Das Kaninchen in der Waschmaschine

Theatertreffen der Jugend 2015 – Late in the night …, EMAtheater, Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium, Remscheid

Von Sascha Krieger

Die Nacht: Sie stellt für die meisten von uns das erste Erlebnis von Bedrohung, Angst, Unsicherheit dar, an das wir uns erinnern. Wenn es dunkel wird, der Blick kein Ziel mehr findet, das Bewusstsein seine Kontrolle verliert, spüren wir zum ersten Mal, dass unsere Existenz nicht so klar und unantastbar ist, wie sie uns erscheint. Schlaf und Tod gehören denn auch nicht erst seit Hamlet zum grundlegenden Metaphernrepertoire des westlichen Denkens, die Nacht ist seit jeher Ort des Abseitigen, Irrationell, dessen, was uns Angst macht, aber auch jenen, was uns Hoffnung bringt. Traum und Albtraum sind seit jeher zwei Seiten der gleichen Medaille. So bedienen sich denn auch die Darsteller*innen der Theatergruppe eines Remscheider Gymnasiums ausgiebig in der Funduskiste jener literarischen Gattung, in der beide zusammenfinden: dem Märchen. Da wird E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann eindrucksvoll als „Gothic Story“ ins Szene gesetzt, mit Dämonenchor und weißem Vorhang, werden Die zertanzten Schuhe zur Choreografie mit bunten Tüchern und Dornröschen zur durchaus komischen Parodie unseres Wunsches nach individueller Erlösung, der eskapistischen Sehnsucht nach den Träumen, die wahr werden sollen.

Foto: Martin Lanius

Foto: Martin Lanius

Tatsächlich ist die theatrale Eroberung des Nachtraums eher eine Reise ins Dunkle: Albträume werden ebenso ausgiebig zelebriert wie die Schwierigkeit einzuschlafen und deren Gründe – von Hausaufgaben über streitende Eltern bis zum Freund, der sich nicht meldet. Das ist meistens ganz hübsch anzuschauen, auch wenn die schwarz-Weiß-Dramaturgie und die Lichtregie, in der die Nacht blau, das Irrationale rot, die angst ein fahles Weiß ist, doch ein wenig aufdringlich und überdeutlich sind. Choreografien bebildern die angesprochenen Themen und fügen doch wenig zum gesprochenen Wort hinzu. Am besten funktioniert der Abend am Anfang: Da versammeln sich die Spielerinnen zu einer Art Pyjama-Party, erzählen von Einschlaftechniken, fabulieren von Vorschlafen und Powernapping und reden schön durcheinander. Doch dieser spielerische, leicht anarchisch angehauchte Gestus weicht bald einer säuberlich durchkomponierten Klarheit, die Intimität durch Distanz, persönliches Erleben durch das Verstecken hinter Fremdtext (auch Romeo und Julia darf vorkommen) ersetzt. Da werden routinemäßig Klischees durchgepeitscht – der Albtraum als Ort, an dem die verdrängten Ängste zu Tage treten, die Nacht als Raum, Möglichkeiten neu zu denken, der Schlaf als Bruder des Todes – ohne dass auch nur der Versuch unternommen wird, in die Tiefe zu gehen.

Natürlich ist eine Schultheaterarbeit größeren Kompromissnotwendigkeiten ausgesetzt als beispielsweise solche an Theater-Jugendclubs. Die Eltern müssen sich wohlfühlen, die Schule ebenso und den jüngeren Jahrgängen darf auch nicht zu viel zugemutet werden. Und doch stellt sich an diesem Abend, der zunehmend zu einer hastigen Nummernrevue mit Eisengitterbett wird, schnell Enttäuschung ein. So wenig wird an der Oberfläche gekratzt, zu sehr gefällt sich der Abend in seinen Klassischer- und Märcheninszenierungen, dass er zu einer Abfolge eher trivialer Beobachtungen, die zuweilen sehr willkürlich aneinander geklatscht erscheinen, zerfällt. Zumal sich die Spieler*innen mit einigem Ernst an die Sache machen, den der Abend inhaltlich jedoch nie einlöst. Vielleicht ist es auch besser, der Nacht ihr Rätsel, ihren Zauber zu lassen. Dass dieser sich in den 60 Minuten wiederfände, ist vielleicht doch ein bisschen viel verlangt. Was bleibt ist bestenfalls die Geschichte vom Kaninchen, das der Vater für schmutzig hält, weshalb er es wöchentlich in die Waschmaschine steckt, worauf sich das tier irgendwann das Leben nimmt. Zusammenhanglos wird sie erzählt und steht allein – und hätte doch in ihrer Abtrünnigkeit, ihrer düsteren Absurdität, der Nähe zwischen Lächerlichkeit und Tod eine Keimzelle bilden können für einen Abend, der weniger auf Nummer sicher ginge und gerade dadurch seinem Thema besser entspräche.

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