Der Nichtangekommene

Hakan Savaş Milan und Necati Öziri nach dem Roman von Deniz Utlu: Die Ungehaltenen, Maxim Gorki Theater/Studio Я, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Die Touristen, die „Skinny Jeans“, die Jutebeutel: Elyas ist wütend. Kreuzberg, seine Heimat verändert sich, verliert den Halt, der einzige, den der abgebrochene JuraStudent, Tod eines sterbenden Vaters, der nie Zeit für ihn hatte, je besaß. Die letzte Illusion von Heimat verschwindet für den Jungen, der da, wo seine Heimat zu sein hat, nie war, und an dem Ort, der als Heimatersatz diente nie mehr war als geduldet. Elyas ist ein Unbehauster, ein Haltloser, einer, der sich in die Lethargie geflüchtet hat, um nicht suchen zu müssen – nach Sinn, Heimat, sich selbst. Doch auch da kann er nicht, denn sein Schneckenhaus beginnt zu zerfallen. Er muss sich stellen: der Heimatlosigkeit, dem Schweigen der Familie, dem Vater, dessen pragmatische Kälte er stets mit Indifferenz zu strafen versuchte. Also konfrontiert er sich: mit dem Vater, mit der Heimat seiner Eltern, mit der eigenen Fähigkeit zu fühlen, zu lieben, der Unfähigkeit zu handeln. Deniz Utlus Roman Die Ungehaltenen befasst sich mit diesen doppelt Entwurzelten, jenen, die gegangen sind und nie ankommen dürfen, auch denen die geblieben sind, ohne je gegangen zu sein. Denn hier, in dieser Unbehaustheit treffen sie sich: der Kreuzberger Junge, der immer Türke sein soll, der abgeschobene Bochumer, der nicht Türke sein kann und die Eltern, die die Heimat nie hinter sich gelassen haben. Vater und Sohn, die nie wirklich miteinander sprachen und es nun nicht mehr können – sie teilen ein Schicksal.

Mehmet Ateşçí (Foto: Esra Rotthoff)

Mehmet Ateşçí (Foto: Esra Rotthoff)

Regisseur Hakan Savaş Mican inszeniert am Studio des Maxim Gorki Theaters die Suche, die dieses Schicksal ist und es vielleicht wenn nicht überwinden, so doch womöglich zu so etwas wie führen kann. Die Bühne (Sylvia Rieger) ist kahl, ein Drumkit, mehrere Instrumente, dahinter eine lange Sitzreihe aus grauen Plüschkissen. Ein Wartesaal verkleidet als Zuhause. Mehmet Ateşçí ist Elyas. Er wütet uns klagt und schimpft, verschließt sich, resigniert, spottet – und singt. Er probiert sie aus, alle möglichen Varianten, mit der eigenen Verlorenheit umzugehen. Er vergräbt sie unter Verachtung, schottet sich ab,  und bekommt sie doch nicht los. Er verliebt sich und kann die Begehrte doch nicht festhalten, weil er sich sich nicht zu halten vermag – und sie, strauchelnd wie er, sich ebenso wenig. Er fährt in die Türkei, besucht das Grab des Vaters, spricht sich aus, doch bleibt es Monolog, kommt nichts zurück. Der Abend ist ein einziges Selbstgespräch. Die anderen drei Darsteller*innen sind Stichwortgeber, Projektionsflächen, Teile von Elyas, die er nicht akzeptieren kann oder weil und deshalb ausschließt. Doch sie lassen ihn nicht los, belagern ihn mit ihren Vorwürfen, ihren Augen (Mehmet Yilmaz‘ stummer, mehr fragender als anklagender Blick als komatoser Vater), ihren Liedern und Melodien (Musik: Vulkan T.), die zwischen Heute und Gestern, Hier und Dort schweben. Stadtlandschaften erscheinen, die Dächer Berlins, dann die Istanbuls, dazwischen endlose vorbeiziehende Bänder namenloser Straßen und Autobahnen (Video: Benjamin Krieg). Ateşçí berührt die Leinwand und bleibt doch außen vor.

Immer wieder durchbricht Ateşçí die Illusion konsistenter Erzählung, das harmonische Miteinander von Narration und Spiel, sortiert er die Geschichte um, setzt neu an, lässt sich passendes Licht mischen, sucht eine passende Erzählung. Ein kitschiges türkisches Liebeslied soll seine Gefühle für Aylin ausdrücken und muss doch lächerliches Klischee bleiben. Stimmungen, Geschichten, Ausdrucksmittel: Alles ist geliehen, wie eben auch sein Leben gemietet ist, nicht seins, abhängig vom Wohlwollen anderer. Elyas‘ Reise, die Hakan Savaş Milan als langes sehnsüchtiges Lied inszeniert, ist natürlich vor allem eine zu sich selbst. Auf der er nicht ankommt, vielleicht nicht ankommen kann, es womöglich auch nicht sollte. Die eine Heimat, die eine Identität kann es für ihn nicht geben. Er ist der Kreuzberger Junge und er ist der Sohn seines Vaters, er ist Sesshafter und Reisender, Einheimischer und Migrant. „Du hast dich in einen Metallsarg zuschrauben und fast 4.000 Kilometer weit schleppen lassen, um am Ende doch in meinem Kopf bestattet zu werden. Das sind gar keine Würmer, das sind meine Gedanken, die dich auffressen.“ Elan schleudert die Worte seinem toten Vater an dessen Grab entgegen. Doch er sagt sie vor allem sich selbst. Mehmet Ateşçí lebt und spricht und singt sich durch die Geschichte, die nicht seine ist und gleichzeitig natürlich doch. Wie die des Regisseurs, von Mehmet Yilmaz, Vulkan T. und Elmira Bahrami, die verloren die falsche Geschichte von der Romanze auf dem Obstmarkt dahinhaucht. Der Weg ist das Ziel, die Straße endet nie, doch Stehenbleiben ist auch keine Lösung.

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