Blick in den Spiegel

Autorentheatertage 2015 – Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, Burgtheater Wien (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Welch ein Unterschied: Hatte Nicolas Stemann in seiner Hamburger Uraufführungsinszenierung Elefriede Jelineks Text Die Schutzbefohlenen, eine Auseinandersetzung mit der Behandlung von Flüchtlingen nicht nur in ihrem Heimatland,  aufgefächert, ins Weite, auch schon mal ins Leere laufen, ausufern lassen, ihn hinterfragt, sich von ihm distanziert, ihn ironisiert, um ihn gleich darauf wieder ernst zu nehmen, wählt Michael Thalheimer für seine österreichische Erstaufführung den entgegengesetzten Weg. Bei ihm ist alles Verdichtung, Einengung, Zudrehten auf ein Kraftzentrum, das leicht zum Schwarzen Loch werden kann. Das geht auf Kosten des Themen- und Assoziationsreichtums. Die Multiperspektivik, die der Text bietet, das Pendeln zwischen der (imaginierten) Innensicht der Flüchtlinge und der Außensicht der „Mehrheitsgesellschaft“, der natürlich auch die Autorin angehört, interessieren Thalheimer wenig. Bei ihm sprechen nur die Flüchtlinge, jene, die wir nur allzu gern zu Opfern machen, lässt sich mit diesen doch viel leichter umgehen, als wenn wir sie wahrnähmen als Menschen. Schwarz in der sich nach hinten verengende Raum mit seinen riesigen Wänden, den Olaf Altmann gebaut hat. Einziges Tor in ein nie genauer definiertes Außen, einzige Lichteinfallquelle ist ein Kreuz an der Rückwand, durch das sie taumeln, ins Wasser stürzen, sich langsam wieder emporrappeln. Es wird lange dauern, bis sie sich erlauben, aufrecht zu stehen.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Ein Flüstern hebt an: „Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben.“ Ein schwarzgewandeter Chor in grotesken Plastiktütenmasken steckend, seltsame dem Meer entstiegene Wesen, Abfall einer Welt, die sich immer noch zur „ersten“ erhöht.  Langsam wir der Chor lauter, findet seine Stimme und es ist – durchgängig in Thalheimers Interpretation – eine anklagende, die doch niemals klagt. Sie gilt einer Gesellschaft, die sich definiert, indem sie sich abgrenzt, die ihr kollektives Ich findet, indem sie anderen das ihre verweigert. Immer wieder spaltet der Chor sich auf, entstehen Einzelstimmen, die sich wieder vereinen. Das Individuum fehlt hier, es ist eine kollektive Erfahrung, die hier spricht, eine der Auslöschung, Negation, Verdrängung. Besonders eindrucksvoll die Szene, in der eine Sängerin im überbordenden, schon physisch Distanz schaffenden schwarzen Kleid die Bühne betritt Eine Blitzeingebürgerte, eine Migrantin erster Klasse. Sie sind „Lancia ch’io pianga“ von Georg Friedrich Händel, während die anderen, die wir nicht sehen wollen, in der hintersten Ecke kauern, Ausgestoßene auch jetzt. Und doch ertappt sich so mancher Zuschauer dabei, sich der unfasslich schönen Musik hinzugeben, sich zu ergeben einer Hochkultur, die eben auch Machtinstrument einer sich als besser gerierenden Gesellschaft ist, die ausschließt, wo die Musik doch zu verbinden meint. Ein unglaublich schöner und ebenso brutaler Moment.

Und ein lichter, während ansonsten viel im Dunkeln passiert. Nur selten scheint das Licht auf die schwarz Gekleideten, die irgendwo zwischen leben und Tod herum irren. Denn sie sind Untote auf mehr als einer ebene: Zum einen repräsentieren sie die Toten, jene, die in den kriegen und so genannten Bürgerkriegen der Heimat umkamen, und jene, die auf dem Mehr starben oder in der Wüste. Sie sind Stellvertreter jener, die nie existiert zu haben scheinen. Auf der anderen existieren sie selbst nicht, weil wir ihnen keinen Platz geben, keine Rolle, ihnen keine Existenz zuweisen. wir wollen nicht, dass es sie gibt und tun alles dafür, was wir können. Und so bleiben sie im Zwielicht, stehen am Ende ganz im Dunkeln und wir, die Wohlgesinnten (im Sinne Jonathan Littells), warten darauf, dass auch ihre Stimmen verstummen. Doch sie wollen nicht, sie schleudern uns eine Geschichte entgegen, die unsere ist. Denn dass da nicht wie bei Stemann keine Flüchtliche auf der Bühne stehen, sondern allesamt „weiße“ Schauspieler, die eben auch für uns stehen. Wir sehen uns in ihnen reflektiert, jenseits aller Authentizitätsspielerei.

Michael Thalheimer wirft Elfriede Jelineks Text auf uns, das Publikum zurück. Auch wenn die vierte Wand unverbrüchlich steht, starren wir die ganze Zeit uns selbst ins Gesicht. Thalheimer versteht, dass dieser Text eben nicht in der Lage ist, den Flüchtlingen ihre Stimme zu geben, weil es doch immer nur die unsere sein kann. Aber eine Stimme ist es eben trotzdem, eine Stimme, die uns anspricht, Augen, die uns anstarren – und beide sind eigentlich die unseren. Was hier spricht, sind die Folgen unseres Tuns oder Nichtstun, was uns anspricht, die Toten und Vergessenen, die wir zumindest mitproduzieren. Bei Thalheimer wird aus Jelineks Diskursschleifen eine 90-minütige, den Zuschauer nie aus der Flicht lassende Anklage, die im Kern eine Selbstanklage ist. je dunkler es ist auf der Bühne, desto mehr fühlt sich der Zuschauer im Licht, desto greller strahlt das Kreuz als Fanal, dessen Ziel der Wohlstandsbürger im Theatersessel ist. Thalheimer distanziert, Thalheimer verdichtet, Thalheimer abstrahiert. Doch das Ergebnis ist eine Ansprache von markdurchdringender Direktheit. Wo Nicolas Stemann den Zuschauer immer wieder entlässt, wo er die Zügel kurz anzieht, um sie gleich darauf wieder zu lockern, bleibt Thalheimers Blick starr auf uns gerichtet. Wenn er Identifikation zulässt, dann nicht die beruhigende mit den „armen Flüchtlingen“ sondern die schwerer zu ertragende mit ihrem Schicksal – als Teil der Gesellschaft, die dieses zu verantworten hat. Ja, das chorische Sprechen, die abstrahierende Strenge bieten einen Ausweg: Sie weisen ab und machen es dem Zuschauer recht leicht, das alles abzulehnen. Wer sich nicht zurückweisen lässt, hat es schwerer, denn das Spiegelbild, in das wir blicken, ist kein angenehmes. Halten wir es aus.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: