Zu träumen wagen

Theatertreffen der Jugend 2015 – das gender_ding, NEUE STERNE / Hajusom, Hamburg, in Kooperation mit: Kampnagel, Hamburg / FFT Düsseldorf / Pumpenhaus, Münster

Von Sascha Krieger

Nein, was da Wort „Gender“ bedeutet, muss man uns gebildeten aufgeklärten Westeuropäern wirklich nicht erklären. Die Hinterfragung von Geschlechteridentitäten, der Diskurs über Rollenverhalten und die Öffnung der Wahrnehmung jenseits der künstlichen Polarität „männlich“ – „weiblich“ sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und nähern sich ihren Rändern, nicht ohne zu ideologischen Stellungskriegen der Diskursverweigerer zu führen. Dass das in anderen Teilen der Welt – und auch mitten in diesem Land – noch vollkommen anders ist, dass dort alte Rollenmuster einbetoniert, geschlechtsspezifische Machtstrukturen zementiert und alles, was nicht ins Schwarz-Weiß-Schema passt, ausgeschlossen wird, ja, dass die Möglichkeit eines Diskurses, wie wir, die wohl fälschlich so genannte „Mehrheitsgesellschaft“, ihn führt, als vollkommen absurd, ja, unvorstellbar angesehen wird, vergessen wir gern. Wenn sich nun junge Darsteller*innen, allesamt mit Fluchthintergrund, aus dem Iran, Afghanistan und Westafrika stammend, auf der Bühne mit diesem Thema befassen, ist es wichtig, sich diese Tatsache vor Augen zu führen, denn wer die fundamentalen Unterschiede des gesellschaftlichen Gender-Diskurses in westlichen und vor allem muslimisch geprägten Gesellschaften nicht im Kopf behält, wird den Abend schnell als banal und oberflächlich abtun – auch dem Rezensenten ist diese Reaktion nicht fremd. Dass hier zunächst klar gestellt wird, es gehe um „Gender“ und nicht das Farsi-Wort „jende“, das Prostituierte bedeutet, passt ins Bild.

Foto: Arne Thaysen

Foto: Arne Thaysen

Didaktisch hebt er an: Auf einem Video spricht eine junge Frau, verkleidet als alter Mann, in Farsi von der Gleichheit der Geschlechter und ermahnt einen unsichtbaren Adressaten, seine Schwester nicht zu unterdrücken. Übersetzt wird die Ansprache von einem Darsteller auf der Bühne. Der spielerische Umgang mit Geschlechteridentitäten ist das Kernthema des Abends: In Hemd, Krawatte und Strumpfhose treten die männlichen wie weiblichen Spieler zunächst auf, machen Ballettbewegungen, nur um bald wieder in ihre Gender-Gruppen zurückzufallen. Das reicht einer, der sich weigert, die Strumpfhose anzuziehen, schon aus. Dass das einen durchaus ernsten Hintergrund hat, erfahren wir schnell: Die junge Frau aus dem Anfangsvideo steht nicht auf der Bühne – ihre Brüder haben es ihr verboten. Und plötzlich gewinnen die lustigen Cross-Dressing-Spiele an Brisanz, wird das harmlose Ausprobieren zur existenziellen Gefahr. Geschichten werden erzählt – aus dem Iran, Afghanistan, Westafrika, Geschichten von engen Rollenkorsetts, Unterdrückung, Einschränkungen der individuellen Freiheit. Da ist die Geschichte vom vermeintlich schwulen Schulfreund, der von allen verachtet und gequält wird, da ist die Vorführung des islamischen Kleidungscodes in Theorie und Praxis, da sind Alltagsgeschichten der Unfreiheit und tödlichen Ungleichbehandlung. Vor allem aber ist da eines: der Wunsch, wie  es einmal heißt, die eigene Geschichte zu schreiben.

Und plötzlich ist all dieses Herumspielen mit Geschlechterattributen mehr als oberflächliche Rollendekonstruktion. Am meisten wohl in den Szenen, in denen die Darsteller mit sich selbst spielen: Da erscheint auf einer Wand eine Videoprojektion des Darstellers der in natura daneben steht. Auf der Bühne in der Rolle des anderen Geschlechts, auf dem Video in seiner vermeintlich eigenen Identität. Da spielen sie Alltagssituationen durch, banale Interaktionen zwischen Mann und Frau, die im Kontext unfreier und von Machthierarchien durchzogener Geschlechterbeziehungen plötzlich alles andere als einfach werden und meist in gegenseitiger Abwehr enden. Da ist das Überreichen einer Telefonnummer schon ein subversiver, ja, lebensgefährlicher Akt, das Ansprechen eines Andern in einer Bar bereits eine nicht zu bewältigende Aufgabe. Dass das alles dem mitteleuropäischen Auge zuweilen recht oberflächlich vorkommen mag, dass die Videobilder sich schminkender Männer sehr banal, das Cross-Dressing eher albern wirken könnten, ist den Darsteller*innen bewusst. Die begegnen ihm mit gutgelaunter Selbstironie. Sich selbst nehmen sie nicht allzu ernst, das, von dem sie erzählen schon.

das gender_ding ist ein didaktischer Abend: Gerade am Anfang wird viel und gern doziert, der Zeigefinger bleibt die ganzen 80 Minuten hindurch erhoben. Auch bleibt das Spiel mit den Geschlechtern, mit überkommenen Rollen an der Oberfläche, geht die Reflexion kaum tiefer als die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass ein Mann nicht gleich tot umfällt, wenn er sich ein Kopftuch überwirft. Und doch ist genau dieser Umgang Spiegelbild einer Diskussion in den Gesellschaften, die eben auch die Spieler*innen geprägt haben und prägen, in der diese art von Debatte erst einmal als überhaupt möglich gedacht werden will. Das gelingt dem Abend durch seinen spielerischen Gestus und seine Unaufgeregtheit recht gut, auch weil er eben auch einer der Hoffnung ist. In einem finalen Rap reißt ein afghanischer Jugendliche in seiner Muttersprache verbal die ihn eingängigen Grenzen ein und überhaupt ist hier die Musik die Sprache der Hoffnung. Wenn die junge türkische Musikerin Derya Yildirim ihre sehnsuchtsvoll melancholischen Klänge anstimmt – die sie mit Alphavilles Achtziger-Jahre-Aufbruchshymne „Big in Japan“ verknüpft, öffnet sie einen Möglichkeitsraum, eine Zwischen- und Traumwelt, in der Nähe, Gleichheit, das Niederreißen von Barrieren möglich scheinen und sich in innigen Umarmungen und selbstvergessenem Tanz manifestieren. Verstummt die Musik, ist der Traum vorbei. Vergessen ist er nicht.

PS: Dem aufmerksamen Leser mag aufgefallen sein, dass dies der erste zugegeben etwas halbherzig „gegenderte“ Text in diesem Blog ist. Auch Rezensenten verlassen das Theater zuweilen klüger, als sie gekommen sind.

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