Der Zauber liegt im Detail

Musikfest Berlin 2015: Das Israel Philharmonic Orchestra unter Leitung von Zubin Mehta mit Werken von Schönberg und Mahler

Von Sascha Krieger

Die wichtigste Nachricht zuerst: Zubin Mehta geht es gut. Er muss lediglich auf Grund einer Knieoperation im Sitzen dirigieren. Damit auch ja keine Missverständnisse aufkommen, wird dies dem Publikum gleich zu Beginn mitgeteilt. Dem Debüt des Israel Philharmonic Orchestra, das der gebürtige Inder bereits seit 1978 leitet, steht also nichts im Wege. Ambitioniert ist das Programm, das sie im Gepäck haben. Wo andere Orchester Gustav Malers neunte Symphonie, immerhin stolze 80 Minuten lang, allein spielen, stellt Mehta ihr noch Arnold Schönbergs erste Kammersymphonie an die Seite. Von Schonung keine Spur. Zünden will die Konstellation zunächst nicht. Schönbergs sperriges Werk, das alle Instrumentengruppen eines Orchesters umfasst, aber mit jeweils nur  einem Instrument, gerät etwas unentschieden. Vielleicht schon im Vorgriff auf die Polyphonie Mahlers, postuliert Mehta das Prinzip der Gleichwertigkeit aller Stimmen. Das Ergebnis ist zuweilen ein kaum durchdringliches Durcheinander, das Transparenz will und doch Konfusion schafft. Dabei gelingen ganz wunderbar durchsichtige Momente, etwa wenn es ein Instrument schafft den Klangraum zu füllen und die anderen sich dazu positionieren müssen. Gibt es diese Periodisierung, erscheint der musikalische Raum ganz licht, fehlt sie, wird es schnell düster. Je länger des Werk dauert, desto stärker wird der versuch deutlich, das Disparate zusammenzubringen, etwa die Schärfe der Streicher und die fast romantischen Klangwelten der Holzbläser. Dann erscheint ein musikalisches Universum, das die Melodik der Romantik nicht vergessen hat, der linearen Entwicklung aber ein Gegenbild der Gleichzeitigkeit und Gleichgewichtigkeit entgegenstellt, die Geburt der neuen Musik aus dem Geist der Tradition. Das gelingt nicht durchgehend, aber wo es das schafft, ist es überzeugend.

Zubin Mehta dirigiert das Israel Philharmonic Orchestra beim Musikfest Berlin (Foto: Kai Bienert)

Zubin Mehta dirigiert das Israel Philharmonic Orchestra beim Musikfest Berlin (Foto: Kai Bienert)

Vielleicht ist es dieses Prinzip der Gleichwertigkeit musikalischer Elemente, das dann auch die Neunte Mahlers bestimmt. Das ist durchaus logisch, denn denkt man sie vom großen Ganzen aus, erdrücken die Ecksätze in ihrer stark aufeinander bezogenen Klangwelt sehr leicht die Mittelsätze. Bei Mehta besteht diese Gefahr nicht: Hier widmet er sich jedem Satz, als wäre er ein neues Werk, erhält jeder seinen eigenen Charakter. Das führt dazu, dass die große Klammer des Werdens (im Kopfsatz) und Vergehens (im Finale) aus dem Fokus rückt, lenkt aber den Blick auf die Komplexität und Vielfalt des Mahlerschen Klanguniversums. Wenn ein Satz darunter leidet, ist es der erste. Er ersteht hier nicht aus der Stille, sondern hebt mit selbstbewusst massiven Streicherwänden an. Auch hier herrscht zuweilen die Undurchsichtigkeit des Schönberg-Stückes, doch wenn es ruhiger wird, die Einzelstimmen zu ihrem Recht kommen, öffnet sich der Raum, erhält die Musik Platz zum Atmen, bündeln sich die sachten, vorsichtigen Gesänge der Soloinstrumente zu einem ruhigen, komplexen und zunehmend transparenten Klangfluss, ein organischer Wechsel aus an- und Abschwellen, ein langer, suchender, unschlüssiger Gesang, der nicht weiß, wohin und sich scheu vorantasten. Da ist es, das Mahlersche Schweben im Zwielicht, zwischen Moment und Ewigkeit, Leben und Tod.

Ganz anders die volkstümlichen Welten des zweiten Satzes. Hier überzeugt die wuselige Klangfülle, verschmelzen die Einzelstimmen zu einem lebendigen Ganzen, wobei Mehta die collangenhafte Aneinanderreihung der musikalischen Einfälle sehr klar vorführt. Verlangsamung wird zur Trennwand und zum konstitutiven Element – ein Charakterzug, der in den Folgesätzen wieder auftauchen wird. Der dritte Satz ist energisch, voller Kanten, aber klanglich nie schroff. Auch hier fungiert die stille als Kraftfeld An ihr reiben sich die rhythmisch akzentuierten Teile der Rondo-Burleske, aus ihr bezieht der Satz seine Spannung. Dem aufgewühlten Orchester stehen pointierte Einwürfe vor allem der Bläser entgegen, die antreiben, Haken schlagen und das musikalische Geschehen wach halten. Der dritte Satz ist kein groteskes Lärmen, sondern ein Anrennen auf der Suche nach einem Ziel.

Den findet die Symphonie im Finale: Hier wird die Verlangsamung zum Grundprinzip und findet in einer konsequenten Erleichterung und Verdünnung des Klangbildes ihr quasi räumliches Äquivalent. Der Fluss des ersten Satzes wird hier aufgegriffen, doch er verengt sich zunehmend, bis er als leises Bächlein erstirbt. Mehta gibt seinem Orchester alle Zeit, hier drängt nichts. Wissend und ohne Angst fließt der Lebensstrom seinem unvermeidlichen Ende entgegen, mal in komplexer Klangfülle, akzentuiert von affirmativen, aber nie schmerzhaften rufen der Blechbläser. Sacht, klar, lyrisch ist der Tonfall, mit dem der Satz sein Ende sucht, wunderbar behutsam das Spiel der Solisten, allen voran Konzertmeister Ilia Konovalov. Lyrisch-gesanglich haucht die Musik ihr Leben aus, hebt sich die Zeit quasi auf, findet die musikalische Reise ihr Ende. Ohne Bedauern, ohne Furcht. Zubin Mehta und das Israel Philharmonic überzeugen durch präzises, klares Spiel, erstaunliches Farbenreichtum und beeindruckende Flexibilität sowie einer analytischen, ganz auf die musikalischen Baustelle gerichteten Herangehensweise, die nicht immer funktioniert und doch in ihrer Konsequent besticht.

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