In nächster Nähe so fern

Theatertreffen der Jugend 2015 – Rainer Werner Fassbinder: Katzelmacher, Die Bürgerbühne im Staatsschauspiel Dresden (Regie: Robert Lehniger)

Von Sascha Krieger

„Eine Liebe und so, das hat immer mit Geld was zu tun.“ Irgendwann im Laufe des Abends fällt der Satz und beschreibt seine Prämisse – wie die des Films, auf dem er basiert. Für Rainer Werner Fassbinder war Katzelmacher der Durchbruch, eine Geschichte um junge Menschen in einer Münchner Vorstadt, für die Geld alles ist: Aufstiegskapital, soziale Währung, Liebesobjekt. Regisseur Robert Lehniger hat mit zehn jungen Dresdner*innen Fassbinders bittere Bestandsaufnahme in die Gegenwart geholt – und in ihre Stadt. Hier wie im Film wird jede Beziehung vom Geld bestimmt, ist alles  käuflich. Da bezahlt man die Angebetete für intime Stunden, verkauft sich, um etwas Geld in die Kasse zu spülen oder die Karriere anzukurbeln, wirft die Beziehung mal schnell über Bord, um Profit zu machen. „Eine Liebe braucht jeder im Leben“, heißt es an einer Stelle, dazu sieht man auf der Videowand eine junge Frau in Großaufnahme, die Geld spuckt, gefühlte Minuten lang. Lustvoll wirkt das nicht, eher resigniert, mechanisch. Selbst die Liebe zum Geld ist längst in Routine erstarrt.

Foto: Matthias Horn

Foto: Matthias Horn

Überhaupt ist Erstarrung das theatrale Kapital des Abends. Zentraler Ort ist ein Geländer im Zentrum der Bühne. Hier steht, sitzt, kauert man in sich immer wieder neu ordnenden Gruppierungen, redet und blickt meist ins Nichts, kaum auf einander. Gibt es Blicke, sind sie einseitig und werden nicht erwidert. Kalt spricht man über einander, über Geld, verurteilt jene, die konsequenter bei der Geldbeschaffung vorgehen als man selbst, doch selbst der Klatsch wirkt kalt und tot. Ein statischer Aufbau, der die Bewegungslosigkeit des Geschehens und seiner Protagonisten verkörpert. Große Pläne werden geschmiedet, von der Schauspielkarriere, dem großen Bruch, der wahren Liebe, doch die Körper, die Gesichter, die Blicke sprechen eine andere Sprache. Zu den Worten „A young man ain’t nothing in the world these days“, gesungen zu einem kargen Blues, erstarren die Spieler*innen immer wieder in Posen, die dem Film entlehnt sind. Vierzig Jahre später, kein Weiterkommen in Sicht.

Die Sprache ist Fassbinders, ein gekünsteltes bayerisches Idiom, das hier noch mehr Distanz schafft, das Setting gegenwärtig. Hier kommt die zweite Erzählebene ins Spiel: Fast die gesamte Spieldauer über sind Videos zu sehen, Innenräume, Häuserfronten, eine Kneipe, ein Parkplatz. Diese sind dezidiert heutig und klar als ein Dresden erkennbar, das weit jenseits der Barockherrlichkeit der Touristenenklave seiner Altstadt liegt. Eine Neubaufassade, grau, verlebt, das Licht aus dem Fenster kalt, oder ein Wirtshaustisch, an ihm ein paar, stumm, ins Nichts starrend – hier pulst kein Leben, hier vegetiert man und wartet auf den endgültigen Stillstand. Bühnengeschehen und Video werden parallel geschaltet, kommentieren ein andere, treten in den Dialog. Mal verschränken sich beide, dann wieder zeigt eine Ebene die Folge dessen, was zeitgleich auf der anderen zu sehen ist, andere Male werden Schauplatz und Figuren getrennt, sitzen etwa die Figuren, die sich auf der Parkbank unterhalten, auf der Bühne, während im Hintergrund die einsame Bank zu versehen ist. Das Verhältnis von Realgeschehen und Videokonserve fluktuiert und löst bald jegliche Restlinearität der Zeit auf. Video und Bühne verstärken einander und heben sich zugleich gegenseitig auf. Was nah ist (Bühne), erscheint weit weg, was gar nicht anwesend ist (Video), täuscht mit Großaufnahmen der traurig leeren Gesichter eine Nähe vor, die Illusion bleiben muss. Hier passiert das Nacheinander gleichzeitig und zerfällt das Gleichzeitige, wird diese Welt des Stillstands, des Nirgendwohin spürbar. mitunter tritt eine dritte ebene hinzu, kurze Zweiergespräche, eingefangen per Live-Cam zu einer immer gleichen Klavierweise.

Irgendwann tritt ein außenstehender hinzu, ein Grieche, „Arbeitsmigrant“, ein Fremdkörper. Und doch passiert nicht viel, ändern sich Tonfall und Dynamik kaum, bildet der neue, Fremde nur eine Gelegenheit, die Aus- und Abgrenzungsmechanismen auf ein neues Objekt zu fokussieren. Sein Gesicht ist so starr und tot wie das aller hier, der Einbruch des Fremden ist hier noch weniger Katalysator als im Film – vielmehr akzentuiert er den Zwang des Immergleichen, die Erstarrung einer Welt, in der sich Liebe ohne Geld, ohne das Primat des Letzteren, gar nicht denken lässt. Lehniger und seinem ungeheuer präzisen und Zwischentöne zelebrierenden Ensemble gelingt es, die Geschichte und mit ihr die Zeit zu rekonstruieren, narrativ wie visuell.  Die Erstarrung, die Unmöglichkeit jeglicher Bewegung wird sicht-, fühl-, greifbar, liegt klar fasslich vor dem Publikum, die Fassade niedergerissen, die blanken Streben seiner theatralen Mechanik sichtbar. Da verzahnen sie sich wieder, Film und Stück, München und Dresden, die 1970er und das Heute. so konkret die Bilder, so abstrakt ist die Bühne, so heutig die Spieler*innen, so distanziert klingt die Sprache. Gemeinsam schaffen sie einen zeitlichen Zwischenraum, einen permanenten Wartezustand, eine Überzeitlichkeit und Universalität im besten Sinne. Ein durchaus anstrengender Abend ist es geworden, aber einer, der nachwirkt.

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