Die Globalisierung als Kindergeburtstag

Autorentheatertage 2015 – Nolte Decar: Der neue Himmel, Schauspielhaus Zürich / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Kreyer)

Von Sascha Krieger

Natürlich geht das alles überhaupt nicht: klischeegetränkte Vignetten von einen rätselhaften Kriminalfall in Neuseeland samt kolonial-arroganter Kommissarin und Abziehbild-Maori-König, flirtende Teenager in einem kolumbianischen Buck, Vater-Sohn-Konflikte chinesischer Antarktis-Forscher, gelangweilte Alaska-Teens mit Transgender-Mutter und die weiße Flusspferdforscherung im afrikanischen Dschungel mit einheimischem Assistenten – allesamt (mit einer Ausnahme) beendet durch einen Drohneneinschlag. Und dann auch noch der zweite Teil: eine Miss-Marple-Parodie mit allerlei Stereotypen (die dumm-überhebliche Lady, der schwule Sohn, der korrupte Richter und der Inspektor im Sherlock-Holmes-Outfit) und alienhafter Fremder, die nach erledigtem Massaker mit Propellerhut Klassisches singt. Abstruse Geschichtchen mit kaum erkennbarer Klammer, ein wilder Stilmix zwischen Farce und Privat-TV-Trash. Wenn dann Uraufführungsregisseur Sebastian Kreyer das Ganze auch noch in ein Urlaubspostkarten-Fototapeten-Setting (Bühne und Kostüme: Matthias Nebel) setzt, allerlei kitschige Klischee-Kostümierungen einsetzt und meist zum Szenenanfang Passendes oder Unpassendes singen lässt – die Afrika-Eipsode wird eingeleitet mit, nun ja, „Afrika“, bei den Chinesen gibt es Asia-Electro-Pop mit Strohhüten, in Kolumbien Shakira, nur die Lady-Gaga- und Madonna-Verschränkung am Anfang mit Kommissarin und Dolmetscherin als Disco-Duo fällt etwas aus dem Rahmen – dann ist alles schon verloren. Da braucht es auch gar nicht die auch nicht gerade originelle Parodie eines viktorianischen Thrillers, bei der jede Enthüllung und jeder überraschende Auftritt mit dramatischer Musik kommentiert wird.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

So weit so schlecht. Doch irgendwann, der Verriss ist gedanklich schon in Arbeit, passiert etwas überaus Seltsames: Der Rezensent merkt, dass er etwas verspürt, was ihm seit Langem im Theater nur sehr selten passiert ist. Er hat Spaß. Und lässt sich ein auf die abstrusen Globalisierungsvignetten und die grelle Krimifarce, auf all die Albernheiten und holprigen Szenenwechsel auf die stereotyp-banalen Story-Elemente. Was könnte man nicht alles monieren: die plumpe Drohnen-Klammer (das Thema wird gegen Ende – wollen wir es so nennen? – aufgelöst), die Plakativität der Szenenübergänge, bei denen die gerade Gemeuchelten wieder aufstehen und zuweilen, die nächste Szene gleich miteröffnen, den Klischeereichtum. Und tatsächlich: Wer den Blick auf den einzelnen Szenen lässt, ist schnell genervt. Da hilft nur ein wenig Distanz, der Blick aufs Ganze, von oben sozusagen, aus der Drohnen-Perspektive. Und da passt das alles komischerweise plötzlich wieder zusammen. Natürlich stehen die Szenen des ersten Teils für eine globalisierte Welt, in der alles zusammenhängt und in der – dank neuester Überwachungs- wie Tötungstechnologie niemand sicher ist. Nirgendwo. Teil 2 ist selbstverständlich unsere westliche Gesellschaft, die längst in überkommenen Strukturen gefangen ist und die eigene Verantwortung für das, was draußen passiert, nicht annimmt, nicht annehmen will, so lange die Fassade schön glänzt. Da ist dann der Bote (in diesem Fall der Inspektor) der Schuldige. Statt zuzuhören, läuft man lieber in das selbst gemachte Unglück.

Noch einmal: Natürlich ist das alles ungemein plakativ und auch äußerst einfach gedacht und doch mindestens ebenso wirkungsvoll. Nolte Decar und ihr Komplize Kreyer kalauern und albern sich durch eine Welt, die immer näher zusammenrückt, in Guten wie im Bösen. Wobei letzteres, wie so oft, ein bisschen schneller darin ist, neue Chancen zu nutzen. Alles ist heute global und vernetzt und kaum entwirrter. Da lässt es sich toll mit dem Zeigefinger agieren oder man packt das Ganze in bunt glitzerndes Geschenkpaper, hängt Girlanden auf und feiert Kindergeburtstag. Nichts anderes sind diese gut neunzig Miuten irrwitziger Theaterspaß – was für eine Ensembleleistung im Übrigen! Doch hinter dem Kindergeburtstag werden Wahrheiten sichtbar, die sicherlich nicht das ganze Bild aufdecken, aber doch den Blick weiten für das, was wir in unserem beschänkten Blick viel zu gern nicht wahrnehmen, nämlich, das alles, was wir tun als Gesellschaft Konsequenzen hat und nicht nur in unserem eigenen Hinterhof. Neu ist die Erkenntnis nicht, doch reicht ein Blick in die Zeitung, um zu verstehen, wie wichtig es ist, sich immer mal wieder daran zu erinnern. Und wenn es dann im Rahmen eines solch anarchisch spaßigen Theaterfest geschieht – um so besser. Bei der Premiere gab es viel Applaus und etliche Buhrufe sowie wütende Kritikerreaktionen. Kalt gelassen hat der Abend wenige und das ist ja auch schon einiges.

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