenstisch Widmanns langgezogener, schneidender Geigenton zum Schluss, als wolle sie ein letztes Mal die Zeit anhalten. Zu oft ist Bergs beliebtestes Werk zum Virtuosenstück reduziert worden. Dohnányi, Widmann und das Philadelphia Orchestra reißen es aus dieser Nische heraus, mit ihrem transparenten, lichtdurchfluteten Klang, dem klaren, subtilen Spiel, das doch selten sperrig wirkt, weil es, ganz sacht, der Musik Leben einhaucht, sie schweben lässt in diesem Zwielicht, die jeder abschied ist, ein sachtes, leicht wehmütiges und doch nie bitteres Lebewohl, das auch ein auf Wiedersehen sein könnte.

Hier setzt denn nach der Pause Franz Schuberts Symphonie Nr. 8, die „große C-Dur“, an. Einsam ruft das Horn, ein Abschiedsruf ist es, der das Werk eröffnet. Still und feierlich legen sich die Streicher auf die Szenerie, die von sanfter Wehmut durchzogen ist. Auch das Seitenthema der Holzbläser wirkt, als wehe es von fern heran. Glasklar entfaltet das Orchester seinen transparenten Klang, schlank und licht legt sich ein feines Tongewebe über die zu leeren Zuhörerreihen – ein Problem, mit dem das Musikfest Berlin seit Jahren zu kämpfen hat, das allerdings in diesem Jahr doch spürbar zurückgegangen ist, leider nicht an diesem Abend. Den ersten Satz nimmt Dohnányi organisch, gegen Ende verdichtet er die Einzelstimmen zu erstaunlicher Kraft, zu ernster Strenge, die doch den lichten, innigen Gesang nie ganz zu verdrängen vermag. Fast pastoral muten die Mittelsätze an, sowohl im klassisch glitzernden Klang der Holzbläser im Andante con moto als auch im berückend leicht dahinfließenden Trio des dritten Satzes.Fast programmatisch der Beginn des zweiten Satzes: Hier symbolisieren die tiefe Streichergrundierung und der helle Gesang der hohen Holzbläser den Dialog, der sich durch das ganze Werk zieht. Hier bilden Ernst und Lebensfreude eine Einheit, Tod und leben, Dunkel und Hell bedingen einander, werden die Abschiede der ersten Konzerthälfte zum Aufbruch. Ernst und streng entfaltet sich der zweite Satz und findet doch immer wieder zu pastoral zarten Momenten. So scharf die Streicher zuweilen werden, so duftig bleiben die klänge der Holzbläser – auch im ausdrucksreichen, ebenso kraftvollen wie lyrischen Scherzo.

Und so wird das Finale denn auch zu einer Feier des nur vermeintlich gegensätzlichen. Sehr lebendig, feierlich und glänzend hebt er an, paart lebhafte Fröhlichkeit mit feierlichem ernst und fließt so leicht und mühelos dahin, getragen von einem unvergleichlich schlanken und transparenten Orchesterklang, dass auch dem nüchternsten Zuhörer das Herz aufgehen muss. Treibend ist der Grundgestus des Satzes, voraneilend zu neuen Ufern, neuen Aufbrüchen, aber natürlich auch künftigen Abschieden. Am Ende wühlen sich die tiefen Streicher in einen dramatischen Klimax, durch den die lichteren Sphären hindurchscheinen, der mehr pulsiert als dass er strahlt, voller Leben und Lust an der eigenen Neugier. Unter Experten gilt das Philharmonia als eines der besten Orchester der Welt und doch wird es gern übersehen. Die große Geste ist seine Sache nicht, seine Klangkultur, perfektioniert von Esa-Pekka Salonen, aber schon in der Ära Dohnányi mit Händen zu greifen, findet sich in den Zwischentönen, im schlanken und ungemein durchsichtigen Klang, der akribischen Partiturarbeit, dem wohlgeformten und sehr distinktiven Klang der einzelnen Instrumentengruppen. mit welch wachem Blick sich dieses Orchester Neuerem wie Klassischem zu widmen weiß, zeigt dieser Abend, an dem auch der 85-jährige Dirigent wirkt, als badete er in einem musikalischen Jungbrunnen.

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