„Wasser trinken und rülpsen“

Theatertreffen 2015 – Söhne wie wir – mach dir keine Sorgen, Mama!, Junges Schauspielhaus Düsseldorf

Von Sascha Krieger

Ja, sie kann schon nerven, die Mutter, die die Musik abdreht, wenn man gerade richtig abgeht, die einen  für den Abenteuertrip mit Freunden in Winterjacke und Pulli steckt und das Armeemesser durch ein in Küchenrolle eingewickeltes Buttermesser ersetzt, die mit guten Ratschlägen und Ermahnungen nicht geizt und dann nicht loslassen will, wenn der Sohn flügge wird. Warum studierst du nicht in der gleichen Stadt, fragt sie? Wäre das nicht praktischer? Wäre es wohl, denn irgendwie füllt sich der WG-Kühlschrank nicht von allein, ist das mit der Wäsche gar nicht so einfach, und jemand zu reden fehlt auch. Alles ziemlich kompliziert mit dem Erwachsenwerden. Zwischen zwölf und Anfang zwanzig sind die sechs jungen Spieler, die gemeinsam mit fünf Müttern (die im so genannten wahren Leben nicht die ihren sind), die Facetten dieser komplexesten wie wichtigsten aller zwischenmenschlichen Beziehungskisten durchspielen. Schauplatz ist eine Bühne  voller Kühlschränke, Backöfen und Waschmaschinen, aufgetürmt zu einem vier Meter hohen Berg, den die Jungs erklimmen – Symbol der Freiheit und doch ständige Erinnerung an das, wovon sich zu befreien sie gar nicht wirklich wollen.

Foto: Sebastian Hoppe

Foto: Sebastian Hoppe

Das Stück zeigt die Jungen und jungen Männer in unterschiedlichen Lebensphasen: Da sind: der „Kleine“ am Anfang der Pubertät, noch immer Mamas Liebling mit kindlichen Beschützerfantasien, die Teenager, die ihre Balance suchen zwischen Sohnsein und Emanzipation, und die jungen Erwachsen, die erfahren, dass Freiheit auch ihren Preis hat. Da wird lustvoll Unordnung gestiftet, Revierverhalten zelebriert, die eigenen Coolness ausgetestet (merke: „Bei der Mutter kannst du nicht cool sein!“) , der Ausbruch geprobt, die Widrigkeiten der Eigenverantwortungen bejammert. Den Jungs geht es darum, sich zu emanzipieren von der Frau, die ihr Leben bislang beherrscht hat, während diese zwischen Klammern und eigenen Freiheitssehnsüchten schwanken. Der Abend wechselt zwischen Erzählmodus – beide „Seiten“ berichten aus persönlicher Erfahrung und jeweils eigener Sicht vom vielgestaltigen Verhältnis zwischen Mutter und Sohn – und Spielszenen, die meist den Jungen gehören, die ihre Freiheit feiern und doch beim ersten Angstanfall in die schützenden Arme der Mutter flüchten, während diese altklug schwadronieren, wie viel selbständiger sie doch zu ihrer Zeit gewesen seien.

Und die nicht geizen mit guten Ratschlägen. In einer Schlüsselszene versammeln sie die Jungen an einem Tisch, servieren Schokocreme-Sandwiches, während in Anekdoten erzählt wir wie jeder mit sechs, zwölf oder achtzehn war – bzw. in letzterem Fall mit zwei Ausnahmen sein wird – die Mütter geben ihre gutgemeinten Kommentare dazu. Natürlich bleibt das meist an der Oberfläche, gefällt sich der Abend durchaus im lustvollen Durchspielen einschlägiger Klischees: Die Jungen sind egoistisch, auf Coolness bedacht und betont rüpelhaft („Wasser trinken und rülpsen“ wird dann schon einmal zum Lebensentwurf), die Mütter überfürsorglich und klammernd. Und natürlich sind das nur Fassaden, wünschen sich die Söhne, dass die Mutter niemals sterben möge und würde die Mutter ihrem Jungen immer zur Seite stehen. Selbstverständlich ist das streckenweise banal und soll es auch sein, ist der Abend doch vor allem eine spielerische Selbstvergewisserung, in der sich bald herausstellt, dass beide einander nicht nur brauchen, sondern auch wollen, dass sich das Band, so peinlich es auch erscheinen mag, nicht trennen lässt. Die unterschiedlichen Phasen des Erwachsenwerdens, für die die Spieler stehen, akzentuieren die Enanzipationsbewegung, die das Verhältnis von Mutter und Sohn verändert, aber eben nicht auflöst.

Hier geht es nicht um intellektuelle Tiefenschürfung, sondern darum, die Bedeutung des Anderen, des Gegenübers, des Gesprächspartners, Ratgebers, Vertrauten für die Ich-Findung – übrigens auch der eine neue Rolle für sich finden müssenden Mütter – zu beleuchten, indem ihre Geburtswehen mit viel Spiellust auf die Bühne geworfen werden, und das mit einer gehörigen Portion von (Selbst-)Ironie, einem Bewusstsein eigener Lächerlichkeit. Denn natürlich sind die Coolness-Posen albern und doch notwendig für die Selbstfindung. Ängste, Zweifel ob des Erwachsenwerdensfinden ihren Platz ebenso wie die Lust, eben noch nicht erwachsen sein zu müssen. Das Ende gerät ein wenig zu harmonieselig und klischeehaft und kann doch dem Abend wenig anhaben. Denn auch das traute Miteinander wird Momentaufnahme bleiben, die Jungen ihre Emanzipation vollführen und allein ihr Glück suchen. Und eben doch nie ganz einsam.

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