Ein Leerstück

Autorentheatertage 2015 – Sascha Hargesheimer: Archiv der Erschöpfung, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Friederike Heller)

Von Sascha Krieger

Eine menschgemachte Katastrophe, ein Autor mit Schreibblockade, Generationenkonflikte, zerfallende Familien, eine zynische Obrigkeit, eine Gemeinschaft ohne Zusammenhalt: Das sind nur einige der Ingredienzien von Sascha Hargensheimers dystopischem Eintopf, dessen Uraufführung Friederike Heller im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater herausgebracht hat. Ausgehend von einem Riss, der sich zunächst in einer Straße, dann in einer ganzen Stadt auftut, beschreibt Hargesheimer den Riss, der sich durch eine dysfunktionale Gesellschaft und all ihre Komponenten zieht und der vor dem Kopf des Einzelnen – in diesem Fall ein Autor, der nicht mehr weiß, worüber schreiben soll – nicht Halt macht. Der Mensch hat ganze Arbeit geleistet: Der Individualismus sprengt Familien auseinander, der Drang, trotzdem  irgendwo dazuzugehören, treibt den kleinen Bruder in eine Neonazi-Gruppe, die menschliche Hybris (hier in Form von Erdgasbohrungen) untergräbt alle Lebensgrundlagen. Alles ist schon gesagt und geträumt und gegen die Wand gefahren, es gibt keine neuen Geschichten mehr, weshalb Schriftsteller anders auch nichts mehr zu schreiben hat.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Alles ist beliebig und das schlägt sich auch in der Form von Hargesheimers Text wieder: Prosa wechselt mit Dialogen, distanzierter Kommentar führt direkt in Spielszenen, Farce steht neben Melodram steht neben Satire steht neben Lehrstück. Alles ist eins und alles ist nichts. Auch die Figuren. Friederike Heller löst das, indem sie ihre Darsteller gern auch in der Szene die rollen wechseln lässt und mitunter schöne Brüche produziert, indem sie Figure und Aussehen betont trennt: Felix Goeser gibt die Souvenirverkäuferin und Almut Zilcher den (männlichen) Verleger, der Nazu-Bruder (erneut Goeser) dreht Pirouetten im bunten wallenden Kleid. Auch hübsche Bilder gelingen: Da wird eine Gasmaske erst zum Intubationsschlauch des im Koma liegenden Bruders, dann zum Pferdeschwanz der abweisenden Verwaltungsbeamtin. Es bleibt eine Momentaufnahme. Sabine Kohlstedts Bühne öffnet sich in Häppchen: Zunächst ist da ein Sofa vor einer Jalousiewand, öffnet sich diese. sehen wie eine Art Bar- oder Kioskinterieur samt Musiker-Ecke für Peter Thiessen, mit dem Heller schon mehrfach zusammengearbeitet hat. Die Jalousie hebt sich weiter und enttarnt eine zweite Ebene, eine kahle Gerüstgalerie mit einsamem Bürosessel. Später hebt sich die zweite Rückwand und wie starren ins Nichts.

Sascha Hargesheimers Text funktioniert so ähnlich: Level um Level wird eröffnet und am Ende ist da die große Leere. Dystopisches Szenario oder Albtraum? Der Text bleibt unentschieden, Hellers Inszenierung nivelliert jegliche Ambivalenz. Stattdessen überschüttet sie alles mit Thiessens monoton plätschernderm Elektro-Mix, der ebenso erschöpft wirkt, wie die Welt dem Text nach sein soll. Die ständigen Tonfallwechsel rattert Heller routiniert und reichlich gelangweilt herunter, lässt das exzellente Ensemble (neben Zilcher, die sich aufs rein Karikierende beschränken muss, und Goeser sind vor allem die sehr erfrischend Gift verspritzende Lisa Hrdina und der ebenfalls sich eher einschränken müssende äußerst wandelbare Daniel Hoevels zu nennen) mal ein wenig überzeichnen, mal in nicht pathosfreien Ernst kippen. Doch bleibt alles beliebig, wirkt alles bemüht. Vielleicht ist das Konzept, soll es die im Titel vorgegebene Ermüdung symbolisieren. Doch wirkt es vor allem lust- und antriebslos, überträgt der Abend die Erschöpfung und Leere schnell auf den Zuschauer. Ist es auch Langeweile, hat es doch – vielleicht – Methode. Dafür, dass sich beim Zuschauer irgendetwas festsetzt, Erkenntnis gar, sorgt es nicht.

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