Mosaiksteinsetzer

Theatertreffen der Jugend 2015 – Anne, Projekt zu Anne Frank von Martina Droste nach Tagebuchtexten von Anne Frank und Motiven aus dem Stück „Anne“ von Leon de Winter und Jessica Durlacher, Junges Schauspiel Frankfurt (Regie: Martina Droste)*

Von Sascha Krieger

Erst einmal umschauen, den Raum erkunden, ausprobieren, wo man sich befindet, was sich damit anfangen lässt. Zaghaft, neugierig, skeptisch betreten neun junge Spieler*innen die Bühne, beäugen die mehrstöckigen Regale, die dort aufgebaut sind, die Alltagsgegenstände, die diese beherbergen. Eine Melodica wird entdeckt, die Enge der Regalinnenräume getestet. Was ist das? Ein Lebensraum? Ein Wartesaal und wenn ja, worauf? Ein Spiel wird gespielt, in dem es darum geht, sich totzustellen. Textfetzen erscheinen, wie im Raum verteilte Scherben werden sie aufgehoben, kritisch betrachtet, ausprobiert. Ergeben sie Sinn, so zusammenhanglos, wie sie hier im Raum stehen? Was ist ihre Geschichte, woher kommen sie, wollen sie mit uns sprechen? Die Melodica klagt, brüchig, vorsichtig, eine Gitarre kommt hinzu, die Spieler*innen verteilen sich im Raum, kommen zusammen, gehen auseinander, strecken und kauern sich in den Regalen, bilden Gruppen, isolieren sich. Und langsam, stück für Stück, beginnen sie, die Textfragmente zusammenzusetzen, erscheint, schemenhaft zunächst, dann immer klarer, eine Geschichte, voller Brüche, Zweifel, Ansätze und Abbrüche, ohne Anfang und ohne Ende. Es ist die Geschichte Anne Franks, die drei Jahre in einem Amsterdamer Hinterhaus lebte, in ständiger Todesangst und aus deren Tagebuch soviel Leben spricht. Doch was sagt es? Können wir es noch hören?

Foto: Birgit Hupfeld

Foto: Birgit Hupfeld

Sie sind in Anne Franks alter oder leicht darüber, Altersgenossen 70 Jahre später, sie kommen aus Anne Franks Geburtsstadt Frankfurt und hier, am städtischen Schauspiel, versuchen sie sich ihr zu nähern, dieser Ikone der Selbstbehauptung, dem Symbol der Shoah, die doch nur ein Mädchen war, umgetrieben, von dem, was junge Mädchen (und Jungen) so umtreibt an der Grenze zwischen Kindheit und Jugend, am Beginn des Weges zum Erwachsensein: Viel Raum nehmen die Streitereien mit den Eltern, die Liebe zum Vater und die abschätzige Haltung der Mutter gegenüber ein, die zaghafte Annäherung an Peter, den mit ihr untergetauchten Jungen, der die Shoah auch nicht überleben wird, die Auseinandersetzung mit dem seltsam fremden Wesen, in das sich der eigene Körper zu entwickeln beginnt, die Träume vom zukünftigen Leben, die Sehnsucht, etwas zu hinterlassen, eine sinnvolle Existenz zu führen. Der Drang nach Freiheit ist da, symbolisiert durch das Wegrücken der Regale etwa in der Mitte des Abends, wenn man sich eingerichtet zu haben scheint in der dauerhaften Extremsituation und miteinander.

Die neun Jugendlichen teilen sich die Texte auf, mal spricht einer, während die anderen zuhören oder mit anderem beschäftigt sind, ihren eigenen Zugang suchen, etwa über die Musik, die gespielt oder auch nur probiert, auf Trompete, Gitarre, Geige, Blockflöte oder eben Melodica, eine zentrale Rolle spielt, mal nähern sie sich dem Text gemeinsam. Man schlüpft mal kurz in Annes Rolle und bleibt doch meist außen vor, wie in einem Museum oder einem gerade entdeckten Lagerraum entnimmt man die Texte wie verstaubte Gegenstände den Regalen und fragt sich, was sie denn bedeuten. Man ist gemeinsam auf der Suche und dann doch wieder allein mit sich und der Frage, was denn Freiheit sei, Leben, Glück. So vertraut erscheinen Annes banal-alltägliche Probleme und doch so fremd, begegnet sie ihnen doch in einer Situation, die sich keiner der neun wirklich vorzustellen vermag. Also tritt man noch einen Schritt zurück, stülpt sich Papiertüten über, welche die Bewohner des Hinterhauses darstellen, beschriftet sie mit Namen und Kurzbeschreibungen. Oder man nutzt die Instrumente, um den nicht zu verstehenden dauerhaften Schrecken, das Primat der Angst, unter dem diese Menschen zu leben gezwungen waren, in schriller Kakophonie, in schmerzhaften Dissonanzen wie von fern aufscheinen zu lassen.Spielerisch nähern sich die Spieler*innen dem Entsetzlichen, das umso weniger fassbar scheint, je konkreter der Mensch, der all das durchlebte, wird, und je ähnlicher ihnen selbst.

Anne macht nicht den Fehler, dem Zuschauer das Schicksal, das Erleben seiner Titelfigur nahebringen zu wollen. Der Abend ist vielmehr eine kollektive und persönliche Annäherung an eine Suche, die auch die ihre ist, das Zusammensetzen eines Mosaiks, das ihnen am Ende sie selbst zeigen wird. Wie, so fragt uns Annes Tagebuch, lässt sich die Grenze zwischen Innen und Außen, dem eigenen Wesen, dem Ich, und der Erwartung wie Wahrnehmung der Anderen durchbrechen? Die Anderen, das sind die, die Annes Vernichtung wollen, aber eben auch die, die sie lieben, die Eltern, Familie, Freunde. Der Schmerz, jemand anderes spielen zu müssen, durchzieht Annes Text und hier ist der Anknüpfungspunkt für die neun Spieler*innen. denn letztlich erzählt Anne eine alltägliche Geschichte, jene einer versuchten Emanzipation, einer Ich-Werdung trotz aller Hindernisse. Die in ihrem Fall turmhoch sind und doch ist es diese Ähnlichkeit, welche die Tür öffnet zu ihr, die für die jugendlichen Akteure auch eine zu sich selbst ist. Am Ende sind sie wieder da, die Regale, leer nun, aufgereiht wie Lagerbetten. Der Tod hat das Leben verdrängt. Und triumphiert doch nicht. Denn der Schluss gehört Annes stimme, ihrem Traum vom Glück, ihrem Wunsch, sie selbst sein zu dürfen. Was Generationen von Lesern erfahren haben, manifestiert sich auch hier: Wie das große Auge auf der Bühne, das sich nicht schließen will, ist das Leben, so zerbrechlich es scheint, ist der menschliche Wille stärker, als ihre Gegner es annehmen. Seltsam, wie wenig banal dieser Gedanke am Ende der 80 Minuten erscheint.

*Rezension auf Basis einer Videoaufzeichnung

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