Welt aus Sperrholz

Autorentheatertage 2015 – Thomas Freyer: mein deutsches deutsches Land, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist die Gegenüberstellung, welche die Autorentheatertagen dem Zuschauer aufdrängen, unfair: Zwei aufeinander folgende Theaterabende zum NSU-Skandal – hier Elfriede Jelineks assoziationsstarke Wahrheitssuche per nicht versiegendem Wortfluss, dort Thomas Freyers fiktionale, formal eher konservative Rekonstruktion einer Wirklichkeitsmöglichkeit. Da hätte es jeder Text schwer, vor allem ein solcher, der, ganz altmodisch, auf dialogisches Theater setzt, Realismus andeutet in Spielsituation wie Sprache, auch wenn die Parallelführung dreier Zeitebenen – „gestern“ steht für die Entstehung des Mord-Trios, „heute“ für die Ermittlung der Morde, „morgen“ für die hier verhinderte Aufarbeitung – ein wenig Komplexität hineinbringt. 27 Figuren versammelt Freier, die Szenen sind kurz und folgen schnell aufeinander, die Zeitebenen nicht getrennt, so dass der Eindruck eines Mosaiks entsteht, das sich langsam zusammensetzt. Ist das Bild endlich erkennbar, wird schnell klar, wie unbefriedigend es ist. Denn wo sich bei Jelinek die Fragen gegenseitig über den Haufen rannten, Gewissheiten in sich zusammenstürzten und am Ende eine existenzielle Verunsicherung bliebt, hat Freyer auf alles  Antworten.

Foto: Matthias Horn

Foto: Matthias Horn

Die in ihrer Schlichtheit ebenso atemberaubend wie bestürzend sind: Die drei Mörder sind einfach missverstandene und allein gelassene Jugendliche, die den Terror als Ausweg finden, um auf sich aufmerksam zu machen. Eine stammt aus einem Akademikerhaushalt mit Gutmenschenkomplex (welch furchtbares Wort, aber in Freyers Darstellung ist das so weit von diesem in rechten Kreisen gepflegten Klischee nicht entfernt), einer kommt aus verwahrlostem Haushalt, der Dritte leidet unter der totalitären Religion der Mutter. Der Fremdenhass und Rassismus ist da nur Rebellion und erscheint kaum substanziell. Hatten wir diese Art küchenpsychologisch apologetischer Erklärungsmuster nicht schon überwunden? Nicht besser ergeht es aber der Darstellung der gesellschaftlichen Ebene, bei der die Realität schon genug Stoff böte, so grotesk und erschreckend wie die „Aufklärung“ der NSU-Mordserie ablief. Bei Freyer ist alles noch einen Tick schlimmer und vor allem schlichter. Hier ist alles und jeder korrupt und zynisch: Die Politiker wollen die Realität ihrer Rhetorik anpassen, vertuschen, bestechen und lügen , was das Zeug hält; der Verfassungsschutz manipuliert, intrigiert und verfälscht; die Polizei ist Büttel der Macht und die Medien einfach bestechlich. Da ist ein „Oben“, das Ansagen macht, die nach unten umgesetzt werden. Und schert einer aus, wie Kommissar Wolff, der dem Diktum, es handele sich nicht um eine Mordserie, entgegenermittelt, wird er kaltgestellt, während die Mörder neue Identitäten erhalten, damit alles verschwindet. Hier ist alles schwarz oder weiß, einem, vielleicht zwei Guten stehen lauter Böse entgegen, alles ist morsch und korrupt.

Nun ist ein Theaterstück keine politikwissenschaftliche Analyse und doch ist das Bild, das es von unserer Gesellschaft zeichnet ein doch sehr schlichtes (und zudem im konkreten Fall falsches, denn im tatsächlichen NSU-Fall ist am Ende eben doch alles herausgekommen, haben die gesellschaftlichen Korrektive, wenn auch sehr spät, eben doch funktioniert). Hinzu kommt, dass Uraufführungsregisseur Tilmann Köhler sich nicht die Mühe macht, das grobe Bild irgendwie anzureichern oder zu hinterfragen. Stattdessen packt er den dicken Pinsel aus. Die Bohne (Karoly Risz) ist ein schlichtes Sperrholzmonster aus Wand und Boden, das eine freundliche Vorder- mit einer meist verborgenen Rückseite verbindet – hier die Fassade, dort der Untergrund. Jörg-Martin Wagner besudelt drei stunden lang die Bühne mit einer Jazz-Bearbeitung der Nationalhymne, die später alterniert mit einer arabisch gefärbten A-Capella-Version des „Liedes der Deutschen“. Ansonsten wechseln einfache Spielszenen mit in ihre Einzelteile zerlegten Situationen, bei denen zuweilen mittels Live-Video und Off-Einspielern Körper, Stimme und Bild getrennt werden, Geräusche live erzeugt werden, die Figuren sich aufspalten, was vor allem in den Szenen der inoffiziellen Anhörungen sowie den offiziellen Statements des Innenministers ausreichend zelebriert wird. Hier soll die Mechanik der Macht sichtbar gemacht werden – auch die religiöse und familiäre der diktatorisch fanatisierten Mutter wird so dargestellt – und doch feiert sich hier die Virtuosität von Köhlers Regiehandwerk in erster Linie selbst.

Dass das Ganze an eine komplexe Krimidramaturgie erinnert, hilft da wenig. Zu klar ist das Bild von Beginn an, zu sehr bestätigt jede Szene das vorangehende. Der Mischung aus krude-simplistischem Text, realistischer Darstellung bei völligem Verzicht auf Figurenzeichnung, hektischer, nummernrevueartiger Szenenfolge sowie selbstverliebter und zugleich inkonsequenter inszenatorischer Virtuosität gelingt es, den Abend so krachend an die Wand zu fahren, dass es weh tut. Noch schlimmer: Seine küchenpsychologische Schlichtheit und erschreckend überhebliche Gewissheit machen es dem Zuschauer viel zu einfach sich zurückzulehnen und die schön einfachen Antworten zu konsumieren, ohne groß nachdenken zu müssen. Dass es hier um Menschen geht, die zugunsten einer Ideologie ermordet werden, dass hier eine riesige Leerstelle erzeugt wird, die uns alle angeht (Jelinek macht das eindrucksvoll spürbar), spielt hier keine Rolle, die Opfer sind ohnehin nur argumentative Mittel zum Zweck (besonders irritierend die Mordszene, an deren ende der Täter sich ins Opfer verwandelt). Dass die sechs Darsteller mit ihrer Handlungsfähigkeit beeindrucken, das Tempo hochhalten und aus dem Text wenigstens so etwas wie Charakterisierungsandeutungen herauskitzeln, ist ein schwacher Trost an einem Abend, der es sich – und das gilt für den Autor wie den Regisseur – viel zu einfach macht und der sich über weite Strecken viel zu sehr für sich selbst interessiert.

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