Der Querdenker

Musikfest Berlin 2015: Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra spielen Mahlers sechste Symphonie

Von Sascha Krieger

Als im März das Programm des Musikfest Berlin 2015 bekanntgegeben wurde, erwartete so mancher Experte, dass der Auftritt des neuen Chefdirigenten des Boston Symphony Orchestra auf deren erster gemeinsamer Tournee auch das erste Wiedersehen mit dem frischgewählten Chef der Berliner Philharmoniker an künftiger Wirkungsstätte sein könnte. Es ist anders gekommen und in Boston werden nur wenige unglücklich sein, dass Andris Nelsons sich dem Orchester widmen kann, ohne bereits an Berlin zu denken. Dass die Philharmoniker sich gegen einen Dirigenten entschieden haben, der analytisch hochpräzise arbeitet, ein Tiefenscharfer mit Leidenschaft ist, wusste man. Wie sehr Nelson auch Querdenker zu sein vermag, zeigt er bei seiner Interpretation von Gustav Malers sechster Symphonie. Oft wird sie als die „Tragische“ bezeichnet, ein Zusatz, den Mahler selbst nicht verwandte, gegen den er sich aber auch nicht wehrte. Exegeten hatten mit der Düsternis des Werks seit jeher ihre Schwierigkeiten, entstand es doch in einer der glücklichsten Lebensphasen den Komponisten. Ob Nelsons diese biographische Konstellation im Auge hatte, ist nicht bekannt. Erstaunlich ist aber, wie lebensvoll und streckenweise optimistisch die Sechsten unter seinem Dirigat klingt.

Andris Nelsons dirigiert das Boston Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin 2015 (Foto: Marco Borggreve)

Andris Nelsons dirigiert das Boston Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin 2015 (Foto: Marco Borggreve)

Von Beginn an ist klar, dass Nelsons dem Werk viel seiner Schroffheit nimmt. Langsam lässt er den Kopfsatz sich entwickeln, erlaubt weite Streicherbögen, gibt dem Marschthema viel Zug, aber keinerlei Härte. Der Klang ist muskulös, hell und äußerst transparent, dabei jedoch von großer Fülle und einigem Glanz. Dass das Boston Symphony eine lange Tradition europäischer Chefdirigenten hat, ist hörbar, kaum ein amerikanisches Orchester klingt so elegant, ohne dass es ihm an Klarheit mangele. Nelsons kontrastiert die Ausdrucksmodi – etwa wenn das Orchester voraneilt, nachdem sich Solo-Violine und Horn in einen ungemein lyrisch-zarten Dialog begeben haben – ohne sie aufeinander prallen zu lassen. Der Grundton ist licht, neugierig, das Spiel voller Kontraste und zunehmend kraftvoll, aber nie konfrontativ. Das Dialogische steht im Zentrum. Es ist, also würde sich die Musik mit sich selbst unterhalten, um gemeinsam einen weg zu finden. Der Kopfsatz erweist sich als musikalische Suche mit überaus lebendigem Schluss.

Dem Scherzo fehlt die übliche schroffe Härte, der Zug ins Groteske. Stattdessen ist da ein rhythmisch durchpulstes Ausprobieren von Ausdrucksmitteln, die fast spielerisch neben- und gegeneinander gesetzt werden. So abrupt Nelsons die Umschwünge spielen lässt, so wenig tun sich in ihnen Brüche auf. Stattdessen ist das pulsierendes Leben in all seiner Widersprüchlichkeit. Wach und subtil kommt der Satz daher, seine Komplexität ist hörbar und entlädt sich in Rhythmus und Melodik. Hier ist alles analytisch scharf und doch nichts verkopft. Das gilt auch für das Andante moderato.  Hier entfalten Dirigent und Orchester eine regelrechte Magie: etwa im glasklaren, samtig weichen Gesang der hohen Streicher zu Beginn, im lichten Schweben der Flöten oder im Funkeln der Klangflächen von Streichern und Holzbläsern. Solovioline und Holzbläser geben dem Andante einen hellen, zarten Klang der Hoffnung, der Satz ist geprägt von inniger Lyrik und leidenschaftlichem Sehnen. Gemeinsam schaffen Streicher und Bläser am Satzende eine Fülle, deren Glanz die dunklen Töne nicht negiert, aber in eine Lebensfülle einschließt, die nicht mehr Tragik enthält als das Leben selbst.

Affirmativ gerät dann auch das umfangreiche Finale. Es beginnt nachdenklich, der transparente Klang legt widerstreitende Stimmen offen, die in ihrer Vielfalt den Satz bestimmen. Nelsons sorgt für einen lebendigen Grundgestus, der Dunkles (insbesondere Tuba und Hörner) gegen das helle Licht von Holzbläsern und dem exquisiten Streicherklang des Orchesters stellen. Wo das Finale oft zerklüftet wirkt, erstrahlt es hier in berückendem Farbenreichtum. Da entfaltet sich zuweilen gar filmischer Glänz, etwa im Zusammenspiel von satten Streicher-Bögen und Blechbläserglanz. Der Satz ist ein einziges Werden, ein Aufblühen musikalischer Lebensvielfalt, in der Hell und Dunkel untrennbar zusammengehören. Die ausgefeilte Klangkultur des Orchesters tut dazu ein Übriges. Da ist denn auch Platzt – ganz am Ende – für einen sachten Gruß des Todes. Das Zusammenspiel von Posaunen und Tuba kurz vor dem affirmativen Schluss ist bewegend in seiner Zartheit, seinem innigen Flehen, das von sanfter Traurigkeit spricht. Keine plakative Trauer, eher ein kaum hörbares leisen Schluchzen. Man kann Andris Nelsons vorwerfen, die Sechste gegen ihre Intention zu lesen, seiner Interpretation aber kaum ihre Stämmigkeit absprechen. Wieder einmal ist es dem Letten gelungen, dem Zuhörer ein vermeintlich bekanntes Werk ganz neu zu erschließen, Augen und Ohren zu öffnen für das, was nicht auf den ersten Blick sichtbar scheint. Und nicht nur das: Nelsons‘ Interpretation kommuniziert auch auf emotionaler Ebene mit dem Publikum, für ihn bilden Herz und Hirn eine Einheit. So weit entfernt von Mahler ist er damit nicht.

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