„Ich hab’s mir schlimmer vorgestellt“

Theatertreffen der Jugend 2015 – Kritische Masse, Jugendclub von GORKI X „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater, Berlin (Spielleitung: Sina Gürler)*

Von Sascha Krieger

Bässe wummern, der Scheinwerfer richtet sich mal auf die eine, mal die andere der 13 jungen Darstellerinnen, die sich, sobald sie das Licht erreicht,  in Pose werfen. Dann verstummt der Rhythmus, das Licht geht an, stumm starren sie ins Publikum. Plötzlich rennen sie an den Bühnenrand und brüllen aus voller Kehle in die bewegungslose Zuschauermenge hinein. Es ist ein Aufbegehren, gegen die Pflicht, schön zu sein, den Erwartungen, welche die Gesellschaft an Mädchen und junge Frauen richtet, zu entsprechen, ihre vorgegebene Rolle zu spielen. Der Körper als fremdes Wesen, als Hindernis, als Feind: Die Auseinandersetzung mit der eigenen physischen Präsenz und den Anforderungen, welche die Außenwelt an sie stellt, steht im Mittelpunkt der Stückentwicklung des Jugendclubs im Maxim Gorki Theater. Da wogt die kollektive Körpermasse über die Bühne, übt sich im Einstudieren zu erlernender Posen und löst sich zunehmend auf. Individuen erscheinen, wo gerade noch dreizehnmal das attraktive Sitzen vorgeführt wurde, präsentiert nun eine den Unterschied zwischen schön (übergeschlagene Beine, gerader Rücken, erhobener Kopf) und hässlich (breitbeiniges zusammengekauerten Herumhängen im Stuhl). Geschichten werden erzählt und choreografisch bebildert: Das Mädchen, das seinem Freund nicht verständlich machen kann, dass das Pochen auf selbstbestimmte Entscheidungen, nicht heißt, dass sie nicht mit ihm schlafen will; die große Blonde, die mit ihrer Erzählung vom Fluch und Segen der Körpergröße, die kleine Unscheinbare von der Bühne verträgt; die multiplizierte junge Frau, die den Bschützerversuch des Freundes als übergriffig entlarvt.

Foto: Suna Gürler

Foto: Suna Gürler

Es geht um Selbständigkeit und Fremdbestimmung, Rollenvorgaben und unvereinbare Erwartungen, den Spagat zwischen Stärke und Schwäche, der schnell zum Teufelskreis wird. Mit viel Enthusiasmus und reichlich Wut im Bauch spielen sich die dreizehn Darstellerinnen durch Körper- und Selbsterfahrungen, jagen sie durch Themen wie Sex, Anorexie, Selbstverletzung, die Erfahrung des eigenen Körpers als Ballast. Je mehr ihnen erzählt wird, wie sie zu sein haben, desto weniger fühlenden sie sich adäquat. Gruppenchoreografien zeigen den Körper als schwer zu bändigendes Objekt, das dem Subjekt nur schwer gehorcht, weil es ihm allen nicht gehören soll. Immer wieder schlagen Situationen um, wird Nähe zur Bevormundung, Intimität zur Bedrängung, Gemeinschaft zur Enge. Das Außen gibt vor und engt ein – doch der innere Kontrollmechanismus ist kaum schwächer. So sehr sind die Rollen verinnerlicht, dass die Frage, ob man Feministin sei, zur reflexhaften Ablehnung führt, dass man gleichzeitig ausbrechen wie hineinpassen will. Der Zwiespalt entlädt sich irgendwann in einem Wutgewitter, dass zwar kurzzeitig reinigend wirkt, aber nichts wirklich löst. Ob man gesehen oder nicht gesehen, berührt oder nicht berührt werden will, lässt sich kaum entscheiden, solange der eigene Körper als unzuverlässig empfunden wird.

Kritische Masse ist eine Auseinandersetzung mit Individualität, Geschlechteridentität, Rollenerwartungen und Körperlichkeit, die Text und Choreografie, also Kopf- und Körpersprache verzahnt, sie in einen Dialog treten sich, sich aneinander reiben, einander verstärken oder widersprechen lässt, eine Annäherung des bewussten, auch selbstbewussten Menschen weiblicher Geschlechtszuschreibung an den Körper, das fremde Wesen. Der Abend hangelt sich in einer Abfolge von gruppendynamischen Steigerungsbewegungen und wiederholter Gegenwehr des Individuums an der Identitätssuche junger Frauen entlang, persönliche wie kollektive Krisenmomente werden durchlebt und durchlitten, Zweifel ausgesprochen und reflektiert, die Bewusstwerdung der Zwischen-allen-Stühlen-Sitzens als Emanzipationsmoment zelebriert. Viel Witz und viel Wut, ehrliche, höchst persönliche, auch schmerzhafte Worte und die argumentative Kraft der Körper, die ihren Platz beanspruchen und sich nicht zu Projektionsflächen reduzieren lassen, erzeugen eine intellektuelle wie emotionale Kraft, die dramaturgische Schwächen – man sieht der episodenhaften Aneinanderreihung von Szenenfragmenten zuweilen an, dass erst in der Schlussphase des Projekts ein Theaterabend daraus geworden ist – als banal erscheinen lässt. Kritische Masse ist ein Aufschrei, der sich in der bloßen Erregung nicht erschöpft, sondern Stimmen in den Saal schleudert – verbale wie physische – die nicht zulassen, nicht gehört zu werden. „Ich hab’s mir schlimmer vorgestellt“, sagt eine Spielerin, nachdem sie begriffen hat, was Feminismus wirklich bedeutet. Und dass man auch Feministin sein kann, wenn man von dem Begriff selbst nicht viel hält. Schließlich ist auch er nur ein Etikett,

*Rezension auf Basis einer Videoaufzeichnung

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