Musik als offene Wunde

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker eröffnen die neue Spielzeit mit Britten und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist alles wie immer. Menschen in edlen Anzügen und Abendgarderobe, darunter das eine oder andere Gesicht, drängeln sich in der Philharmonie, um mit dem Flaggschiff der Berliner Kulturszene die Eröffnung ihrer Saison zu feiern. Dabei ist so manchem der anschließende Empfang wichtiger als das Konzert selbst. Zumal er es, trotz einiger Worte des Philharmoniker-Intendanten Martin Hoffmann zur Flüchtlingskrise, den Anwesenden nicht allzu schwer macht, sich in ihre Zufriedenheits- und Wichtigkeitsblase zurückzuziehen. Das gilt für die vorangegangenen zwei Stunden nicht. Auch wenn das Programm lange, bevor in diesem Land die Flüchtlingsunterkünfte brannten, feststand, wirkt er doch wie ein Kommentar auf eine Welt, in der eben gar nichts im Lot ist. Zwei Pazifisten sind es, deren Werke auf dem Programm stehen, zwei Freunde und gegenseitige Bewunderer, obwohl sie ein „eiserner Vorhang“ trennte: Benjamin Britten und Dmitri Schostakowitschs.

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2015 (Foto: Monika Rittershaus)

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2015 (Foto: Monika Rittershaus)

Nein, harmlos ist hier nichts, auch nicht die zehn Variationen über ein Thema von Frank Bridge, Brittens Huldigung an seinen Lehrer, eine launisch unterhaltsame Reise durch die Musik, mit der der Engländer einst seinen internationalen Durchbruch schaffte. Schon das Ausgangsthema lässt eine Anspannung sprühen, steht kurz vorm zerreißen, dünn und scharf winden sich die Streicherflächen wie unter Zwang, als ob die Musik hier gegen ihren Willen Frohmut verbreiten soll. Eine nüchterne Klarheit ist dieser Interpretation eigen, die im Pianissimo in Schmerzpartikel zu zerfallen scheint. Die angenehme Romance der dritten Variation wird von der schneidenden Anklage der ersten Geigen bloßgestellt, ähnlich ergeht es im Anschluss der freundlichen Aria Italiana. Da können die Streicher noch so folkloristisch schrammeln, die Oberfläche wird zur Fratze. Fast dämonisch kommt der Wiener Walzer daher, den Rattle in seine Einzelteile zerschlägt. Im Zentrum steht eindeutig der Trauermarsch in Variation acht: Voluminös tönen die Streicher und drohen doch immer wieder, die Klangwand zu zerreißen, hart pochen Celli und Bässe, immer wieder bremst Rattle den Fortgang aus, fällt sich die plakative Trauer selbst in den Rücken, spült sich echter Schmerz durch die Brüche. Das Werk endet in fiebriger Anspannung, in ratlosem Fragen, im Stillstand. Es ist eine eigenwillige Interpretation, eine, die sicher durch das Kommende beeinflusst ist, die den Boden bereitet für das fast gleichzeitig entstandene Werk des Freundes.

Dmitri Schostakowitschs vierte Symphonie ist wohl seine radikalste.  Kompromisslos verleiht sie Gewalt, Schmerz und beißendem Spott Töne. Da ist keine Verschleierung, kein Sprechen zwischen den Zeilen. Hier liegt das zwanzigste Jahrhundert vor uns, ungeschönt, unentrinnbar. Kein Wunder, dass die Vierte unmöglich während Stalins Herrschaft aufgeführt werden konnte, dass sie erst 25 Jahre nach ihrer Entstehung ihre Uraufführung erfuhr, im kulturellen Tauwetter der späten Chruschtschow-Ära. Auch Rattle und die Philharmoniker schönen nichts. Klare, harte rhythmische Akzente eröffnen das Werk, maximale Transparenz offenbart eine nicht enden wollende Unruhe. Diese Musik befindet sich zu jedem Zeitpunkt im Widerstreit mit sich selbst, hier pulsiert stets der innere Widerspruch, das Unbehagen an einer Klarheit, die immer als Lüge erscheint. Extrem nehmen die Philharmoniker die gewalttätigen Ausbrüche wie die kaum erträgliche Stille des Pianissimo. Rattle fokussiert die Kontraste, setzt Brüche im Aufeinanderprallen entgegengesetzter Ausdrucksmodi und in langen Pausen. Die Holzbläser setzen Widerhaken, die Streicher flirren erregt und infizieren bald andere Instrumentengruppen, die Solovioline von Noah-Bendix-Balgley singt vielleicht ein wenig zu schön, das Englischhorn Dominik Wollenwebers zarter und fragiler. Der Kopfsatz ist eine fast manische Suchbewegung, nach Bedeutung, einem Ausweg, einem Mittel gegen den Schmerz, eine, die immer wieder ansetzt und abbricht und doch nicht von der Stelle kommt.

Der Mittelsatz geriert sich ruhiger und gelangt vom panischen Suchen aus immer weiter hinein ins Reich der Resignation. Er ist eine Abfolge von Beschleunigungen und Verlangsamungen. Die Streicher lassen die Musik im Ungefähren schweben und geben der Polyphonie des Satzes einen fragenden, ratlosen Charakter. Er ist lyrischer, weicher, leiser als der schroffe Eingangssatz, aber auch er kommt nicht weiter, sein Schluss wirkt wie ein Abbrachen inmitten eines unvollendeten Satzes. Vollends in die Stagnation führt dann das lange Finale. Klar und sachlich sein Beginn, als ob ein letzter Versuch objektiver Betrachtung unternommen werden soll. Fast analytisch lässt Sirrt Simon Rattle seine Musiker die rhythmische Entwicklung ausbreiten, den Widerstreit der Instrumentengruppen entstehen und diesen in einer organischen Anschwellbewegung zu markerschütternden Schreien der hohen Streicher führen. Aufgewühlt ist der musikalische Ozean und lässt sich nicht beruhigen. Die Kaskade der Solopassagen (besonders zu nennen sind Stefan Schweigerts fast schüchternes Fagottspiel, Olaf Otts schroffe Solo-Posaune oder Egor Egorkins schreiende Piccolo-Flöte) führt nirgendwo hin, sie mäandert entlang zwischen druckvoller Flucht und resignativem Stillstand. Die hohen Streicher bauen eine undurchdringliche wand auf, die Bässe wühlen, doch gibt es keinen Ausweg. Ein besonders gewalttätiges Crescendo führt übergangslos ins Ersterben der Musik. Kein friedvolles Aushauchen, ist hier doch nichts vorbei und schon gar nichts gelöst. Musik wie eine offene Wunde: Vielleicht ist das der stärkstmögliche Kommentar eines Orchesters über die Welt, die außerhalb des Konzertsaals wütet.

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