Im Hobbykeller der Ordnung

Autorentheatertage 2015 – Ferdinand Schmalz: am beispiel der butter, Burgtheater Wien (Regie: Alexander Wiegold)

Von Sascha Krieger

Reinheit, Ordnung, Normalität: Wer in der Welt herumreist und nach Vorstellungen über Deutschland – und Österreich, so man es denn kennt – fragt, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit diese oder ähnliche Begriffe hören. Und meist wird ein gehöriges Maß an Bewunderung mitschwingen. Doch auch hier feiern diese Werte fröhliche Urständ, nicht selten positiv besetzt und wenig bis gar nicht reflektiert. Dass diese Konzepte im Mittelpunkt einer Ideologie standen, die das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte verursachte, dass der Nationalsozialismus mit Reinheit und Ordnung argumentierte, um alles auszurotten, was er als nicht „normal“ klassifizierte, wird schnell vergessen. Längst gelten Ordnung und Sauberkeit wieder als „deutsche Werte“, auf die man zu Recht stolz sein könne. Das gilt um so mehr für Österreich, wo man sich so gern dadurch vom großen Nachbarn abgrenzt, in dem man noch deutscher ist als dieser. Wer sich die dortige Diskussion über „Ausländer“ und Geflüchtete anschaut – grundsätzlich gilt dies natürlich auch für Deutschland, siehe Pegida und Co. – wird schnell erschrecken, wie oft Hygiene-metaphern darin eine Rolle spielen.

Die  Autorentheatertage 2015 finden noch bis 27. Juni am Deutschen Theater Berlin statt (Foto: Sascha Krieger)

Die Autorentheatertage 2015 finden noch bis 27. Juni am Deutschen Theater Berlin statt (Foto: Sascha Krieger)

Ferdinand Schmalz‘ viel beachtetes Debüt am Beispiel der butter befasst sich mit genau diesem Drang zur Reinheit, der letztlich nichts anderes ist ein Instrument der Machtausübung. Wer definieren kann, was normal ist und was nicht, hat die Macht andere zu beherrschen und jene, seine Regeln als allgemeingültig zu definieren. In Schmalz‘ Stück sind das ein Molkerei-Chef und ein örtlicher Ordnungshüter, die einen rebellischen Mitarbeiter, dessen Rebellion darin besteht, seinen Mitarbeiter-Joghurt mit anderen zu teilen und Butter abzuzweigen, um die Skulptur einer Faust zu erschaffen, zur Raison bringen. Es ist eine kleine, skurrile, bitterböse Parabel, die mit den Mechanismen des Volksstücks arbeitet und den Weg vom Reinheitsideal zur mörderischen Gewalt als kurz und folgerichtig darstellt. Da wird im Namen der Ordnung geopfert, eine Opferung, die durchaus eine lustvolle ist: „Mein Hobby ist die Gewalt, die ich als Staat nicht tragen darf“, sagt Ordnungshüter Hans, dessen Hobbykeller eine Folterkammer ist.

Schmalz‘ Prosa ist eine rhythmische, eine des Fließend und Innehaltens, künstlich und realistisch schlicht zugleich, die mal ins Banale kippt und mal ins poetisch Abstrakte. Sie arbeitet stark mit Milch- und Buttermetaphern. Rebell Adi träumt den Traum, die feste, klar geformte Butter ausbrechen zu lassen, in Fluss zu bringen, um eine neue, andere, freiere Form zu ermöglichen, während die Obrigkeit die Trägheit der Butter als Ideal hochhält. Freiheit steht gegen Form, Klarheit gegen Trübheit und sie alle sind ambivalent, werden sie doch von beiden Seiten unter unterschiedlichen Vorzeichen als Ideale oder eben Feindbilder hochgehalten. Für die einen ist die Butter feste, klar definierte Form, Normalität, der sich jeder anzupassen hat, für die anderen manifestierte Erinnerung an die lebensspendende Sonne. Die Butter ist Repression und Freiheit in einem und letztlich in jedes ideologische Korsett einsetz- und frei formbar.

Alexander Wiegold packt die Geschichte in seiner Wiener Inszenierung in eine antiseptische Umgebung aus weißen Kacheln und transparenten Plastikvorhängen, ein Ordnungsproduktionsbetrieb, der alle Nebenschauplätze gleich mit einbezieht. Die Regel duldet keine Ausnahme, das Ordnungsprinzip bestimmt alles oder es ist wirkungslos. Was nicht vorgesehen ist, etwa das Verteilen des Joghurts, ist Bedrohung und auszumerzen. Die Wände bleiben weiß. Darin agiert ein exzellentes Ensemble: Peter Knack ist ein trotzig mürrischer Adi, der doch so zart zu träumen vermag, Marcus Kiepe ein sachlich reflektierter Gewaltpropagandist, Michael Masula ein charismatischer, freundlich diktatorischer Chef, Catrin Striebeck ein allglattes Klatschweib mit enormem Strategietalent. Wenn jemand sogar noch herausragt, ist es Jasna Fritzi Bauer als Adis junge Mitstreiterin Karina: Wie sie den alten Knochen wortlos zum Schmelzen bringt, wie sie kaum von dieser Welt gleichsam über der Szene schwebt, wie ihre Stimme Möglichkeitsräume und Traumoptionen eröffnet, die viel bedrohlicher sind als Adis kleines Rebelliönchen, ist atemberaubend und überaus – bei aller Komik – berührend.

Alexander Wiegold und sein Ensemble machen nicht den Fehler zu übertreiben. Die Figurenzeichnung ist pointiert, aber nie farcenhaft verzerrt. Hinter den Masken und Rollen starren uns lebendige Menschen an, die erschreckend, ja, normal erscheinen. Märchen und Realismus bilden eine Einheit, wie es auf der Textebene Realismus und Künstlichkeit, Prosa und Peste tun. Jedes Wort distanziert sich von sich selbst und ermöglicht Reflexiosräume, die Wiegold bewusst nicht zukleistert. Im Gegenteil: Seine Inszenierung ist zurückgenommen, setzt auf Zwischentöne, auf kleine, zuweilen kaum merkliche Gesten, auf Blicke und Pausen. Wo sich im Text die Wahrheit irgendwo zwischen Artifizialität und nüchterner Klarheit verbirgt, tut sie es in der Inszenierung zwischenrealistischer Vignette und subtil absurder Überhöhung. Dabei erinnern Claudia Vallants Bühne und der vernünftig harmlose Tonfall sicher nicht zufällig an einschlägige Horrorfilm-Settings, bilden Sauberkeit und Ordnung sowie erbarmungslose Macht und Gewalt eine ganz und gar harmonische Einheit. Ein leiser, berührender, komischer und ungemein fieser Abend voller alles andere als leicht verdaulicher Wahrheiten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: