Verfluchte Freiheit

Autorentheatertage 2015 – Jan Friedrich: Szenen der Freiheit, Deutsches Theater/Box, Berlin (Regie: Fabian Gerhardt)

Von Sascha Krieger

Ja, mit der Freiheit ist das so eine Sache: Sie gibt einem unendlich viele Möglichkeiten, aber die Bedienungsanleitung wird meist nicht mitgeliefert. Aber wie dann auswählen unter der Vielzahl denkbarer Optionen? Zumal die Freiheit längst bis in die Kernzellen zwischenmenschlicher Beziehungen vorgedrungen ist. Da gelten klassische Zweierbeziehungen schnell als freiheitsraubend, hat alles offen zu sein, ohne Forderungen an den Anderen, unverbindlich. Das gilt für die Liebesbeziehung ebenso wie für Freundschaften. Nur woran sich festhalten, wenn dieser letzte Halt verpönt ist. Am Job vielleicht, wie Jungkarrierist Josch, an Träumen individuellen In-den-Tag-Hineinlebens wie Lore? Das Helfen ist keine Option, wie Anno feststellen muss, nur bringt die komplette, auch innerliche Haltlosigkeit, wie bei Basti, auch nichts. Da funktioniert vielleicht nur die Absolutsetzung des Egos, der alleinige Herrschaftsanspruch der Bedürfnisse des Ichs, wie ihn Pascal zelebriert. Er ist der einzige Nichtgetriebene, der alleinige Treibende in Jan Friedrichs Stück Szenen der Freiheit, das Fabian Gerhardt für die Autorentheatertage 2015 in der Box des Deutschen Theaters und in Kooperation mit der universitär der Künste Berlin uraufgeführt hat. Doch auch dieser letzte, in einer Welt, die den Individualismus als Ideal erkoren hat, vielleicht einzig mögliche Halt bewahrt nicht vor der Einsamkeit.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

23 Jahre alt ist der Autor und, folgt man seinem Stück, doch erschreckend desillusioniert. Die Freiheit der Entfaltung des Einzelnen beschreibt er als Belastung, die Offenheit im menschlichen Zusammenleben als kalte Beliebigkeit. Seltsam konservativ ist seine Sehnsucht, wie auch die gleichaltrigen Figuren merkwürdig oft zurückschauen in ein Früher, das gar nicht so lang zurücklegen kann und in dem doch alles viel viel besser war. Ironie sucht der Betrachter vergebens, nein, die simplistisch plakative und vor allem durch und durch pessimistische Weltsicht ist durchaus ernst gemeint. Und spiegelt sich wider in den schablonenhaften Figuren des Karrieristen, der Lebenskünstlerin, des Egomanen, der Philanthropin und des Ziellosen. Klischees jagen einander, die Ausweglosigkeit  wird mit Ausrufezeichen serviert, die Figuren sind Stereotypen verlorener und erfolglos suchender Rollenmuster, als die Friedrich seine Generation zu sehen scheint. Da ist es nur konsequent, dass am Ende zwei Selbstmorde stehen, ein versuchter und ein vollzogener, und dass letzterer der einzig unangepassten, die Rebellion zumindest denkenden Figur gehört. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass das Leben heutiger Mittzwanziger womöglich ein wenig weniger ausweglos ist, als Friedrich es hier zeichnet.

Fabian Gerhardt versucht zumindest ein wenig Licht in die düstere und hoffnungslose Sache zu bringen, indem er die Charaktere karikaturesk bis satirisch anlegt, wofür er in den fünf Darsteller*innen, allesamt Studierende der UdK willige Mitstreiter hat. Wobei vor allem die männlichen Figuren gelingen: Meik van Severen ist ein dauernervöser schwuler Jungmanager Josch, dessen Anzug-Krawatten-Kombi schnell Sinnbild einer eingeschnürten Existenz wird. Alexander Küsters gibt den Basti als liebenswürdig ratlosen Loser Basti, dessen Verzweiflung zunehmend durchscheint. Owen Peter Read als Pascal schließlich ist ein aasiger Tyrann des Individualismus, brutal, arrogant und doch nicht ohne Charme. Die mehr wütende als lebenslustige Lore (Solvejg Schomers) und vor allem die jammerlappenhafte Anni (Adrienne von Mangoldt) bleiben dagegen eher blass.

Zumal Gerhardt die psychorealistische Ebene von Friedrichs Stück eher ignoriert und den karikierenden Duktus nicht lange durchhält. So kippt der Abend schnell ins hölzern Melodramatische, bleiben Sentenzen wie „Lass und bitte nie zu den einsamen Menschen werden, die uns umgeben!“ oder „Lerne, auf dich aufzupassen und keiner passt mehr auf dich auf“, Appelle der Marke „Also scheißen wir auf Autonomie!“ und ausgestanztes Schwadronieren von einer „Welt, die uns zur zwischenmenschlichen Flexibilität zwingt“ unwidersprochen. Stattdessen hängt man durch wie die an Ketten befestigte Matratze, die im Zentrum von Susanne Hilles Bühnenbild steht und suhlt sich im Wissen, dass die Welt schlecht, Freiheit nur ein neues Mittel der Unterwerfung des Einzelnen und das Individuum total überbewertet ist. Der goldene Gegenentwurf liegt im Zwischenmenschlichen, durch die der Einzelne erst Bedeutung erlangen könne, von individueller Verantwortung für das eigene Leben will der Abend dagegen nichts wissen. da ist es viel einfacher, die Welt und ihre Versprechungen zu verfluchen. Eine Welt, die denn doch nicht nur visuell sehr schwarz-weiß geraten ist.

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