…und alle Fragen offen

Bernard Haitink dirigiert Werke von Schubert und Schostakowitsch bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Anfang und Ende, jugendliche Lebensfülle und reifer Rückblick: So ließe sich der Konzertabend beschreiben, den Bernard Haiti für sein zweites Dirigent bei den Berliner Philharmonikern in dieser Spielzeit zusammengestellt hat.  Den Anfang macht Franz Schuberts fünfte Symphonie, das Werk eines 19-Jährigen, hörbar inspiriert von seinem großen Idol Mozart. Leichtigkeit und Schwung bestimmen denn auch den Anfang. Luftig der Orchesterklang, klar und weich das Spiel der ersten Geigen. Doch bald ziehen Wolken auf, immer wieder und sich von Satz zu Satz steigernd bricht Moll ein in das unbeschwerte Dur. Haitink legt seinen Fokus auf diese Eintrübungen, stellt sie deutlich heraus anstatt sie zum Teil eines musikalischen Flusses werden zu lassen, der eben auch Schatten kennt und diesen das Licht nur noch um so heller erstrahlen lässt. Bei Haitink übernimmt der schatten schnell die Kontrolle. Dem leichtfüßig tänzelnden Gestus des Beginns, dem ins Weite strebenden Gesang der Holzbläser stellt er strenge, massige Streicherblöcke entgegen, hart und abweisend. Dominieren im Kopfsatz noch die Mozartschen Töne, gerät das Andante con moto deutlich ambivalenter: Die dynamischen Kontraste akzentuieren die Hell-Dunkel-Wechsel, die Streicher wechseln von samtiger Gesanglichkeit in einen festen und sachlichen Ton. Beethoven tritt hörbar zu Mozart. Extrem und mitunter zu stark ist der Kontrast im Menuetto, das eher streng und seltsam gebremst daherkommt. Das Finale lässt Haitink sehr zügig, beinahe hastig spielen, gegen Ende wird es gar richtig dramatisch. Das ist keine unspannende Sichtweise und doch geht die jugendliche Frische des Werks, der gewollte Mozart-Bezug zunehmend unter, läuft die Intention, in der Fünften mehr zu finden als ein leichtgewichtiges Frühwerk Gefahr, ihren Charakter, ihren Charme zu negieren. Je mehr das Licht-Schatten-Spiel seine Balance verliert, desto weniger deutlich, desto distanzierter gerät der Blick auf Schubert. Gerade der Fünften tut das nicht nur gut.

Bernard Haitink (Foto: Todd Rosenberg)

Bernard Haitink (Foto: Todd Rosenberg)

Eine letzte Symphonie folgt dann nach der Pause: Dmitri Schostakowitschs rätselhafte Fünfzehnte. Dem Werk des 65-jährigen Schostakowitsch fühlt sich der 86-jährige Haitink hörbar näher. Dabei ist gerade die fünfzehnte alles andere als altersweise Rückschau. Sie stellt Zuhörer wie Interpreten vor Rätsel, fragt, statt antworten zu wollen. Haitink stellt diesen fragenden Gestus in den Mittelpunkt. Das musikalische Spielzeugwerk des Kopfsatzes ist hier kein Kuriositätenkabinett, sondern zunächst vereinzeltes Suchen nach dem richtigen Ton, ein Suchen, das Haitink in einer organischen Anschwellbewegung zu einer akuten Frage formt, die bedrohliche Schärfe annimmt. Das Groteske, das viele Interpreten in dem Satz finden, nimmt er zurück zugunsten einer Unentschiedenheit, die er in der Folge auch in den weiteren drei Sätzen entdeckt. Im Adagio akzentuiert er das zunehmend klagende und verzweifelte Suchen nach Halt der Soloinstrumente, insbesondere der Gesang von Ludwig Quandts Cello und die schneidend tastende Geige von Konzertmeister Noah-Bendix-Balgley bestimmen den Ton des Satzes, der zunehmend zerfällt in seine Einzelteile. Der sich schnell verhärtende Bläserchoral des Anfangs, die herumirrenden Soli, das vorsichtige, sich stets ausbremsende Orchesterspiel, sie alle betonen das Auseinanderdriften einer Musik, die ihre Mitte sucht, die, nachdem sie sich im ersten Satz noch gemeinsam auf die Suche begeben hat, sich nun in unterschiedlichste Richtungen zerschlägt. Der Largo-Trauermarsch bricht hart, schwer, unvermittelt herein und betont doch nur die Verlorenheit, die Schostakowitsch in Noten gefasst hat.

Das kurze Scherzo wirkt bei Haitink noch kürzer, wie ein unfertiges Fragment, ein abgebrochener Versuch, der Orientierungslosigkeit tänzerischen Optimismus entgegenzusetzen. Haitink dreht den Tanzrhythmus ein wenig zu weit, überscharf führt er sich selbst ad absurdum, Bendig-Balgleys Violine meckert dazu. Im Finale dann wieder das gewohnte Bild: Bruchstückhaft präsentiert sich uns diese Musik, schwebend die Streicherflächen und Holzbläsersoli (vor allem Andreas Ottensamers Zwielicht verbreitende Klarinette). Fast bedrohlich wirkt der Beginn, er bietet keinen Halt, er bleibt im Ungefähren, Unbestimmten. Wie schon im Kopfsatz verdichten sich die Fragmente, ballen sie sich zunehmend zusammen, konzertieren sie sich im Forte und Fortissimo zu schneidender Schärfe, nur um wieder auseinander zu driften, in sich verlierendem Pianissimo, in den suchenden Ausdrucksversuchen des Symphoniebeginns. Der Klangraum öffnet sich nach der zwischenzeitlichen Verdichtung wieder, in höchster Transparenz lässt uns Haitink die Stille entgegenschlagen, aus der diese Musik kam und in die sie  sich im sich auflösenden Pochen der Schlaginstrumente verliert. Schostakowitschs Fünfzehnte ist den kein Lebensfazit, kein altersweiser Abschluss: Sie ist Ausdruck der lebenslangen Suche, eines der sich immer zwischen den Stühlen wiederfand und der mit zunehmender Lebensdauer immer weniger antworten hatten, sich immer weniger Selbstgewissheit zugestand. In der Symphonie Nr. 15 ist nur eines sicher: Dass die Suche nicht zu einem Ziel führen wird. Ein Ausdruck des Scheiterns ist sie deshalb aber nicht. Vielmehr manifestiert sich in ihr die Erkenntnis, dass sich erschöpfende Antworten nicht finden lassen werden, dies aber nicht bedeutet, keine Fragen mehr zu stellen. Es ist eine Sicht, die der Dirigent hörbar teilt.

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