Der Riss in uns

Autorentheatertage 2015 – Nuran David Calis: Die Lücke. Ein Stück Keupstraße, Schauspiel Köln (Regie: Nuran David Calis)

Von Sascha Krieger

Eine belebte Straße, ein Fahrrad, ein junger Mann. Undeutlich ist das Überwachungsvideo , das Nuran David Calis zu Beginn zeigt, multipliziert und projiziert auf zwei offene Kuben, die dem Publikum zunächst ihre Rückseite zukehren. Wir kennen die Bilder mittlerweile, auch wenn sie uns lange kaum interessierten. Jetzt wissen wir, dass gleich eine Bombe explodieren wird, gelegt von rechtsextremistischen Terroristen. Wir wissen um ihre Mordserie, haben von Untersuchungsausschüssen gehört, von unfähigen Behörden, geshredderten Akten, vorsätzlich verschleppten Ermittlungen, ungesunden Verbindungen zwischen Verfassungsschutz und „rechter Szene“. Doch was wissen wir über die, denen der Terror galt. Wir mögen von der Kölner keupstraße gehört haben, in der die Nagelbombe hochging, doch was wissen wir über sie und ihre Bewohner? Ist von der Mordserie des NSU die Rede, geht es stets entweder um die Täter oder die Rolle von Politik und Ermittlungsbehörden. Nuran David Calis lenkt nun den Blick auf die, die als Opfer zu bezeichnen auch wieder eine unzulässige Bevormundung wäre. Drei ehemalige und aktuelle Bewohner der Keupstraße hat er auf die Bühne gebracht, weitere kommen per Video zu Wort. Doch zuvor muss sie sich öffnen, diese weiße Black Box, in der wir eine Parallelwelt vermuten.

Schauplatz des Gastspiels im Rahmen der autorentheatertage 2015: die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Schauplatz des Gastspiels im Rahmen der Autorentheatertage 2015: die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Zwei davon gibt es (Bühne: Anne Ehrlich): Hier die Keupstraßen-Bewohner, allesamt mit türkischen Wurzeln, dort drei deutsche Schauspieler*innen mit nicht erkennbarem Migrationshintergrund. Lange starren sie sich an zu Beginn, nicht wissend, wie sie aufeinander zugehen sollen. Denn zwischen ihnen ist eine Lücke, die zu überschreiten Überwindung verlangt, denn wieviel einfacher ist es, in seinem eigenen Kokon zu bleiben. Diese Sichtbarmachung der Tatsache, dass Parallelwelten nie allein kommen, ist ein erster inszenatorischer Coup des Abends, der ansonsten ein wenig braucht, seinen Rhythmus zu finden. Erzählt wird er in 18 Kapiteln, angekündigt von einem Countdown, der wie bei einer TV-Bombe herunterzählt (ja, auch etwas plattere Bilder hat Die Lücke zu bieten). Und die zunächst unter einer gewissen Unwucht leiden: Agieren auf der einer Seite die Laien authentisch, ehrlich, mit einiger Wut, ordentlich Witz und noch mehr Würde, tritt die Mehrheitsgesellschaft als Abziehbilder ihres liberalen und ach so toleranten Selbstbilds auf, werfen die aufgedreht und krampfhaft aufgeschlossene erscheinen wollenden Darsteller*innen schnell ihre halbverdauten Vorurteile in den Raum, den die, die jenen entsprechen sollen, stoisch an sich abprallen lassen.

Das ist ebenso unterhaltsam wie ein wenig plakativ (und kulminiert in der Aufforderung „Emanzipier dich doch!“ an die kopftuchtragende Ayfer Sentürk Demir), bleiben doch die, auf die wir blicken sollen, in der reinen Negationsbewegung zunächst ebenso blass und zweidimensional. Da will sich der Abend noch nicht so richtig trauen, hangelt er sich entlang an den Klischees, deren Rekonstruktion doch nicht wirklich Substanzielles offenlegt. Irgendwann werden Dokumente vorgelesen: Lageeinschätzungen der Polizei, Medienberichte, die gekoppelt mit Erzählungen derer, die schnell selbst ins Visier der Behörden traten, eine ernste, existenzielle Ebene einziehen. Denn die Lücke, der Riss, zwischen „uns“ und „denen“, geht tiefer, er geht, wie Simon Kirsch einmal sagt, mitten durch uns selbst: „Dieser Riss, das bist du!“ Plötzlich ist alles anders, führt die Zäsur zu einem Neuanfang, nähern sich die adrett und formal gekleideten „Deutschen“ und die salopper auftretenden „Türken“ auch optisch an. Die Masken fallen, die Wut der „einen“ tritt ebenso offen zu Tage wie die Verunsicherung der „anderen“.

Da bricht etwas auf, anstatt dass die Lücke sich schlösse. Und vielleicht geht es genau darum: den Riss, die Lücke sichtbar zu machen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sie zu akzeptieren. Denn erst, wer den Riss in sich selbst, seine Ressentiments, Ängste, fest gefahrenen Bilder zu sehen lernt, kann den „anderen“ wahrnehmen. Die Bewegung bleibt eine weitgehend einseitige und doch deuten jene, die wir so gern in einer „Parallelgesellschaft“ verorten, ihre Bereitschaft zur Öffnung an. Allerdings nicht um jeden Preis. Eine herablassende, bevormundende Almosenmentalität lassen sie nicht zu – wenn Begegnung, dann auf Augenhöhe. Und so zerlegt man gemeinsam die Zerrbilder und allzu glatten Klischeebilder, auch und gerade, indem man sich im Entsetzen und Unglauben über das, was da zehn Jahre lang mitten in Deutschland zugelassen wurde, trifft. Doch so haarsträubend die Geschichten sind, die sich aus der Recherche wie aus den Erzählungen über einer feindselige Polizei und eine gleichgültige Öffentlichkeit sind, so wichtiger ist es zunächst, einander zuzuhören zu lernen.

Und wenn dieser Abend eines tut, dann ist es dies: die „Opfer“ aus ihrer passiven Rolle, die doch nur unsere Projektion ist, herauszuholen, sie Sicht- und hörbar zu machen, die Lücke akzeptieren anstatt sie zuzukleistern. Und so findet auch der plakative Anfang seine Rolle, als Gegenentwurf und Ausgangspunkt, als leicht verzerrter Spiegel unserer selbst. Denn so lächerlich der überheblich didaktische Tonfall der Schauspieler*innen wirkt, so viel von ihm können wir doch in uns selbst finden, sofern wir denn genau genug hinschauen. Die Lücke bleibt da und das ist auch gut so. Wie oft ist es doch Distanz, die den Blick klärt, die Nähe erst ermöglicht. Es ist eine Lücke, die verbinden kann. Auch das visualisiert der Abend, der erscheint wie seine Schlusserzählung von den Kindern, die gegen die eigene Angst ansingend, die gelähmten Anwohner aus ihren Häusern locken und die Vereinzelung des Traumas verwandeln in eine Gemeinschaft des Lebens.

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