Die Kraft des Dazwischen

Musikfest Berlin 2015: Thomas Søndergård und das Mahler Chamber Orchestra eröffnen den Carl-Nielsen-Schwerpunkt

Von Sascha Krieger

Das werk des dänischen Komponisten Carl Nielsen gehört zu den Schwerpunkten des Musikfest Berlin 2015. Sein Auftakt ist ein bescheidener: Nicht nur, dass er erst etwa zur Hälfte des Festival stattfindet, da einige der größten Namen untern den Gästen schon abgereist sind – es findet seinen Anfang auch im intimen Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Nielsen war ein Wanderer zwischen den Welten, bedeutender Symphoniker und Autor populärer Lieder, der Tradition verhafteter Melodiker und radikaler Innovator. Seine Popularität ist nicht vergleichbar mit der leichter zu fassender Zeitgenossen, Strawinsky und Sibelius etwa, oder auch Schönberg und Berg. Zu wenig greif- und definierbar erscheint die Musik des Grenzgängers. Der man sich, so wohl der Gedanke der Festivalmacher um Winrich Hopp, vielleicht am besten in kammermusikalischer Intimität nähert. Also steht zunächst Nielsens sechste Symphonie in einer Bearbeitung für Kammerorchester von Hans Abrahamsen auf dem Programm, ausgeführt vom Mahler Chamber Orchester und dem dänischen Dirigenten Thomas Søndergård.

Alexander Melnikov, Isabelle Faust, Thomas Søndergård und die Bläser des Mahler Chamber Orchestra beim Musikfest Berlin (Foto: Kai Bienert)

Alexander Melnikov, Isabelle Faust, Thomas Søndergård und die Bläser des Mahler Chamber Orchestra beim Musikfest Berlin (Foto: Kai Bienert)

Keine schlechte Wahl, schließlich ist die Sechste, die Nielsen auch die „einfache“ nannte, eine, die aus der kleinen Form heraus entsteht, vom sich langsam zusammenfügenden Gesang einzelner Instrumente lebt. Das neben dem Chamber Orchestra of Europe vielleicht beste Kammerorchester der Welt, führt das in Perfektion vor. Wie sich der Klangraum nach und nach füllt, sich die Musik in größter Klarheit und maximaler Transparenz aus ihren Einzelteilen zusammensetzt, wie sich die gefundene Form wieder Stück für Stück auflöst, bis einzelne Stimmen bleiben, ist streckenweise atemberaubend. Ein erstaunlich kräftiger Orchesterklang steht Seite an Seite mit der Intimität eines Streichquartetts, wie sich klassisch-romantische Melodik fast selbstverständlich mit modernem Klang verbindet.

Die Musiker beherrschen beides: die fließenden Melodielinien wie die schroffen, scharfen Brüche, die einander ins Wortfallen und doch irgendwie zusammengehören. Søndergård lässt die unterschiedlichen Ausdrucksmodi betonen, etwa wenn er einen altmodisch anmutenden Walzer spielen lässt, als erklänge er hinter Watte, er behält den Blick auf die komplexe Form und verliert doch nie aus den Augen, wie sehr Nielsen sowohl zurück- als auch vorausblickte. Ob das zarte Verschwinden am Ende des zweiten Satzes oder die optimistische Energie  am Werkschluss: Hier trumpft nichts auf und ist nichts endgültig. Alles an dieser Musik ist vorläufig, nichts final und genau deshalb, in ihrem fragenden Dazwischen, überdauert sie.

Und ist ungeheuer modern, wie das Werk zeigt, das Nielsens Sechster an die Seite gestellt ist: das fast zeitgleich entstandene Kammerkonzert für Klavier und Geige mit dreizehn Bläsern von Alban Berg. Wo Nielsen zwischen Tonalität und Atonalität pendelt, ist Berg ganz in der Zwölftonmusik verankert. Und doch fällt auf, wie nah sich beide sind. Denn auch Bergs Musik kommt nicht aus dem Nichts, schleppt Jahrhunderte musikalischer Tradition mit sich. Søndergård betont die motivische Arbeit Bergs ebenso wie seine charakteristische Expressivität, die ihn als engeren Verwandten der Romantiker, vor allem der späten à la Mahler, erweisen, als man gemeinhin annimmt. Dabei hat jeder eine Rolle zu spielen: Alexander Melnikovs Klavier ist für das weiträumige Fließen zuständig, Isabelle Fausts Violine für den zarten, zerbrechlichen suchenden Gesang, während die Bläser strukturieren, rhythmische Pflöcke einschlagen und als Dialogpartner agieren.

Auch bei Berg entsteht das Ganze aus dem Einzelnen, findet das separate erst nach und nach zusammen, wird aus den Monologen ein Gespräch. Søndergård schält auch dies in wunderbarer Klarheit und Durchsichtigkeit heraus und erzeugt gemeinsam mit den Solist*innen eine ungeheure Spannung, die aus dem Spiel der solistisch agierenden 15 Instrumente und dem Wechsel aus Klang und Stille entsteht, der in den multiplen Abbrüchen des Schlüssen seinen die Luft fast durchschneidenden Höhe- und Endpunkt findet. Die Spannung bleibt auch nach dem letzten Ton im Raum, auch hier ist alles gesagt und nichts gelöst, bleibt die Musik eine beinahe physische Präsenz. Bergs Musik ist Mathematik, die zur Expressivität findet, ob in der zarten Lyrik von Fausts unvergleichlichem Spiel oder der schroffen Kraft des Bläser-Tutti. Wenn das Konzert endet, ist es nur eine Unterbrechung. Die Musik muss weiter, ob im Dualismus Nielsens oder der plakativen Modernität Bergs. Thomas Søndergård, das Mahler Chamber Orchestra und die beiden Solisten agieren hier als Forscher, die Indizien, Fundstücke siechen, zusammenfügen und nicht behaupten, das komplette Bild zu kennen. Also müssen sie weitersuchen und wir mit ihnen.

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