Viel Licht, ein bisschen Schatten

Gustavo Dudamel dirigiert die Berliner Philharmoniker

Sascha Krieger

Gustavo Dudamel und die Berliner Philharmoniker, das ist so etwas wie eine Liebesgeschichte. 2008 dirigierte der Venezolaner das Orchester zum ersten Mal, da war er gerade 27. Mittlerweile steht er mindesten einmal pro Spielzeit am Pult, meistens öfter, hat zwei Waldbühnenkonzerte dirigiert, ein Europakonzert und ist mit dem Orchester auf Tournee gegangen. Und doch v+fiel sein Name zuletzt immer seltener, als es um die Nachfolge Sir Simon Rattles als Chefdirigent ab 2018 ging. Dudamel gilt als Dirigent, der ungeheuer viel Leidenschaft und Energie mitbringt, ein Orchester zu euphorischeren vermag, aber dem es noch ein wenig an analytischer Schärfe und, ja, auch künstlerischer Reife mangelt. Bei seinem aktuellen Gastspiel in Berlin bestätigt er zunächst das Vorurteil, um es später zu widerlegen.

Gustavo Dudamel (Foto: Richard Reinsdorf)

Gustavo Dudamel (Foto: Richard Reinsdorf)

Der erste teil des abends ist ein wenig schattiger geraten: Wolfgang Amadeus Mozarts Posthorn-Serenade, das Werk eines Zwanzigjährigen, versucht er jedem Versand der leichtgewichtigkeit zu entziehen und erdrückt es mit feierlichem Ernst, massiven Streicherdecken und einem reduzierten, zuweilen fast fahlen Klangbild, das sich nur in den von wunderbaren Holzbläsersoli und -duetten bestimmten Mittelsätzen ein wenig öffnet. Ansonsten löst Dudamel das Wechselspiel von klassischem Ernst und tänzerischer Lebensfreude auf zugunsten des ersteren. Der Zauber von Mozarts Musik hat da keine Chance, das Werk wirkt über weite Strecken schwer, mitunter gar behäbig und künstlich dramatisch. Hier wirkt ein Künstler, der scheint beweisen zu wollen, dass er interpretatorisch durchaus fähig ist. Das gelingt ihm dann nach der Pause in Gustav Malers erster Symphonie. Plötzlich passen Werk und Konzept zueinander, findet Dudamel eine Richtung, die er konsequent durchhält, in der ihm das Orchester – bei den Philharmonikern besonders wichtig und nicht selbstverständlich – auch folgt und die das Werk dem Zuhörer erschließt.

Das ist im Kopfsatz besonders gut zu beobachten. Das Streicherflageolett zu Beginn hebt an wie aus dem Nichts, bleibt im Nirgendwo, schwebt fragend über den bruchstückhaften Versuchen vor allem der Holzbläser, sich aus dem Dunkeln hervorzutasten. Langsam, unsicher erwacht die Musik, bricht immer wieder ab, sucht ihren Weg. Dudamel betont die Brüche ebenso wie die Kontraste der gegeneinandertaumelnden Motivfragmente, er öffnet den Klangraum für ein vereinzeltes Suchen, das nur langsam zu einem kollektiven zusammenwächst. Ganz sachte entwickelt sich da etwas, fügt sich der Klang zusammen, gewinnt er an Selbstbewusstsein, schafft das Orchester Spannung durch klangliche Verdichtung, arbeiten sich die Kontraste aneinander ab, streitet sich die Musik um den richtigen Weg. Dudamel setzt immer wieder Widerhaken, schreibt der Musik die ständige Möglichkeit des Scheitern ein. Dieser erste Symphoniesatz Malers ist eine einzige Suchbewegung. So klar ist dieser Charakter – gepaart mit ungebremster musikalischer Neugier – nur selten zu hören. Im weiteren Verlauf ist vor allem spürbar, wie sehr Dudamel das Werk als Einheit begreift, das fortlaufende musikalische Geschichte. bei ihm ist das Scherzo eng verbunden mit dem ersten Satz, es greift den aufgewühlten Gestus von dessen Schluss auf und entwickelt ihn zu einer Lebendigkeit weiter, die hier eher fröhliche als groteske Züge trägt. Hier herrscht Unruhe, prallen die einzelnen Motive und Themen kontrastreich aufeinander, doch ist es eine kreative Unruhe, die sich vor allem auch im Trio mit seinem Widerstreit von Voranschreiten und Innehalten manifestiert.

Und dann stellt sich alles wieder auf Null. Die lange Pause zwischen den Sätzen zwei und drei ist Programm. Dudamel und Philharmoniker lassen die Musik einen Neuanfang unternehmen. Dieser ist ruhiger, nachdenklicher. und entwickelt sich wie schon zu Beginn des Werks aus der Stille. Zart, von feiner Traurigkeit geprägt und betont gesanglich das Hauptthema, das sich langsam den Klangraum eröffnet, an Masse gewinnt und sich dann der zweiten Themengruppe gegenübersieht, die eine ähnliche Entwicklung durchläuft. In der Folge herrscht dann wieder der Gestus des Widerstreits auf immer engerem Raum, zuweilen deutet Dudamel fast eine Gleichzeitigkeit an. Die Musik – hier ein in Moll gekehrtes „Bruder Jakob“, dort starke Anklänge an jüdische Musik – erobert sich den Raum, breitet sich auf, nur um sich dann gleich wieder zu verlieren. Jeder Triumph ist temporär, die Streicher schwelgen, die Holzbläser singen sanft und doch ist der nächste scharfe Einbruch nie weit. Hier ringt die Musik mit sich und kann noch nicht siegen. Am Ende des Satzes steht ein sachtes Ersterben.

Doch damit will sie sich nicht zufriedengeben: Scharf und aggressiv hebt das Finale an, als wollte es eine Entscheidung erzwingen. Hier wogt die aufgewühlte See, der Klang ist überaus durchsichtig, jede der unzähligen farblichen Schattierungen von Malers Musik klar hörbar. Immer wieder heizt das muskulöse Spiel der Streicher die Dramatik an, bündelt die Spannung, befeuert dramatische Entladungen wie aus dem Nichts. Scharfe Kontraste prallen aufeinander, hier ist nichts moderiert, erinnert vieles an den Kopfsatz: das gleiche Ringen disparater Elemente, die gleiche Suchbewegung, die gleiche Unentschiedenheit. Und dann passiert doch noch etwas: Ein neues Ansetzen, zart, leicht, transparent, langsam anschwellend, sich verdichtend und dann ist er da, der triumphale Choral des Schlusses, der Triumph einer Musik, die sich gefunden hat. Und unter der doch die aufgewühlte See brodelt. Hier ist alles gewonnen und nichts sicher, nichts, als der Drang, weiterzugehen, die Suche fortzusetzen, der sich in der explosiven Energie des Schlusses zeigt. Gustavo Dudamel gelingt nicht weniger, als die Geburt des Symphonikers Mahler hörbar zu machen. Und ganz nebenbei gelingt ihm eine Interpretation, die sich mit den bahnbrechendsten Mahler-Aufnahmen durchaus messen lassen kann. Wie auch immer sie aussehen wird: Auf die Zukunft der Beziehung zwischen Gustavo Dudamel und den Berliner Philharmonikern darf man sich freuen.

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