Krieg der Dosen

Foreign Affairs 2015 – Forced Entertainment: Complete Works: Table Top Shakespeare (Regie: Tim Etchells)

Von Sascha Krieger

Es ist ein Festival des Marathontheaters, das Matthias von Hartz mit der diesjährigen Ausgabe von Foreign affairs auf die Beine gestellt hat. Deutlichster Ausdruck war natürlich Jan Fabers 24-stündiger Antikendurchlauf Mount Olympus am Eröffnungswochenende. Was die Gesamtlänge betrifft, liegt das britische kollektiv Forced Entertainment aber wohl noch einen Tick drüber: Der ganze Shakespeare soll es sein, 36 Stücke an neun Tagen. Das ist natürlich eigentlich nicht zu machen, gäbe es nicht einen Trick: „Table-top Shakespeare“ nennt die Gruppe um Tim Etchells das, was sie hier unternehmen. Dazu brauchen sie: je einen Darsteller, einen Holztisch und zwei Regale vollgestopft mit Alltagsgegenständen. Zwischen 40 Minuten und einer guten Stunde dauern die Performances. Das einfache Grundprinzip: Der Darsteller erzählt die Geschichte und stellt sie nach mit allerlei Gegenständen, welche für die Figuren stehen. Da wird Othello zur – natürlich schwarzen – Getränkedose, Romeo zur Taschenlampe, Hamlet zur Flasche und der zukünftige Henry V. zum Kerzenständer, wird aus dem Krieg der Rosen einer der Dosen. Sie sind alle da, die Hamlets und Macbeths und Richard bis hin zu den kleinen Nebenfiguren, die in den meisten Inszenierungen entfallen, die vollständigen Geschichten mit allen Handlungsstrengen und jeder Szene. Was fehlt, ist die Sprache. Shakespeares Worte finden sich nur in winzigen Zitaten, in vielen Aufführungen sind sie gar nicht vorhanden. So sucht der Zuschauer etwa das „To be or not to be“ vergeblich.

Foto: Vlatka Horvat

Foto: Vlatka Horvat

Was aber bleibt von Shakespeare, wenn man ihn seiner Sprache beraubt? Erstaunlicherweise eine ganze Menge. Die sechs sich abwechselnden Schauspieler*innen reduzieren Shakespeares Dramatik zum Geschichtenerzählen, suchen hier den Kern des Barden. Und finden einiges: So reduziert, so heruntergebrochen auf alltagssprachliche Nacherzählung, die sich mit wiederkehrenden Phrasen („It starts with…“, „Meanwhile…“, „And the last thing that happens is…“) ähnlich strukturiert wie ein Märchen, treten die Geschichten klar und unmittelbar hervor. Und siehe da: Ihr Reichtum, ihre Diversität und Komplexität, ihre mal arg konstruierten, mal zwingenden Wendungen, auch – vor allem in den Königsdramen – ihre Unabgeschlossenheit bestechen, faszinieren, ziehen das Publikum in den Bann. Und das nicht nur in der Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele: Der Live-Stream ist Teil des Konzepts, eine Ausweitung des virtuellen Lagerfeuers, an dem die Besucher den seltsamen Geschieden lauschen.

Und wie es bei mündlich weitergegebenen Geschichten ist, leben sie von der Persönlichkeit ihres Erzählers. Da sind Terry O’Connors langsame Diktion einer Geistergeschichtenerzählerin, Claire Marshalls irische Trockenheit, Cathy Nadens sanfte Klarheit, Jerry Klicks Pathos, Robin Arthurs angeregter Alltagsduktus oder Richard Londons raue Ironie. Sie hauchen den Geschichten Leben ein, tragen sie mit ihrer Stimme und Formen sie um in diese Urform abendländischer Kultur: das Erfinden und Weitergeben von Geschichten. Hinzu kommt die visuelle Ebene. Das Spiel mit den Dosen und Flaschen und Küchengeräten  schafft Distanz, zieht eine ironische Ebene ein, die den Zuschauer sich zurücklehnen lässt, eine entspannte Grundstimmung erzeugt, die öffnet fürs genaue Zuhören. Und die zugleich Konstellationen sichtbar macht: die Vereinsamung Richards III., das Gewusel der Komödien, die Grausamkeit gegenseitiger Auslöschung, etwa am Ende von Hamlet, wenn lauter umgestürzte Gegenstände den Tisch bedecken. Auch Farbdramaturgien finden statt, am eindrucksvollsten wohl in Romeo and Juliet: Da sind die Montagus rot und die Capulets grün, die „Neutralen“ in Weiß-, Grau- und Silbertönen gehalten, farblos, durch ihre farbliche Enthaltung die Indifferenz symbolisierend, die den Hass erst ermöglichen.

Es ist ein simpler, spielerischer Ansatz, den Forced Entertainment verfolgen und der doch einen ganz neuen Blick auf Shakespeare ermöglich. Indem seine Dramen auf die zugrundeliegende Handlung reduziert werden, erlauben sie den freien Blick auf deren Universalität, Brutalität, zuweilen auch Lächerlichkeit, auf Strukturen und Handlungsstränge, Erzähltechniken und auch so manche Schwäche. Dabei bleibt auch der Reichtum der Shakespeareschen Erzählkunst nicht auf der strecken, ist doch keine der Geschichten wie die andere. Tim Etchells und seine Mitstreiter suchen die Essenz Shakespeare in der Kulturtechnik des Geschichtenerzählers. Ob die Sprache da ist oder nicht, die philosophische Ebene erkannt wird oder nur die Handlung interessiert: Shakespeare ist so populär, weil er so viel bietet – komplexe Kunst und pure Unterhaltung, Poesie und krude Komik, Subtilität und grellen Effekt. Die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, den Alltag zu strukturieren und in größere Bedeutungszusammenhänge einzubetten, gehört zu den Schlüsselmomenten der Menschwerdung. Forced Entertainment suchen und finden dieses Element im Herzen des Shakespeareschen Werks. der ganze Shakespeare in neun Tagen? Natürlich nicht, aber irgendwie dann doch.

Anmerkung: Der Rezensent hat neun der 36 Aufführungen gesehen, fünf davon per Livestream. 

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Ein Gedanke zu „Krieg der Dosen

  1. […] und auf diese Weise Fragen zu stellen, die einem bei herkömmlicher Vermittlung kaum einfielen (ihr „Table Top Shakespeare“ ist ein gutes Beispiel). Und natürlich hinterfragt es auch die Herkunft dieser Erwartungen. In […]

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