Wie die Lehminge

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Andreas Kriegenburg)

Von Sascha Krieger

Das Theater des Andreas Kriegenburg ist eines der starken Bilder. Das ist auch bei seiner Inszenierung von Nathan der Weise, mit der das Deutsche Theater die neue Spielzeit eröffnet, nicht anders. Leer ist die Bühne (Bühnenbild: Harald Thor), in fahles Licht getaucht, im Hintergrund lauert ein Kubus aus groben Brettern. Davor, im Lichtkegel, umarmen sich ein Mann und eine Frau, nackt, von oben bis unten beschmiert mit dem Lehm aus dem sie gerade geschaffen wurden. Sie erkunden einander, still, innig, ungehemmt. Doch bleiben sie nicht lange allein. Bald treten weitere hinzu, lehmverkrustet wie sie, doch mit Hosen und deren Trägern ausgestattet. Sie be- und verurteilen das Paar, bewerfen es mit Mehl, woraus es gesenkten Hauptes abgeht, getrennt und in entgegengesetzte Richtungen. Die „Erbsünde“, sie ist bei Kriegenburg die Entstehung von Gemeinschaft, Gesellschaft, die zu ihrer Existenz die Ausgrenzung oder zumindest Unterwerfung der „Anderen“ erfordert. Und so umkreist man denn den sich in den Vordergrund schiebenden Würfel, erregt watschelnd oder resigniert schlurfend. Mal trägt man Einkaufstüten, mal Aktentaschen, mal schleppt man sich allein dahin, dann wieder als Gemeinschaft, als Mob, der Andere aufsaugt und bei dem auch mal einer auf der Strecke bleibt. Damit ist alles gesagt. Die Umrundung des selbst geschaffenen Heiligen, des zinngebenden und doch nichtssagenden Mittelpunkts, das Im-Kreislaufen ist Symbol einer ihre Ursprünge verneinenden Zivilisation, die sich Hilfsmittel gibt, um sich selber nicht bewusst zu werden, die sich nur in den Unterschieden finden zu können glaubt und das allzu sichtbare Gemeinsame verneint. Eine Zivilisation, die im Kreis läuft im sicheren Glauben voranzukommen.

"Der leere Himmel" lautet das Spielzeitmotto 2015/16 am Deutschen Theater (Foto: Sascha Krieger)

„Der leere Himmel“ lautet das Spielzeitmotto 2015/16 am Deutschen Theater (Foto: Sascha Krieger)

Nur sind eben gerade erst 10 Minuten gespielt und noch keine Silbe Lessing gesprochen. Da das natürlich nicht geht, lässt Kriegenburg sein Ensemble „Lessing bitte!“ piepsen und los geht der Gewaltmarsch durch Lessings Text. Jörg Pose bekommt schwarzen Gute und Kante, dazu Schläfenlocken und ist Nathan, Bern Moss darf mit Turban den Saladin geben, Elias Arens mit rotem Kreuz auf weißem Umhang den Tempelherrn, Natali Selig mit enormem Fatsuit den Patriarchen. Die Frauenrollen sind weniger differenziert und driften eher ins unbestimmt beliebige Grau. Der Ton ist ein farcenhafter, das Programmheft spricht von einem „archaischen Comic“. Alberne Sexwitzchen, Fäkalhumor (der Patriarch sitzt mit heruntergelassener Hose auf dem Klo und greift zwischendurch ins eigene Exkrement, mit dem er das umgehängte Kreuz beschmutzt) und hübsch bebilderte Kalauer (als der Tempelherr seine Rückenschmerzen mit den Worten „mein Kreuz!“ bejammert, bekommt er sogleich ein solches aufgebürdet) setzen den Ton ebenso wie die zwischen Jahrmarkt und Varieté pendelnde Endlosmusikschleife.

Dauererregt wird der Text heruntergespült, erscheint die Liebe Rechas so lächerlich wie die dünkelhafte Hybris ihres Angebeteten und bleibt auch der weise Sultan nicht verschont, etwa wenn ein Schachspiel mit der Schwester von einem kauderwelschenden Kommentatorenduo begleitet wird. Dass nicht nur im Stück Nathans Haus sondern gerade ganz real Flüchtlingsheime brennen, dass die Erben des Patriarchen, wenn auch einer anderen Gottesauslegung folgend, Menschen und Kulturstätten vernichten, die ihrer allein gültigen Ideologie widersprechen, all das ist auch Kriegenburg nicht entgangen. Außer einem kurzen Hinweis auf die Parallelität des brennenden Judenhauses mit den angezündeten Flüchtlingsunterkünften und einer beiläufigen Anmerkung, die des Tempelherrn Überheblichkeit in die Nähe der Pegida-Bewegung rückt, macht er daraus jedoch nichts.

Und so kommt es wie es kommen miss: Lächerlichkeit und  Spott treffen nicht nur ihre Ziele, die selbsgemachte Hierarchiserung und Aufspaltung der Menschheit in Religionen, Ethnien, „Rassen, Ideologien, Klassen, oder was auch immer, den ewigen Kreislauf des ausstoßend, Unterwerfens, Sich-Überhebens. Nein, sie ziehen eben auch gleich den Gegenentwurf mit hinunter in den Sumpf, aus dem diese Gestalten kamen. Da mag Jörg Pose die Ringparabel mit noch so sachlicher Konzentration rezitieren,  noch so innig mit stillem Ernst das Verbindende beschwören, es klingt in all der grellen Überdrehtheit so hohl und leer wie die hier nicht einmal mit einem Rest an Seriosität bedachten irrwitzigen Handlungswumschwünge. Das Krachen im dramaturgischen Gebälk nimmt Kriegenburg zum Anlass das Lessingsche Kind vollends mit dem komödiantischen Bade auszuschütten. Am Ende wird der für allerlei Schauplätze eherhalten müssende Bretterwürfe geschlossen, wie ein Triptychon oder eine Puppenbühne, vor der die versammelten Lehminge brabbelnd ihrem sinnbefreiten Kreislauf nachgehen. Am Ende steht ein auf fast drei Stunden zerdehnter Abend, der am stärksten ist, wenn er sich von seiner Vorlage befreit, sich in Bildern genügt und von der Sprache emanzipiert. Doch stets wenn er sich dem widmet, was auf dem Plakat steht, nämlich Lessings Stück, verliert er sich in der Lächerlichkeit, die er selbst in den Text pumpt. Und die eines klarmacht: Andreas Kriegenburg kann mit Nathan der Weise ebenso wenig anfangen wie das zeitgenössische deutschsprachige Theater insgesamt. Nur warum inszeniert er ihn dann?

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4 Gedanken zu „Wie die Lehminge

  1. Was, bitte schön, sind Lehmige bzw Lehminge?

  2. Ein Wortspiel aus Lehm und Lemminge 🙂

  3. O, danke, das war für mich zu hoch 😉

  4. Er war auch etwas albern 🙂

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