Musikalische Sinnsucher

Krystian Zimerman und Barbara Hannigan zu Gast bei Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Ist etwas anders? Lässt sich irgendetwas spüren von dem, was vor zwei Tagen hier passierte? Eine neue Ära ist eingeläutet, die Nachfolge des 2018 scheidenden Chefdirigenten Sir Simon Rattle nach manchen Geburtswehen geregelt. Doch zwei Tage darauf herrscht Business as usual, gibt es kein Zeichen, dass irgendetwas anders wäre. Ein Konzertprogramm ist zu bewältigen, das letzte der Spielzeit in der Philharmonie (nur das Waldbühnenkonzert steht aus) und eines, in dem Rattle und sein Orchester noch einmal lange Strecken zurücklegen. Los geht es mit früher Wiener Klassik, Joseph Haydns Symphonie Nr. 80, eine, man mag es kaum glauben, Erstaufführung dieses Orchesters. Mit viel Zug lässt Rattle das Werk nehmen, zieht aus der Betonung der vor allem dynamischen Kontraste einiges an dramatischer Spannung, kombiniert einen satten, leicht dunkel gefärbten, konzentrierten Klang mit hoher Transparenz. Ein besonderes Augenmerk gilt den Brüchen dieses durchaus heterogenen, mit so mancher Überraschung aufwartenden Werks. Die Generalpausen im Kopfsatz geraten sehr lang – hier versucht einer, hinter die Fassade zu schauen. Das Orchester spielt recht muskulös, nicht zuletzt auch im Adagio, und öffnet sich doch immer wieder für zarte, grüblerische Momente, auch die dunkleren Einfärbungen liegen deutlich zu Tage. Das Menuett ist ein Wechselspiel aus Vorandrängen und Innehalten, das Finale voller Farben und Kontraste, mehr Mosaik als Kehraus, ganz gegen Ende dürfen die Holzbläser gar tanzen und singen. Rattle blickt hinter die Kulissen, legt die Substanz und Komplexität des Werks offen, ohne seinen Charme zu verleugnen. Ein Fest für Analytiker wie für Liebhaber des schönen Klangs.

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Die haben anschließend weniger zu bewundern, als wir uns flugs in die Gegenwart bewegen. Das monodram Le Silence des Sirènes der koreanischen Komponistin Unsuk Chin erlebte im vergangenen Jahr in Luzern seine Uraufführung. Jetzt bringt es Uraufführungsdirigent Rattle samt Widmungsträgerin Barbara Hannigan mit zu „seinem“ Orchester. Von fern wehen, noch a capella, die ersten Töne heran, langsam betritt die Sopranistin den Saal und bewegt sich gen Bühne, irgendwann setzt das Orchester ein. Buchstäblich – visuell wie akustisch – schält sich die Musik aus dem nichts, ist zunächst Fragment, Bruchstücke, die sich zusammensetzen – Silben, die zu Worten, die zu Sätzen werden, einzelne vokale Gluckser, aus denen sich Gesang entwickelt, der zu Orchesterspiel führt. Barbara Hannigan ist mit jeder Faser ihres Körpers dabei, die lacht und gluckst und ruft und singt, formt jeden Ton wie eine Plastik, betrachtet ihn, setzt ihn mit benachbarten zusammen, zimmert kleine Kunstwerke aus der Stille. Das Orchester  nimmt den fragmentarischen Gestus auf, agiert über weite Strecken vor allem perkussiv, verbindet schwebende Flächen mit harter Akzentsetzung und klaren Brüchen. Langsam aber zwingend schwillt das an, um sogleich wieder zu ersterben. Zuweilen entwickelt das Werk eine wahre Sogwirkung, welcher der analytische Ansatz ein wenig entgegensteht. Der Zuhörer lässt sich hineinziehen und betrachtet zugleich das rätselhafte Gebilde von außen.

Nach Klassik und Gegenwart fehlt noch das Bindeglied und das folgt nach der Pause mit einem Schlüsselwerk der Hochromantik, Johannes Brahms‘ erstem Klavierkonzert. Mit dem polnischen Ausnahmepianisten Krystian Zimerman sitzt ein alter Bekannter des Orchesters am Flügel.  Viel Unruhe herrscht zu Beginn des ersten Satzes. Muskulös, zupackend und dicht das Orchesterspiel, das Vibrato der Streicher stark wie selten, hier brodelt es vom ersten Takt an. Rattle lässt das disparate motivische Material nebeneinander stehen, die musikalische Landschaft ist von Beginn an zerklüftet. Zimerman ist der Verbinder, aber auch Kommentator und Katalysator. sein spiel ist sachlich und strukturell klar, doch stets auch doppelbödig. Kaum merkliche Verzögerungen versehen den affirmative Duktus mit Fragezeichen. Zimmermann beherrscht das lyrisch zarte wie die Härte des Fortissimo, setzt klare rhythmische Akzente und zuweilen sehr harte Brüche, legt den Widerstreit und den suchenden Charakter dieser Musik offen. Und hat mit dem strengen und scharfkantigen Orchesterspiel, seinem dichten kraftvollen Klang einen kongenialen Partner. Man kreist umeinander, ringt miteinander und reibt sich am Anderen. Fast abweisend der Satzschluss – hier bleibt vieles offen.

Das auch das Adagio nicht lösen kann.  Tastend, suchend ist der Gestus, den das Orchester einführt und der Solist aufnimmt. Jeder Note lauscht er hinterher, immer wieder hält er inne – und Gleiches gilt auch für die Philharmoniker. Langsam finden sie zueinander, treten in Dialog, machen sich gemeinsam auf die Suche. Zimermans Spiel ist stets klar und detailscharf, sein Anschlag variabel, doch zuweilen sehr hart, er setzt bewusst Widerhaken, nur um im nächsten Moment sein Instrument so innig singen zu lassen, dass ein sanfter Schauer durch den Saal geht. Das finale ist dann so aufgewühlt wie der Eingangssatz. Krystian Zimerman jagt durch das gesamte Ausdrucksspektrum von Brahms, setzt rhythmische Akzente, treibt das Orchester an, das mit einer fast frühlingshaft anmutenden Öffnung der Holzbläser antwortet, die Zimerman mit bejahenden Trillern unterlegt. Gemeinsam finden sie in der Frage den Modus, mit dem sie das Werk erschließen. Hier geht es nicht um Antworten und schon gar nicht um einen bruchlos glatten Schönklang. Die Analytiker und musikalischen Sinnsucher Rattle und Zimerman interessiert die Essenz des Werks, sie erklimmen ein zerklüftetes Gebirge, um es von Nahem zu betrachten. Dabei sehen sie nie das Ganze auf einmal, sondern bauen es zusammen aus den Details, die sie mit größter Schärfe beleuchten. Hier ist unendlich viel Neugier, eine Neugier, dies man auch Rattles designiertem Nachfolger Krill Petrenko nachsagt. Und vielleicht ist es hier dann doch, das Zeichen in die Zukunft.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: