Im grellen Licht der Dunkelheit

Theatertreffen der Jugend 2015 – Natalia Maas: Die Unberührbaren, Theatergruppe „Wo ist Zukunft“ der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte, Königs Wusterhausen (Regie: Natalia Maas)

Von Sascha Krieger

Das indische Kastensystem ist eine streng hierarchische und geschlossene Gesellschaftsform, in der jede Gruppe unter sich bleibt und jeder von ihnen ein klar definierter Status zuerkannt wird. Am unteren Ende stehen die „Pariah“, die Unberührbaren, die Ausgesonderten, abstoßend und eklig. Das deutsche Schulsystem ist eine streng hierarchische und geschlossene Gesellschaftsform, in der jede Gruppe unter sich bleibt und jeder von ihnen ein klar definierter Status zuerkannt wird. Am unteren Ende stehen die so genannten Förder- oder Sonderschüler, die Unberührbaren, die Ausgesonderten, abstoßend und eklig. Diese Parallelsetzung steht am Anfang des Abends, den die Theatermacherin Natalia Maas mit Schülern der so genannten „Blindenschule“ in Königs Wusterhausen, erarbeitet hat. Es ist eine These, die im Publikum unweigerlich zu Abwehrreaktionen führen wird, die sich am Ende der 50 Minuten kaum noch aufrecht erhalten lassen. Denn was die vier Spieler*innen hier vorführen, ist ein groteskes Horrorkabinett einer Gesellschaft, in der Inklusion zu einem ideologischen Kampfbegriff geworden ist, der für die zu Inkludierenden nicht anderes bedeutet als Bevormundung, eine Unterdrückung, die um so schwerer zu bekämpfen ist, als sie als ihr Gegenteil auftritt.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

Spielort ist eine Toilette mit vier Becken, die Klassenzimmer, Gerichtssaal, Fernsehstudio ist. Da sind die Lehrerin, für welche die bloße Anwesenheit einer behinderten Schülerin eine Störung der Ordnung ist, der Direktor, für den Inklusion ein Schutzschild ist, das ihn davor bewahrt, sich wirklich mit der Schaffung von Chancengleichheit befassen zu müssen, die Eltern, die ein „normales“ Kind herbeisehnen, die TV-Casting-Jury, die Höchstleistungsfähigkeit zur Religion erhebt. Und dann ist da die, die in keines dieser Erwartung- und Anforderungsraster passt, die Sehbehinderte, die nur dann gehört wird, wenn sie dem Rollendenken der Anderen entspricht. Versucht sie, sachlich ihre Position zu vertreten, brüllt man sie nieder, erst wenn sie der Erwartungshaltung entspricht und kläffend wie ein Hund auf allen Vieren kriecht, wirft man ihr das Mitleid wie ein abfällig gespendetes Almosen entgegen. Von der Sonderschule zum Sondermüll ist es nur ein kleiner Schritt, am liebsten würde man sie verschwinden lassen, die nicht Hineinpassende, Abzusondernde, Nichtnormale, die Ordnung Störende.

Eine Stimme erlangt sie nur, wenn es dunkel wird, wenn sie ruhig und sachlich von ihrer Einsamkeit erzählt, ihrer Unfähigkeit und dem Unwillen zu fühlen, dem Panzer, in den sie sich zurückgezogen hat, dem „geistigen McDonald’s“, in dem sie gezwungen ist sich zu ernähren, während andere, die „Normalen“, Akzeptierten, in die Ordnung Passenden, an der Festtafel speisen dürfen. Wie von fern, seltsam steif, körperlos nähert sich die Stimme, begleitet vom Rauschen des weiteren, leeren Meeres, in dem sie zu Hause ist. Die Unberührbaren ist ein bitterböser Theaterabend, der sich so weit von jedem Sozial- und Betroffenheitskitsch entfernt hält, wie es nur möglich ist. Stattdessen dreht er die sich gern als mitfühlend bemäntelnde Gleichgültigkeit, die schnell in Intoleranz umschlägt, ins Groteske, voll greller Überzeichnung und einem peitschenschwingenden Zucht-und-Ordnungsfanatiker im SM-Outfit und mit Hitler-Akzent. Natürlich ist gerade letzteres ein bisschen viel und doch besticht der Abend durch seine Kompromisslosigkeit, die keine Ausflüchte anerkennt, die bewusst mit sehr grobem Pinsel malt, damit das Bild auch dem Unaufmerksamsten ins Auge sticht. Ein Zerrbild zweifellos und doch eines, das sich nicht auf Null reduzieren lässt, bei dem am Ende ein Rest bleibt, in dem sich unsere Gesellschaft, also wir alle, wiedererkennen. Die Unberührbaren rückt das Dunkle, das, was wir nicht sehen wollen, ins grellste Licht , er zwingt uns hinzusehen auf das, dem wir den Blick sonst entziehen, und in allererster Line auch auf und selbst. Es ist ein wütender Abend, einer, der uns anspringt, brutal, komisch, verstörend, irritierend, der uns am Kragen packt und durchschüttelt und – ja, auch das – zutiefst berührt.

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