Kein Wunderkind

Der Pianist Jan Lisiecki debütiert beim DSO unter Tugan Sokhiev

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist ja die Zeit der musikalischen Wunderkinder vorbei, der Menuhins und Barenboims, die schon im Kindesalter die Musikwelt in ihren Bann ziehen. Dann tauchte vor ein paar Jahren ein 15-jähriger Kanadier namens Jan Lisiecki auf, eroberte die größten Konzertpodien der Welt, wurde Exklusivkünstler der deutschen Grammophon. Heute ist der großgewachsechene Blondschopf, Sohn polnischer Einwanderer, 20 Jahre alt. Und auch wenn Lisiecki trotz seiner Körpergröße immer noch aussieht wie ein Teenager, ist da nicht von der ungeschliffen enthusiastischen Virtuosität des Wunderkindes. Was nicht heißt, dass Lisiecki nicht virtuos mit meinem Instrument umzugehen vermag, ganz im Gegenteil. Was vor allem verblüfft, ist Lisieckis analytische Schärfe, sein Ausdrucksspektrum, sein klaren, ungemein nuancenreiches Spiel. Das ist auch bei seinem Debüt mit dem DSO unter Leitung von dessen Chefdirigenten Tugan Sokhiev der Fall. Frédéric Chopins e-Moll-Klavierkonzert steht auf dem Programm und es beginnt nicht gerade vielversprechend: Seltsam unscharf ist der Klang der Orchestereinleitung, unentschieden der Gestus, erst als die Streicher übernehmen, klart das Klangbild etwas auf. Doch das ist nur das Vorspiel: In der Folge wird sich das Orchester darauf beschränken, Lisieckis Spiel zu grundieren, mit leicht dunkel gefärbtem, schlanken, konzentrierten Klang und einem Spiel, das sich immer wieder zurücknimmt. Hier regiert wie stets bei Chopin das Klavier und das ist in den besten Händen.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Wenn der Solist einsetzt, ist nach wenigen Takten klar, was den Zuhörer erwartet. Der Ausdrucksumfang ist sofort atemberaubend: Kraftvoll und rhythmisch scharf, mit einiger Härte beginnt Lisiecki, nur um gleich darauf die kantablen Melodien Chopins mit gesanglicher Inbrunst fließen zu lassen, ohne nur einen Moment seine Detailschärfe zu verlieren. Hier ist jeder Ton, jeder Anschlag wohlüberlebt und doch fügt sich alles zusammen wie in einem organischen Werden. Lisiecki findet im Kopfsatz jede auch noch so kleine Nuance, akzentuiert die dynamischen Kontraste, macht die Tempiwechsel, die Verzögerungen und Beschleunigungen hörbar, bewegt sich in einem Zwischenraum, in dem die Musik stets gleichzeitig Struktur und Emotion ist, in dem Beschleunigung ohne Inhalten nicht zu denken ist, Fühlen die Analyse bedingt. Den Kontrast zwischen Klassizismus und Romantik, auf dessen Grat das Werk wandelt, hat Lisiecki stets im Blick, formale Strenge und frei fließendes Spiel stehen klar getrennt nebeneinander und sind doch eines.

In der anschließenden Romanze scheint Lisiecki jedem Ton nachzulauschen und bringt es gleichzeitig fertig, sein Spiel ungeheuer gesanglich zu gestalten. Der Steinway-Flügel singt auf berückende Weise und zugleich reflektiert das Spiel sich selbst. Lisieckis Anschlag ist stets von großer Klarheit und Festigkeit und lässt gleichzeitig jede denkbare Nuance zu. Über Streicherflächen entfaltet sich ein lyrisch sehnsüchtiger Traum, der nie rein schwelgerisch wird, sondern immer analytisch bleibt. Im Finale bringt der junge Kanadier dann r´rhythmische Prägnanz und romantischen Fluss zusammen, lässt sie in Dialog treten, wechselt gehende und mit stupender Virtuosität die Ausdrucksformen und Tonlagen. Sein Spiel ist sehr energisch und stets durchdacht, Virtuosität und muskulöses Voraneilen nie Selbstzweck. Hat Lisiecki im Kopfsatz Klassizismus und Romantik noch nebeneinander gestellt, bringt er sie jetzt zu einem dialogischen Miteinander, das pure musikalische Freude ist. Erneut bestickt der 20-Jährige in diesem Konzert durch seine kaum fassbare musikalische Reife, seine faszinierende Verbindung von lustvollem Spiel und analytischer Tiefe, die wenige überhaupt und noch voiel weniger in seinem Alter erreichen. Jan Lisiecki ist längt ein viel zu bedeutender Pianist, als dass das „Wunderkind“-Label noch passen würde.

Leicht ist es für das DSO und Tugan Sokhiev nicht, den Rest des Abends allein zu bestreiten, aber das kann und sollte sie nicht schrecken. Ludwig van Beethovens Egmont-Ouvertüre zu Beginn nimmt Sokhiev mit der gebotenen Dramatik, der Klang ist schlank und konzertiert, das Spiel klar und schnörkellos. Dirigent und Orchester setzen auf Kontraste, ohne je den narrativen Zusammenhang aus den Augen zu verlieren. Die Streicher dürfen in einen melodischen Fluss geraten, der Schlussteil erhält viel Zug, das Klangbild ist dicht und deutet doch so manche Klangfarbe an. Keine Offenbarung, doch eine musikalisch dichte Interpretation. Offener gestaltet sich anschließend Richard Strauss‘ Ein Heldenleben. Überzeugend der Kontrast der Exposition: Der „held“ erstrahlt in lebendig aufgewühlter Transparenz und tausend Farben, der klang ist voll und reich und durchsichtig, hier pulsiert das Leben. Den „Widersachern“ gönnen Orchester und Dirigent dagegen nur ein karges Klangbild, die Instrumente sind vereinzelt, das Ergebnis ist ein zerbrochenes Mosaik. So analytisch klar ist der musikalische Gegensatz selten zu hören. Der von der Solovioline getragene dritte Teil ist klar und energisch vorgetragen, öffnet sich in seiner zweiten Hälfte dann im sanften Streichergesang wichen und immer weiteren Bögen.

Dramatisch platzt der Beginn des vierten Teils in die Parade, schroff stören Schlagzeug und Trompeten, zerklüftet zeigt sich die musikalische Landschaft. Da liegt ein Hauch von Bedrohung in der Luft, macht das Orchester einen harten schnitt, bevor er entspringt, der lange, zuweilen etwas zahme und spannungsarme Fluss, der die Teile fünf und sechs ein- und umschließt. Das Heldenleben als mäandernde Lebensgeschichte – so gießen es Tugan Sokhiev und das DSO in eine musikalische Form, die an Weitläufigkeit zunimmt und zielgenau auf ihr feierliches Ende zuströmt. Das ist in seinen details oft scharf gedacht, von der Konzeption zumindest zu Beginn überzeugend und verliert in der zweiten Werkhälfte doch ein wenig an Stringenz. Wes scheint, als verlören Dirigent und Orchester das große Ganze ein wenig aus den Augen. Nicht alles passt zusammen, das Ende ist ein wenig antiklimaktisch und kann doch einem Abend nicht schaden, der in Erinnerung bleiben wird. Und das alles wegen eines freundlich lächelnden schlaksigen 20-Jährigen.

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