Spiel mir das Lied vom Klischee

Frei nach Heinrich von Kleist: Das Kohlhaas-Prinzip, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Michael Kohlhaas, wer was das noch mal? Ach ja: Held einer Novelle Heinrich von Kleists, Pferdehändler, schikaniert von einem Adligen, im Stich gelassen von der Obrigkeit, nimmt er die Gerechtigkeit selbst in die Hand, geht auf einen Rachefeldzug, wird am Ende hingerichtet. Einer „der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ sei er gewesen, schreibt Kleist. So beschreibt ihn auch Thomas Wodianka, der den Kohlhaas gibt, in Kostüm und mit Holzpferd. Ach nein, das geht ja nicht, wie sind schließlich nicht im 16. Jahrhundert. Also weg mit den Insignien der Vergangenheit, machen wir Kohlhaas zum „E-Bike-Entrepreneur“, umweltbewusst, vegan, nur Bio-Produkte kaufend, mülltrennend. Ein Spuperreicher im gepanzerten Auto behindert ihn, Kohlhaas stellt ihn zur Rede, attackiert ihn mit Kaffee, worauf dieser ihn samt Kleinkind über den Haufen fährt. Doch nein, Justiz und Polizei helfen nicht, ist der Täter doch gut vernetzt, stattdessen wird Kohlhaas verklagt. Was soll man da anderes machen, als Terrorist zu werden? Eine Frage, die Regisseurin Yael Ronen sogar beantwortet, denn es gibt noch einen Michail: Dieser ist Palästinenser, wird von israelischen Grenzbeamten schikaniert, verhaftet, als er auf sein Recht pocht, und landet als illegaler Flüchtling in der Berlin, wo er Zeuge des „Unfalls“ des ersten Michaels wird. Und nicht Terrorist, sondern einer, der versucht sich durchzuschlagen, nicht aufzufallen, unterzugehen in der Menge.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Eine spannende Konstellation, aus der Ronen und Ensemble wenig machen. Nein, dramatische Funken lassen sich aus dem zweiten Handlungsstrang kaum schlagen und darum geht es in Ronens Theater ja auch immer. Da bleibt jener zweite Kohlhaas Staffage, wird er von der Inszenierung so benutzt wie im Stück von den Behörden, israelischen wie deutschen. Da hat Anklänge an Dimitrij Schaads pseudo-improvisierten Anfangsmonolog, in dem er fordert, uns zu empören und den Mitspieler*innen seine Diskriminierungsklischees an den Kopf wirft. Deren Erfahrungen mit oder ohne Diskriminierung zählen nichts, er, der selbst ernannte Repräsentant der Mehrheitsgesellschaft bestimmt, wer Opfer sein darf – oder muss. Das ist eine eindrucksvolle satirische analyse einer Gesellschaft, die gerade in ihrer Sorge für die Entrechteten und Ausgestoßenen dieser welt die kolonialistischen Reflexe nicht abzulegen vermag – und strahlt doch zurück auf diesen Abend, der sich dem palästinensischen Kohlhaas auf exakt die gleiche weise nähert. Nein, Opfer, darf er sein, Protagonist nicht. Da funktioniert die symbolische Ebene schon besser: Indische Raben werden eingeführt als Leitmotiv, eine invasive Spezies, Flüchtige, die bekämpft werden und auf Rache sinnen, die tun, was Michail nicht vermag. Ob er es wollte, danach fragt der Abend nicht. Wenigstens bescheren die Raben dem Abend eine seiner stärksten Szenen, wenn Schaad als Rabenjäger, sprich Verteidiger des Status Quo, den Cowboy zur Musik von Spiel mir das Lied vom Tod geben darf.

Ansonsten bleibt er lieber beim Öko-Terroristen Kohlhaas. Genüsslich pflügt der Abend durch Klischees und mediale Rollenverteilungen: Das ist die korrupte Polizei, der rückgratlose Rechtsanwalt, die sich selbst feiernde Empörungskultur mit Guy-Fawkes-Masken und Facebook-Kampagnen. Furios das Tempo, mit denen der zu Beginn herunterfallende Schrott unserer Welt umfunktioniert wird in Szenenandeutungen, man schnell die Rollen wechselt, wobei vor allem Schaad als multipler Macht-Agent brilliert. Die Spielfreude ist mitreißend, die satirische Analyse nicht übermäßig originell, aber zumindest unterhaltsam. Das funktioniert, solange sich die Klischees sowohl bestätigen als auch entlarven, die korrupten Polizisten etwa als Sinnbild eines der Macht verhafteten Instrumente selbiger erscheinen und zugleich die Irrigkeit der Gleichsetzung des modernen Rechtsstaats mit der Willkürjustiz in Kleists Novelle mitdenkt. Das gilt auch für Kohlhaas‘ Rebellion: Seite Wut, seine Empörung ist genuin und sie ist Pose, sie meint Gerechtigkeit und zugleich immer auch nicht selbst, ist auf Veränderung angelegt und doch auch Selbstzweck. Wenn Wodianka vor brennender Kulisse „Paint It Black“ von den Rolling Stones brüllt, ist das Ausdruck verzweifelter Wut und sich gleichzeitig seiner Klischeehaftigkeit bewusst. Dieser moderne Kohlhaas will nicht nur rächen, er will auch ein Image kreieren und pflegen.

So weit so gut: So lange der Abend Ernst und Satire im Gleichgewicht hält, folgt man ihm gern, denn faszinierend ist dieses Hochgeschwindigkeitstheater durchaus, einfallsreich sowieso, eines, welches das „Spiel“ im Theaterspiel groß schreibt. Natürlich sind die Gleichsetzungen der modernen Geschichte mit jener von Kleist bemüht, plakativ und ein wenig denkfaul, ist manche Spielerei, etwa die, den Firmenpatriarchen als Wiedergänger von Kubrick’s Doktor Seltsam darzustellen, ein wenig albern, der Erkenntnisgewinn eingeschränkt. Und doch funktioniert der Abend als spielerisch satirische Erinnerung daran, dass sich schlechte Gewohnheiten doch so schnell nicht ablegen lassen, unsere Gesellschaft eben doch das eine oder andere von ihren Vorgängern geerbt hat, was sie eher hätte ausschlagen sollen. Nein, das Problem von Das Kohlhaas-Prinzip ist ein anderes. Zum einen übernimmt es wie bereits beschrieben den bevormundenden Gestus, den es kritisiert, fällt letztlich in seine eigene Klischee- und Vorurteilsfalle, statt die Dopplung der Kohlhaase zu einer multiperspektivischen Deutung zu nutzen, zum anderen nimmt es irgendwann die eigenen Thesen zu  ernst. Gerade noch hat man belustigt über die Polizei- und Wutbürgerparodien gelacht, da erkennt man: Eigentlich meinen die das ernst, ist dieser Kohlhaas in all seiner Verbohrtheit doch nur einer, de keine Wahl hat, als die Welt anzuzünden, weil sie so verdorben ist.Und da fällt die ganze schüne Ambivalenz in sich zusammen und bleibt doch nur eine Gesellschaftsanalyse, die in ihrer Plattheit erschreckender wirkt als der Terrorist Kohlhaas. Aber wenigstens hatten wir Spaß.

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