Warten auf den Unfall

Autorentheatertage 2015 – Ferdinand Schmalz: Dosenfleisch, Burgtheater, Wien / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Carina Riedl)

Von Sascha Krieger

Es gehörte ja in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Theater schon zum guten Ton, den Autor totzusagen oder sein baldiges Ableben zu prognostizieren. wird uraufgeführt wie nie, buhlen eine ganze Reihe von Autorenwettbewerben und -festivals um die neuen und alten „Stars“ der Szene. Zu denen gehören seit Jahren auch die Autorentheatertage, die Ulrich Khuon einst in Hannover gründete und dann nach Hamburg, später nach Berlin mitnahm und die doch zumeist in der zweiten Reihe herumdümpelten. Das lag auch daran, dass sie vor allem Bestandsaufnahme sein wollten und damit immer im Schatten der Mülheimer Theatertage standen, die kurz zuvor über die Bühne gingen. Die Förderung neuer Arbeiten und Autoren ging da in der Gastspielflut gern unter, äußerte sie sich doch nur in Werkstattinszenierungen gegen Ende des Festivals und einer langen Spielzeit. Jetzt will das Festival heraus aus der zweiten Reihe. Nicht nur ist das Gastspielprogramm so hochkarätig wie selten (und das obwohl der Anteil von Uraufführungen beim diesjährigen Theatertreffen besonders hoch war und damit schon einige Produktionen fehlen), man hat mit der dramatischen Auseinandersetzung mit den NSU-Morden auch einen Themenschwerpunkt. Das Wichtigste jedoch: Mit der Ausgabe 2015 erfinden sich die Autorentheatertage neu als Uraufführungsfestival: Gleich vier neue Texte erblicken das Licht der Welt – als Inszenierungen des gastgebenden Deutschen Theaters oder in Koproduktion mit anderen Häusern.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Den Anfang macht mit Ferdinand Schmalz ein Autor, der mit seinem Erstling am Beispiel der butter (in der Wiener Inszenierung auch hier zu sehen) im vergangenen Jahr für Furore sorgte.Sei zweiten Stück heißt Dosenfleisch. Es hebt an mit einem wunderbaren Monolog eines in einer Autobahnraststätte gestrandeten Fernfahrers. Vom auf der Windschutzscheibe verendeten Insekt, das seine ausgelöschte Existenz durch scheibenwischerinduzierte Schlieren bemerkbar macht, kommt er zu einem Unfall, bei dem sich tausende Fleischdosen auf der Fahrbahn verteilten. Unter den Reifen der vorbeifahrenden Autos zerplatzt führen sie bald zu einem Fleischnebel, der die Sicht nimmt. Ein starkes Bild gemalt in rhythmischer Sprache, die Daniel Jesch prägnant und mit Hang zur Deutlichkeit auf die Bühne zimmert. Dosenfleisch, der Titel steht natürlich nicht nur für die sich auflösenden Konserven: Auch tiefgefrorene Leichen, so erfahren wir, werden zuweilen so bezeichnet und natürlich gilt der Begriff auch den opfern von Autounfällen, lebloses menschliches Fleisch in zerstörten Blechbüchsen, und letztlich allen, die in diesen unterwegs sind, nicht wissend, ob sie nicht im nächsten moment nicht viel mehr sein werden als eben Dosenfleisch.

Vier Menschen hat Schmalz in einer Raststätte versammelt, Aussteiger, die sich im Nirgendwo zwischen Auf- und Ausfahrt geparkt haben und sich entziehen dem Zwang voranzukommen, der Notwendigkeit, in Bewegung zu bleiben, und der unentrinnbaren Folge, immer neue Unfälle zu produzieren. Rhythmisch ist seine Sprache, pulsierend, vorwärtsstrebend und doch zugleich retardierend in ihrer artifiziellen formalen Strenge und Distanz, ihren Phrasenwiederholungen, die wirken wie Vollbremsungen. Ein Dazwischen der Zeit wie die Raststätte ein räumliches ist. Da wird das Warten auf den Unfall zum Symbol einer Existenz, die das Heft des Handeln nicht übernimmt, sofern erwartet, dass ihr etwas passiert, mutiert der Unfall zur Chance des Neuanfangs, zum Zwang, die eingefahrenen Bahnen zu hinterlassen. Schmalz spielt mit fluktuierenden und schwer durchschaubaren Beziehungen, webt ein wenig Krimi und Horror ein und bleibt doch stets auf der Ebene der Sprache, die eben nie nur eine zielführende ist und in der der Rhythmus wichtiger scheint als ihr Inhalt. Störend nur, dass er der Meinung ist, er müsse Metaphern und Wortspiele rund um Straße und Verkehr bis zur Erschöpfung ausloten, mit einem Vollständigkeitsanspruch, der dazu führt, dass zuweilen gekalauert wird, als wären wir in einer Jelinek-Parodie.

Und doch funktioniert der Text über weite Strecken sehr gut, auch deshalb, weil er eben nicht funktionieren will, sich sträubt gegen die Erwartung, er müsse Bedeutung in sein Zentrum stellen, hätte vor allem dienende Funktion. Stattdessen emanzipiert sich seine Sprache, wird sie autonom, äußert sich in ihrer Künstlichkeit, ihrer Distanzierung, ihrer ambivalenten Rhythmik eine Existenz jenseits des Rationalen, jenseits des Primats des Funktionierens. Den Unfall nicht als Folge zu denken, sondern als Ursache, als Urknall, setzt Möglichkeiten frei, öffnet Denkräume, stellt Nicht-Hinterfragtes zur Disposition. Da wird die morbide Faszination mit dem Unfall zur Lebensäußerung, der Unfall selbst zur möglichmachenden Intervention. Die Frage, ob wir Funktionierenden nicht das eigentliche leblose Dosenfleisch sind, stellt sich zunehmend in den Ratz- und Silbenkaskaden von Schmalz‘ Text.

In ihrer Uraufführungsinszenierung, die ab September in Wien zu sehen sein wird, setzt Carina Riedl vor allem auf Verstärkung und Unterstreichung. Percussionisten Katharina Ernst eröffnet den Abend mit einem langen Schlagzeugsolo, das den Rhythmus setzt, der bei Schmalz in der Sprache schon vorhanden ist. Das definiert den Tonfall des abends, wird in der Folge durch multiple Untermalungen dann aber auch zur etwas plakativen Masche. So essenziell die Rhythmik für das Stück ist, so sehr ist Schmalz‘ Sprache selbe in der Lege diese zu entwickeln. Das Spiel der vier Darsteller*innen ist präzise, wenn auch mitunter überdeutlich, die Bühne in ihrer nüchternen Kargheit ebenso, die charakterisierenden Kostüme und Frisuren (hier der steife Versicherungsmann, dort die wilden Rebellinnen) nickt minder. Das ist streckenweise etwas dick aufgetragen, meist rein illustrativ und erreicht doch sein Ziel: Den Text in den Mittelpunkt zu rücken. Er ist der Star des Abends, ihm kann der Zuschauer zu Leibe rücken, seine formale Meisterschaft bewundern, seine Fähigkeit, über Rhythmus und das Spiel zwischen Hülle und Inhalt, Bedeutung anzudeuten und Assoziationen anzustoßen – aber eben auch seine schwächen, seine stellenweise Eitelkeit und Selbstzufriedenheit enthüllen. Am Ende halten sich auch in ihm Leben und Funktionieren die Waage, findet der große, befreiende Unfall (noch?) nicht statt. Ein gelungener Startschuss für die Autorentheatertage ist der Abend allemal.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: