Ballonhund im Techno-Rausch

Mania, frei nach „Die Bakchen“ von Euripides, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Miloš Lolić)

Von Sascha Krieger

Keine Frage: Hie ist der Name Programm. Manisch geht sie los, Milos Lolićs auf bequeme 90 Minuten eingedampfte Euripides-Reduktion nach dessen Bakchen, in denen sich der rationale Vernunftherrscher Penthaus mit dem Lust- und Sinnlichkeitskult des Gotten Dionysos anlegt und die Trennung von Kopf und Körper, Rationalität und Gefühl unweigerlich in die Katastrophe führt. Das ist natürlich um einiges zu vereinfachend beschrieben und passt doch ganz gut zu Lolićs Ansatz. Hart wummern die Bässe, das Ensemble ergibt sich dem Techno-Rausch, die programmatischen Worte, die Till Wonka in ein Magenta-farbenes Mikrofon stammelt, kommen ihm nicht nur stockend und unter größten Mühen, sie erreichen auch bestenfalls nur die ersten paar Zuschauerreihen. Irgendwann tritt Aleksandar Radenković, der zuvor mitgetanzt hatte, zur Seite, die Musik verstummt, er, der nun den Pentheus gibt, fragt, wie lange da nun so weitergehen solle. Nun regiert das Wort, die rationale Auseinandersetzung, statt des sinnenfrohen Rauschs der Körperlichkeit.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Ist jetzt alles besser? Nein, denn wo zuvor der kollektive Körper in einer durchaus totalitär zu wertenden Bewegung das Ich negierte, setzt die Ausschließlichkeit des Rationalen, die nichts anderes ist als die Absolutsetzung  der eigenen Ansicht, ihre eigene Diktatur dagelegen. Hier steht Totalitäres gegen Totalitäres und da ist es am Ende ganz egal, welche Seite gewinnt. Lolić verhandelt das recht plakativ: Pentheus‘ Welt ist eine Karge, die stille erdrückend, das Sprechen trocken, nüchtern, mechanisch, die Körpersprache steif. Dem gegenüber steht jene des Dionysos: laut, rhythmisch, körperlich. Zu Beginn wirft Pentheus die Dionys0s-Jünger zu Boden, worauf diese sich, verknäuelt in einander, versuchen, ersteren zu Boden zu ziehen. Überhaupt wird viel gerungen, geklammert, sich kollektiv mit-, in-, übereinander gewälzt. Übertrieben einfallsreich ist diese klare Dichotomie nicht – und noch weniger erhellen. Gut, Körper und Kopf, Sinne und Geist zu trennen, ist keine besonders gute Idee – geschenkt. Um das zu wissen, muss man nicht 90 Minuten im Theater sitzen und braucht auch nicht den glänzend hohlen riesigen Ballonhund nach Jeff Koons, der die ansonsten leere Bühne „ziert“ und der schnell vergessen ist.

Spannender sind da schon die Protagonisten: Till Wonka spielt seinen Dionysos als unzufriedenen, sich selbst eher feindselig gegenüberstehenden Zweifler, der die Leere, die in der immerwährenden Feier liegt ebenso durchschaut wie ihren diktatorischen Charakter, selbst während er eben diesen zelebriert und befördert. Es schmerzt ihn sichtlich, wenn er, wie zu Beginn, mit denn Worten kämpft, um jede Silbe ringen muss, und er wird regelrecht wütend, wenn er, hat er die Sprache endlich gefunden, nicht zu Gehör kommt. Radenković Pentheus wiederum ist anzusehen, dass er sich insgeheim die Gemeinschaft der anderen wünscht, dass er ausbrechen will aus seinem starren und ihn selbst einengenden Selbstbild. Die gemeinsamen Szenen, die Lolić beiden gibt, sind denn auch durchpulst von einer brüchigen und durchaus zärtlichen Sehnsucht, einem nicht zu artikulierenden Gefühl, dass man sich näher sei, als zu erwarten wäre. Doch beide können – oder wollen? – nicht aus ihren Rollen, Schubladen sind denn doch einfacher zu bevölkern als sich der eigenen Widersprüchlichkeit zu stellen.

Diese Ebene liegt vor allem in Wonkas und Radenkovićs Spiel, Lolićs Regie deutet sie bestenfalls an. Viel wichtiger erscheint, das Auswalzen der Ursprungsidee, die Übersetzung des antiken Bakchenkults in den vermeintlich selbstvergessenen Hedonismus von heute, für den das Durchtanzen der Nächte auch kein besonders neues Bild ist. Da wird die kollektive Rhythmus-Extase zur enthemmten Orgie, auf die dann noch rosa Schleim regnet. Platz für Zwischenräume ist da wenig, für Euripides‘ Geschichte auch nicht, vor allem die rastagelockte Sesede Terziyan als den eigenen Sohn im Wahn mordende Königsmutter ist ein eher ärgerlicher Fremdkörper, der allerdings dann wiederum ganz gut in den Abend passt, da der Auftritt so wunderbar auf äußerliche Effekte setzt wie das Mania in seiner Gesamtheit tut. Dass da noch mehr sein könnte und uns der Abend womöglich sogar etwas sagen könnte, schwindet schnell im auch den Zuschauer einlullenden Techno-Dauergewitter.

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