Die Kunst, sich selbst zuzuhören

Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin eröffnen das Musikfest Berlin 2015 mit Werken von Arnold Schönberg

Von Sascha Krieger

Das Eröffnungskonzert einer Veranstaltung wie dem Musikfest Berlin zu bestreiten, ist keine ganz alltägliche Aufgabe. Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin sind sie ebenso pragmatisch wie logisch angegangen. Das beginnt mit der Programmgestaltung: Das Werk Arnold Schönbergs ist einer der Schwerpunkte des diesjährigen Musikfests, also starten die Berliner mit einem reinen Schönberg-Programm, das als Zeitraffer-Version der musikalischen reise Schönbergs konzipiert ist. Es beginnt mit der Verklärten Nacht op. 4, dem noch ganz der romantischen Klangwelt verbundenen Durchbruch des Komponisten, führt weiter über die die freie Atonalität der Fünf Orchesterstücke op. 16 und endet mit Schönbergs erstem in der Zwölftontechnik komponierten Orchesterwerk, den Variationen für Orchester op. 31. Das ist für Barenboim und seine Musiker jedoch nur der Anfang. Auch in der Interpretation soll die musikalische Entdeckungs- und Forschungsreise Schönbergs spür- und hörbar werden, Verbindendes im Mittelpunkt stehen, der zurückgelegte Weg das Wesentliche sein.

Daniel Barenboim dirigiert die Staatskapelle Berlin bei der Eröffnung des Musikfest Berlin 2015 (Foto: Holger Kettner)

Daniel Barenboim dirigiert die Staatskapelle Berlin bei der Eröffnung des Musikfest Berlin 2015 (Foto: Holger Kettner)

Das gelingt Barenboim ausgezeichnet, allerdings um einen nicht zu unterschätzenden Preis: Die drei Werke stehen an diesem Abend kaum auf eigenen Füßen, brauchen einander als Vor- und Nachgeschichte, als Resonanzraum und Fundament. Was zunächst auffällt, ist wie leicht und zurückgenommen das Spiel des im Hauptberuf als Opernorchesters tätigen Klangkörpers hier daherkommt. Der Klang ist schlank und zunehmend transparent, das Spiel hochpräzise, kanten- und detailscharf, schnörkellos. Quelle dieser Interpretation ist die Stille. Immer wieder gelingt es Barenboim in allen drei Werken, aus dem Pianissimo, aus dem sachten schweben der Streicher, dem tastenden Gesang der Solisten, allen voran das ungeheuer subtile und zugleich ausdrucksstarke Spiel von Konzertmeister Wolfram Brandl, Spannung zu erzeugen, Pausen zu Kraftquellen zu machen. Das Kraftzentrum dieses Abends liegt nicht in den Eruptionen, die bei der Staatskapelle zum Teil, vor allem in der Verklärten Nacht, fast ein wenig dumpf klingen, sondern in der Abwesenheit von Klang, aus der sich diese Musik schält und die stets hinter jedem Ton wartet. Schönbergs Musik ringt sich dem Nichts ab, ist ewige Suche, die das Verstummen nie als Feind sieht, musikalisches Leben, das aus dem Tod in denselben führt.

Das ist schon im frühen Werk zu spüren, auch wenn dieses zuweilen mit der eigenen Komplexität hadert. Barenboim und die Staatskapelle können die Spannung nicht durchgängig halten, mitunter zerfasert der musikalische Kosmos ein wenig, wirkt die klare Kontrastierung der unterschiedlichen Ausdrucksmodi etwas plakativ. Das Bemühen Barenboims, die musikalische Struktur des Größen Konstrukteurs Schönberg offenzulegen, ist spürbar, aber nicht immer überzeugen. Der Fokus ist ein anderer: Barenboim will zeigen, dass neben der formalen Konstruktion immer der Ausdruck eine Schlüsselrolle spielt. Hier kommt dem romantischen Frühwerk natürlich eine besonders wichtige Aufgabe zu. Es bestimmt den Ton des Abends, fungiert vor allem als Vorspiel und es tut dies, indem es sich zurücknimmt, sich fast scheu versteckt, den Zuhörer ermuntert, genauer hinzuhören. Subtil erwachsen die melodischen Bögen aus der Ruhe, erblüht eine Stimmen- und Farbenvielfalt, die schon weit über das romantische Erbe hinausweist. Die Verklärte Nacht ist der Boden, auf dem die radikaleren Werke Schönbergs stehen.

Die denn auch stärker überzeugen. In den Fünf Orchesterstücken gelingt es Barenboim, zu zeigen, dass auch in der Atonalität das Denken Schönbergs immer ein melodisch geprägtes bleibt, Gesanglichkeit auch jenseits der tonalen Welt die Mitte seiner Musik bildet. Eindrucksvoll die Suchbewegung von der Ausdrucksfülle der ersten beiden Stücke zum leicht und fragil schwebenden Stillstand der dritten, die einen Bruch bildet und doch nur konsequentes Ergebnis des bisherigen Wegs ist. Der anschließende Ausbruch kommt sachlich daher, die Schärfe des letzten Stücks denkt alles bisher gehörte mit. Überhaupt ist Barenboims Interpretation eine des Zuhörens und Nachlauschens.

Das gilt nicht zuletzt für die Variationen, bei denen auffällt, wie wenig fragmentarisch sie wirken. Dabei überzeugt das Orchester mit großer Detailschärfe und einem klaren Blick auf jede einzelne Komponente. Und doch bleibt diese musikalische Welt immer eine des Zusammenhalts, zerfällt nicht. Man hört sich gegenseitig zu, reibt sich aneinander und bleibt doch gemeinsam im gleichen musikalischen Raum. Selbst hier, mitten im Reich der Zwölftontechnik, spielt Motivik eine Schlüsselrolle, entlockt Barenboim dem Werk weite Bögen, ist seine Herkunft aus der romantischen Tradition, in der Ausdruck alles war, immer hörbar. Arnold Schönberg erscheint an diesem Abend als radikaler Erneuerer, dessen Wurzeln stets präsent bleibt, für den jede Station seines Weges essenzieller Bestandteil desselben bleibt.  Und so ist vielleicht das erstaunlichste Verdienst des Abends, dass er nicht nur die Variationen aus der Verklärten Nacht heraus denkt, sondern dass auch dieses Frühwerk durch die Nähe zu den späteren bereichert wird. Dieser Blick auf Schönberg ist keiner, der Brüche sieht, sondern eine konsequent und immer neugierige musikalische Reise. Referenzinterpretationen einzelner Werke liefert er nicht, wohl aber einen klaren Blick auf die Entwicklung des Komponisten Schönberg.

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Ein Gedanke zu „Die Kunst, sich selbst zuzuhören

  1. […] die Interpretation ist stringent, rückt den Melodiker Schönberg in den Fokus – wie es auch das Eröffnungskonzert der Staatskapelle tat – könnte aber noch mutiger […]

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