„Ich will ohne!“

Puls, ein Stück Worst-Case-Szenario, Jugendclub von GORKI X „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater, Berlin, Maxim Gorki Theater/Studio Я (Spielleitung: Suna Gürler)

Von Sascha Krieger

„Kommt, wir machen jetzt was!“ Doch wie das anstellen, dieses „Machen“? Was kann da alles passieren, wenn man etwas „macht“? Wäre es nicht besser, sich ganz zurückzuziehen, nicht ans Telefon zu gehen, nur noch Fernsehserien zu sehen? Oder warum nicht gleich sterben? Der Tod ist schließlich das beste Mittel gegen Zukunftsangst, denn wo er herrscht, ist keine Zukunft mehr. Angst ist das Thema der neuen Arbeit der Aktionist*innen, des Jugendclubs im Berliner Maxim Gorki Theater. Wovor fürchten wir uns, fragt er, und warum? Und vor allem: wie kommen wir aus der Angstnummer wieder heraus? Mit Schutzfolie ist die Bühne ausgekleidgt, die erst einmal befestigt werden will, und deren Halt man immer wieder überprüfen muss. Wiederholt wird von allem abgelassen, was man gerade tut, nur um sicherzugehen, dass der Schutz hält. Da vergisst man schnell die anderen und starrt lieber Minutenlang auf ein stück Folie. Angst als sich selbst reproduzierender Selbstzweck: Es ist ein schlichtes, stilles, starkes Bild, wie sie dieser Abend einige hat. Denn natürlich hat Sicherheit auch eine Kehrseite und so wird aus dem Schutz der Folie später eine jeglichen Raum zum Atmen raubende Enge, der sichere Raum zum selbstgewählten Gefängnis.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Dazwischen spielen die 16 jungen Darsteller*innen unterschiedliche Angstszenarien durch: Da erscheint die, einen geliebten Menschen zu verlieren, auf der gleichen Ebene wie jene, etwas zu verpassen, den Anforderungen der Gesellschaft nicht zu genügen, oder die, andere in das eigene Leben zu lassen. Da ist es schnell nicht mehr weit zum Selbsthass oder dem auf andere. Die ehrliche Furcht vor Tod und Verlust und die diffuse „Angst“ vor dem Fremden: Wie lassen sie sich unterscheiden? Betont körperlich ist die Herangehensweise der Aktionist*innen, sie übersetzen die Themen in Choreografien, Körpersprache, die mit der verbalen einen spannenden Dialog führt, sich an ihr reibt und über sie hinaus geht. Da wird der titelgebende Puls, das Lebenszeichen, zur manischen Zwangsbewgungen, bilden sich Gruppen und lösen sie sich wieder auf, etwa wenn das wörtliche Aufnehmen eines Menschen sich desintegriert, wenn einer nach dem andere seine Aufmerksamkeit der lockerer werdenden Folie schenkt. Es wird gezittert, gefallen, aufeinander gezeigt, man fängt den anderen auf oder eben auch nicht, je nachdem, ob gerade eine anerzogene angst die Oberhand gewinnen kann. Dabei haben sie alle Sehnsucht danach, dass sie jemand hält. Schnell wird aus dem Spiel von Sich-Fallen-Lassen und Aufgefangenwerden eine fast panische Sucht nach dem Anderen, so dass am Ende 15 Fallende einem gegenüberstehen, der sie auffangen will. Noch ein starkes Bild.

Es ist ein bemerkenswerter Abend geworden, einer, der auf kongeniale Weise Bilder aus Körpern malt, dessen Narrativ ein körperliches ist, einer der die Tonlagen wechseln kann, ohne, dass es irgendwo knirscht. Greller Parodie – etwa auf den PEGIDA-Hass oder auf den Wahn, nichts verpassen zu dürfen – stehen Ausbrüche aufgestauter Wut gegenüber, etwa, wenn eine Spielerin gegen den Selbstoptimierungszwang aufbegehrt, und dann sind da die stillen Momente, in denen sich die echten, existenziellen Ängste zeigen und die ganze gesellschaftlich verordnete Angstmechanik als das erscheint, was sie ist: albern, lächerlich, bedeutungslos. Und dann, ganz plötzlich, glaubt man eine Tür zu sehen, einen Ausweg aus der lähmenden Angst, die bei aller immer hektischer und verzweifelter werdender gegenseitigen Aufforderung, doch endlich etwas zu tun, genau dieses immer wieder verhindert. „Ich will ohne!“ ruft eine Spielerin einmal. Ohne Angst, ohne Erwartungsdruck, ohne vorgegebenen Rollenzwang. Doch wie anhalten, dem Sang zur dauernden Bewegung entgehen, wie seine Mitte finden, die es erlaubt, endlich auch den Anderen zuzulassen, sich selbst, die echte, ehrliche Angst vor der Leere? Einfach ist das nicht, machen wir es uns auch nicht in unserem Effizienz- und Sicherheitswahn, bei dem die Freiheit schnell auf der Strecke bleibt. Und vielleicht liegt die Antwort ja darin, die Sicherheit einfach einmal in den Wind zu schießen, sich fallen zu lassen ins Leben und darauf zu vertrauen, dass einen jemand auffängt. Vielleicht, so erzählt Puls, funktioniert das ja sogar.

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