Hunde im Orkan

Autorentheatertag 2015 – Nis-Momme Stockmann: Phosphoros, Ruhrfestspiele Recklinghausen / Residenztheater München (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ja, ja, Selbstbild und Fremdbild, nie wollen sie zusammenpassen: Lew Katz ist ein Physikprofessor, der die reine Wissenschaft hochhält und mit seinem Narzissmus, seiner Hypochondrie und seinem Zynismus doch nur um Aufmerksamkeit buhlt und mit seinem vermeintlichen Missverstandensein kokettiert. Der Kontrabassist Basil schwadroniert von der hehren Kunst, muss in Provinzhotels auftreten und kompensiert dies durch den Missbrauch seiner Freundin als „Assistentin“, die das schwere Instrument durch die Republik schleppt. Die junge Marlene, die ohne eingeschrieben zu sein Physikvorlesungen besucht und ansonsten als Brezelverkäuferin im ICE jobbt, glaubt die Welt zu durchschauen, sieht sich als analytisch scharfe Rebellin und schleudert noch nur ihren persönlichen Frust als Hass in die Welt. Doch den Genügsamen geht es nicht besser. Lews Ehefrau Anne etwa: Stoisch erträgt sie die Gleichgültigkeit des Gatten, nur um die erste Gelegenheit zu nutzen, ihre Macht auszuspielen. Und Rezeptionist Schröder, hochintelligent und musikalisch talentiert, behauptet, seinen Job zu lieben und interpretiert ihn doch als Freibrief für Intrigantestem und Grausamkeit.  Hier will jeder hoch hinaus, findet sich und sein Leben ungenügend und tritt wütend um sich.

Foto: Andreas Kohlmann

Foto: Andreas Pohlmann

Dabei ist es gar nicht so leicht, die Frage, wer man ist, überhaupt zu beantworten. Lew ist Professor für theoretische Physik und doziert zweimal über die Zeit. Sein Fazit: Es gibt keine Identitäten, denn alles und jeder ist zu jeder Zeit ein anderer, jede Form von Identität daher zwangsläufig ein Konstrukt. was ihn und alle anderen nicht davon abhält, daran festzuhalten: ständig wird an den Konstrukten geschraubt und gefeilt und poliert, je unsicherer die Wirklichkeit erscheint, desto wichtiger ist es, sie anzupassen und das eigene Ich-Konstrukt. Wäre da nur nicht dieser Sturm, ein weiteres Leitmotiv in Stockmanns figurenreichem Text, der die testgefügte Ego-Show zunehmen durchwirbelt und am Ende alle durcheinanderpurzeln lässt. Je mehr man sich als Individuum und Herr über sich und sein Leben fühlt, desto mehr entgleitet einem die Kontrolle. Das „Schicksal“, symbolisiert durch den Sturm, ist menschengemacht und Kollateralschaden unserer Selbstüberhöhung. Nis-Momme Stockmanns neues Stück ist eine Abrechnung mit dem westlichen Individualismus, aber auch eine offene Suchbewegung nach dem Sinn, seiner Möglichkeit und Notwendigkeit und in all seinem Pessimismus ein nicht ganz hoffnungsleeres Stück Glauben an die Überwindbarkeit des selbstgewählten Hamsterrads.

In ihrer Uraufführungsinszenierung hat Anne Lenk die wilde Personage auf eine leere Bühne und unter einen einzigen, pendelnden Riesenscheinwerfer gestellt. Das heißt, zunächst setzen sie sich in die erste Reihe. Nacheinander, je nach Konstellation betreten sie die Bühne, spielen ihr Szenchen und treten wieder ab. Hier ist alles exemplarisch und Teil eines größeren Ganzen. Der Duktus ist karikierend, kippt zuweilen in die Farce und rutscht doch immer wieder und meist unerwartet in wahrhaft existenziellen Ernst. Dabei verschwimmen die Rollen schnell: Die meisten Darsteller*innen spielen mehrere (fast alle unter anderem den Hund der Familie Katz) und schlüpfen gern mal mitten im Dialog in eine andere – Rolle wie Szene. Zunehmend lässt lenk die Szenen parallel ablaufen, springt Johannes Zirner als Lew hin und her zwischen der Aussprache mit der Frau und der Maßregelung der Sekretärin, wird Arthur Klemmt von Schaffner Jörg zum namenlosen Hund zum ebenso namenlosen Dekan, hechelt die blondperrückte Juliane Köhler eben noch als Hund, um sogleich zur ausgenutzten Bassisten-Freundin Eva zu werden. Besonders engagiert, wenn auch mitunter etwas zu überdreht, wirft sich Castorf-Liebling Franz Pätzold ins Rollenspiel zwischen dem verwirrten Studenten Boris, dem schleimigen Dekan-Protegé Seil und dem an einen Fernsehprediger erinnernden Schreibkurslehrer Lindenblatt. Ganz bei sich bleiben nur Firner, Katrin Römer (Anne), Lukas Tortur (Bass-Virtuose Basil, der aber auch einmal sein eigenes Instrument spielen darf) und Genija Rykova (Marlene), aber schließlich haben die genug mit sich selbst zu tun, sind sie ohnehin zerrissen genug.

Das zunehmende Gewusel wird zur Identitätsverwirrung, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und Nähe des weit Entfernten akzentuieren die Schwierigkeit der von unserer Gesellschaft als Ideal hochgehaltenen Individuation. Hier kann jeder alles sein und ist doch nichts so richtig – während man gleichzeitig versucht, die eigene Besonderheit zu betonen. Die natürlich die Anderen überstrahlen soll, weswegen aus der Parallelität schnell ein Wettkampf wird, ein sich gegenseitig von der Bühne verdrängen, des Usurpieren der Szenen des Anderen wird, die darin kulminiert, dass die Darsteller*innen irgendwann ihre eigenen Figuren von der Bühne treten. Regisseurin Lenk teilt die Spielfreude ihres Ensemble, scheut den grellen Effekt ebenso wenig wie den albernen Scherz und hält das Figuren- und Gesschichtenwirrwarr doch stets zusammen. was entsteht, ist eine Rhythmisierung, Dynamisierung und Visualisierung eines doch immer wieder ins Theoretische und exemplarische abdriftenden texten, der hier zu purem Spiel wird. Das Tempo ist hoch, der Orkan entsteht in den Szenenfragmenten und Figuren selbst. Ob er reinigend zu wirken vermag, ist dahin gestellt. Ein wahrhafter Bühnensturm, der begeistert und anregt, ist er in jedem Fall.

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