Zwei Welten

Michael Tilson Thomas und das San Francisco Symphony zu Gast beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Mit Tourneeprogrammen ist das so eine Sache: eingängig sollen sie sein, aber auch anspruchsvoll, das Orchester und seine Herkunft repräsentieren und, findet das Konzert im Rahmen eines Festivals statt, ist womöglich auch noch ein Schwerpunktthema zu beachten. Insofern haben Michael Tilson Thomas und sein San Francisco Symphony bei ihrem Berliner Gastspiel alles richtig gemacht: Dem Schönberg-Schwerpunkt des Musikfest  Berlin huldigen sie mit dessen Variationen op. 43b, etwas Amerikanisches haben sie mit John Adams‘ Absolute Jest, Konzert für Streichquartett und Orchester, und dem Gastensemble, dem St. Lawrence String Quartet, dabei (zumal auch Schönbergs werk in den USA entstand) und in Form von Ludwig van Beethovens als Eroica bekannter dritter Symphonie gibt es denn auch noch ein besonders populäres Standardwerk der Symphonie. Aber auch musikalisch ist die Auswahl klug, verarbeitet doch Adams mehrere Scherzi Beethovens in seinem Werk. Auf dem Papier ist der Abend also äußerst stringent konzipiert. Leider scheint es mitunter, als wäre weniger Aufmerksamkeit für die Interpretation der einzelnen Werke geblieben.

Michael Tilson Thomas und das San Francisco Symphony Orchestra (Foto: Bill Swerbenski)

Michael Tilson Thomas und das San Francisco Symphony Orchestra (Foto: Bill Swerbenski)

Vor der Pause ist das noch nicht so deutlich zu spüren. Schönbergs Variationen gehören nicht zu seinen Hauptwerken, sondern waren eine Konzession. Bläserensembles waren in den 1940er Jahren in den USA sehr populär, hier war für Komponisten Geld zu verdienen, Geld, das Schönberg gut gebrauchen konnte. Die Zwölftontechnik hätte solche Ensemble wie ihre Zuhörer überfordert, also leistete sich Schönberg den einen oder anderen Ausflug in tonale Welten. So auch hier.  Tilson Thomas und sein Orchester nehmen das Werk recht muskulös, konzentrieren sich auf die melodische Struktur des Werk, blicken eher aufs große Ganze als auch die einzelnen Variationen. Ein voller, satter, einheitlicher Klang, bei dem mal die Blechbläser, mal die sehr schlank klingenden Streicher die Oberhand dominieren, steigern die Variationen zu filmmusikhafter Fülle, ohne die Komplexität ganz aus dem Auge zu lassen. Immer wieder stoßen Einzelstimmen hervor, durchbrechen Soli die zuweilen etwas massive Orchesterwand, geben dem Klang eine luftigere Note. Der radikale Schönberg, der sich auch in diesem Nebenwerk – wenn auch recht gut – versteckt, bleibt meist unter der Oberfläche, die Interpretation ist stringent, rückt den Melodiker Schönberg in den Fokus – wie es auch das Eröffnungskonzert der Staatskapelle tat – könnte aber noch mutiger ausfallen.

Bei John Adams ist das Orchester dann ganz in seinem Element. Kein wunder, handelt es sich doch um ein Auftragswerk anlässlich des 100-jährigen Orchesterjubiläums 2012. Gewollt dünn, nervös flirrend ist der Boden, den das Orchester aufbaut, fiebrig zittern die Streicher mit der für das Orchester charakteristischen Mischung aus Klarheit, schlankem Klang und Schärfe. Noch nervöser klingt das St. Lawrence String Quartett, das hier die vervierfachte Solistenrolle übernimmt. Sehr hell ist sein Klang und kontrastiert mit zunehmender Dauer immer stärker mit dem Orchester, das eine zunehmend dunklere Färbung annimmt. So entspinnt sich ein spannender Dialog, bei dem sich beide Parteien mal kontrovers gegenüberstehen, dann zueinander finden, um sich erneut zu vereinzeln. Das Orchester übernimmt dabei immer stärker die dominante Rolle, massiv, muskulös, zuweilen fast abweisend ist sein Spiel, doch setzt sich das Quartett, das fast ausschließlich musikalisches Material Beethovens verarbeitet, zur Wehr: mit leidenschaftlicher Intensität und gesanglichem Epos hält es die innige Kraft der Musik hoch, auch wenn das zarte musikalische Band wiederholt zu zerreißen droht. So entspinnt sich ein spannender Dialog, ein intensives Ringen, in dem am Ende eine Musik triumphiert, die an sich selbst Fragen stellt, keine Antworten weiß, sondern ihre Daseinsberechtigung aus dem Fragenstellen zieht. Vielleicht ist alles schon gesagt, vielleicht kann man sich nur wiederholen, und dich muss man dies, so lange noch so viele Fragen offen sind.

Leider vergisst das Orchester dieses Prinzip nach der Pause gänzlich. An die Eroica stellt es keine Fragen, keinerlei Neugier ist zu spüren gegenüber diesem so populären wie seinerzeit radikalen und in seinem Optimismus schon damals fragwürdigen Werk. MTT, wie der Dirigent nicht nur in San Francisco liebevoll genannt wird – auch an diesem Abend wird deutlich, dass der Kalifornien nicht zuletzt einer der angenehmsten und bescheidensten Vertreter seiner Zunft ist – verordnet seinen Musikern einen schlanken, klaren, präzisen Klang und ein sehr strenges Spiel, dessen Korsett die Musik an keiner Stelle freisetzt. Die Mitte ist sein Terrain, die Ausbrüche bleiben stets kontrolliert, die ruhigeren Passagen kommen der Stille nie zu nah. Alles bleibt im Ungefähren, die Präzision ist eindrucksvoll, haucht dem Werk aber an keiner Stelle Leben ein. Es ist ein Musizieren wie im Museum, wie hinter Glas: Seht her, sagt es, hier ist die Eroica, schaut sie euch an, aber kommt ihr nicht zu nah. So bleibt alles moderat – die Tempi, die dynamischen Kontraste, die Ausdrucksstärke, der einheitliche kaum transparente Klang. Interpretation findet kaum statt, zu nüchtern ist Tilson Thomas‘ Dirigat, zu wenig wird deutlich, was ihn an der Dritten interessiert. Und so wirkt etwa der zweite Satz sehr behäbig, ist das Finale eine Aufzählung der Themen und Motive, entwickelt der feste Zug, mit dem das Orchester spielt, kaum Kraft. Diese Eroica offenbart kein Interesse an ihr und weckt damit auch keines. Was umso bedauerlicher ist, als vor der Pause zu hören war, wie vielschichtig und spannungsreich das San Francisco Symphony zu agieren vermag, wenn es auf die Musik neugierig ist.

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