Den Blick voraus

Andris Nelsons wird neuer Chefdirigent des Gewandhausorchesters Leipzig

Von Sascha Krieger

An Selbstbewusstsein mangelt es dem Gewandhausorchester Leipzig nicht? Warum auch? Das Orchester gab es schon, da hatte man die Idee eines öffentlichen Symphonieorchesters in Berlin, Wien oder London noch gar nicht auf dem Schirm. Kein wunder, dass sich die Leipziger seit jeher auf Augenhöhe mit den großen Klangkörpern der Welt sehen. Zu Recht: Nicht zuletzt in der 10-jährigen Ägide Riccardo Chaillys festigte sich die Reputation des Orchesters, dem einst Felix Mendelssohn-Bartholdy vorstand – als eines der wichtigsten und stilbildendsten weltweit. Eine Reihe von Grammys und so manche Referenzeinspielung, etwa der gefeierte Brahms- und der ein wenig unterschätzte Beethoven-Zyklus zeugen davon. Mit der Ernennung von Andris Nelsons ab der Saison 2016/17 zeigt das Orchester, dass es sich auf Erreichtem oder gar seiner Tradition nicht ausruhen will. Dabei darf es sich auch bei den Berliner Philharmonikern bedanken: Die konnten sich im Mai nicht auf den Favoriten Nelsons einigen.

Andris Nelsons ist seit 2014 Chefdirigant des Boston Symphony Orchestra und übernimmt 2017 das Gewandhausorchester Leipzig (Foto: Marco Borggreve)

Andris Nelsons ist seit 2014 Chefdirigant des Boston Symphony Orchestra und übernimmt 2017 das Gewandhausorchester Leipzig (Foto: Marco Borggreve)

So gewinnen die Leipziger einen „Chef“, der nicht zu Unrecht als der beste Dirigent seiner Generation gilt: Seine Interpretationen haben stets die Geschichte eines Werks im Blick und vermögen es doch immer wieder, Neues, Verdecktes, Übersehenes aufzuspüren, vermeintlich Bekanntes neu hörbar zu machen, neue Perspektiven zu nutzen, um auch das erfahrenste Ohr sich neu auf ein Werk einzulassen. Seine Mischung aus analytischer Schärfe und unbändigem Enthusiasmus – der so zwingend ist, dass Nelsons so manchen Konzertmuffel neu für Musik zu begeistern vermögen sollte – dazu sein Engagement für zeitgenössische Musik sollten die kommende Ära in Leipzig zu einer machen, auf die man sich jetzt schon freuen kann, eine aufregende Entdeckungsreise, deren Ziel nicht absehbar ist. Dass das Orchester zugleich eine enge Kooperation mit dem Boston Symphony Orchestra, bei dem Nelsons seit der vergangenen Spielzeit Chefdirigent ist, bekanntgegeben hat, löst nicht nur das Exklusivitätsproblem, das es bei den Berlinern gegeben hätte, es stellt auch eine Form der musikalischen Grenzüberschreitung und des Brückenbaus dar, das gern Schule machen darf. Auch wenn Andris Nelsons längst den Ruf eines Vielarbeiters „genießt“, bislang hat die Qualitätseiner Interpretationen darunter nicht gelitten. Es ist zu hoffen, dass dem so bleibt.

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