Im Namen der Hoffnung

Dresdner Musikfestspiele 2015 – Das Philadelphia Orchestra unter Leitung von Yannick Nézet-Séguin gastiert mit Jan Lisiecki in Dresden

Von Sascha Krieger

Als das Philadelphia Orchestra zum letzten Mal in Dresden zu Gast war, stand der Franzose Charles Dutoit am Pult. Mit schwerem, oberflächenglattem Spiel, war im Dresdner Kulturpalast zu erleben, warum Experten dem Orchester bescheinigten, drauf und dran zu sein, im Konzert der „Big Five“, der fünf traditionell wichtigsten US-amerikanischen Orchester, abgehängt zu werden. Zu wenig neugierig, zu rückwärtsgewandt präsentierte sich der traditionsreiche Klangkörper unter Dutoits Leitung.Seit drei Jahren ist alles anders: Nun steht der Kanadier Yannick Nézet-Séguin dem Klangkörper vor und er hat einiges bewegt in der „City of Brotherly Love“. Eine neue Offenheit ist eingezogen, wenn er jetzt in der Semperoper gastiert, eine wache Neugier auf musikalische Wieder- und Neuentdeckungen. Wenn Nézet-Séguin dirigiert, wirkt er zuweilen wie ein kleiner Junge, der ein neues Spielzeug gefunden hat und nun versucht herauszufinden, was sich alles damit anfangen lässt. Dem 40-Jährigen ist seine Begeisterungsfähigkeit, seine Leidenschaft für Musik in jeder Sekunde anzumerken und dem Philadelphia Orchestra tut das äußerst gut.

Yannick Nézet-Séguin, seit 2012 Chefdirigent des Philadelphia Orchestra (Foto: Philadelphia Orchestra)

Yannick Nézet-Séguin, seit 2012 Chefdirigent des Philadelphia Orchestra (Foto: Philadelphia Orchestra)

Diesem Enthusiasmus kann auch Nico Muhlys vor wenigen Tagen uraufgeführtes Stück Mixed Messages, eine Auftragsarbeit des Orchesters, nicht entgehen. Dass der 33-Jährige sich nicht zuletzt mit Filmmusik einen Namengemacht hat, hört man dem Werk an. Nézet-Séguin stört das nicht weiter: Er kosten die breitwandigen Streicherpassagen aus, stellt den dunklen, vollen, schnörkellosen Streicherklang, für den das Orchester auch bekannt ist, aus, setzt ansonsten auf große Durchsichtigkeit und wühlt den musikalischen Grund auf, sodass man fast meinen könnte, das Orchesterschiff segelte auf einem stürmischem Ozean und nicht in einer flachen Pfütze. Der Dirigent fokussiert den dialogischen Charakter des Stücks und kann doch nichts dagegen tun, dass die musikalische Substanz eben kaum über Muhlys filmmusikalischen Arbeiten liegt. Ein netter Vorspann, wenig mehr.

Zeit für Ernsthafteres, Zeit für Jan Lisiecki. Gerade einmal 20 Jahre alt, zieht er schon seit mehr als fünf Jahren durch die großen Konzertsäle dieser Welt, hat mittlerweile auch eine eindrucksvolle Diskographie zu verzeichnen, und gilt als wohl größtes Pianistentalent seiner Generation. Dabei wirkt der Kanadier, Sohn polnischer Eltern, wie ein viel zu schnell gewachsener Junge, ein wenig linkisch, scheu, unsicher. Doch kau sitzt er an seinem Instrument, zeigt er eine musikalische Reife, wie sie vielen deutlich älteren Solisten fehlt. Äußerst energisch, mit klarem Blick auf die rhythmische Struktur nimmt er den Beginn von Edvard Griegs Klavierkonzert, nur um in wenigen Takten in einen fragil tastenden Modus zu wechseln, mit sachtem, glasklaren Anschlag und einem ungeheuren Sinn für melodische Verläufe. Innerhalb kürzester Zeit hat Lisiecki ein Ausdrucksspektrum durchmessen, aus dem er die kommenden dreißig Minuten schöpfen wird. Kräftig sein Spiel in den energischeren Passagen, exzellent sein Rhythmusgefühlt, wunderbar seine hingetupften Melodien, nachdenklich sein Spiel im Piano. Sein Grieg ist einer, der über sich selbst nachdenkt, analytisch scharf und zugleich von atemberaubender Musikalität. Unter Hochspannung die Kadenz im Kopfsatz: Nachdenklich, suchend der Beginn, dann sehr zupackend, rhythmisch pointiert, dann wieder verzögernd, sich selbst über die Schulter schauend.

Lisiecki nimmt die romanische Affirmation des Norwegers ernst und hinterfragt sie zugleich, zerlegt die Musik in ihre Einzelteile, um daraus einen eindringlichen musikalischen Fluss zu zaubern. Gerade im Adagio erzeugt er damit eine große Offenheit, lässt den Zuhörer direkt ins Herz der Musik blicken. Und auch wenn im Finale nicht jede Note perfekt sitzt, hat der Satz eine ungeheure Kraft, die sich aus der riesigen Fülle von Ausdrucksfarben ergibt, die Lisiecki anbietet. Dabei arbeitet er doppelt dialogisch: zum einen mit sich selbst – auf der einen Seite der stürmisch zupackende Rhythmiker, auf der anderen der nachdenklich sachte Melodiker. Lebensbejahung und Zweifel sind in der romantischen Musik immer Paare – doch so lebendig ringen sie selten mit einander. Der zweite Dialogpartner ist das wache Orchester, das sich in der Begleiterrolle genügt und doch mit einigem Selbstbewusstsein auftritt. Der charakteristisch Streicherklang ist stets da, muskulös ist der Zugriff und öffnet sich doch immer wieder für Brüche. Das Orchester verstärkt, begleitet, grundiert das Solospiel – und tritt ihm auf Augenhöhe gegenüber. Der filmische Gestus im Finale wirkt etwa als Bindemittel für die weiten Wanderungen Lisieckis, der subtile, dunkle und volle Klang des Adagio erdet das Suchen des Klaviers. Doch am Ende gehört die erste Hälfte Jan Lisiecki, der mit einer Chorischen Nocturne als Zugabe nochmals beweist, wie intim, wie verletzlich, wie innig diese Musik sein kann, ohne das man ihr romantisches Pathos negiert. Stattdessen lässt der junge Kanadier es schweben, überirdisch schön und doch ganz präsent im Moment seines Entstehens.

Das ist, wie der Amerikaner sagt „a tough act to follow“, zumal Peter Tschaikowskys fünfte Symphonien nicht ztu den wenig gespielten Exemplare ihrer Gattung zählt. Da ist wohl kaum einer im Saal, der nicht mindestens eine Vergleichsaufnahme im Ohr hat. Nézet-Séguin nimm den düsteren Charakter dieser „Schicksalssymphonie“ ernst. Zurückgenommen, beinahe karg führt er das berühmte Schicksalsmotiv ein, das alle Sätze des Werks durchzieht. Weite Streicherflächen kontrastiert er mit Strenge, jedem Zug ins Weite setzt er enge Grenzen. Der Klang ist farbenreich und zugleich geschliffen, Öberflächenglanz reibt sich an scharfen rhythmischen Akzenten, Kontraste erzeugen Spannung. Die Kraftentfaltung ist voller Wucht, die Entladungen sind konzentriert und streben doch nach außen. Hier ist von Beginn an ein Kampf im Gange, der sich nicht entscheiden lassen wird. Auch nicht im zweiten Satz, der sich behutsam vorantastet, immer wieder innehält, organisch anschwillt, nur um sich sogleich wieder in musikalischen Gegensätzen aufzuladen. Sachlich und feierlich verklingt das Schicksalsmotiv, nur um in der nächsten Inkarnation brutal und abrupt einzubrechen. Das Satzende ist hauchzart und höchst zerbrechlich.

Lebhaft, wie eine erfrischender luftig kommt der dritte Satz daher, episodenhaft, wie ein mehrfacher Versuch, die Düsternis zu durchbrechen, bevor er aufgegeben wird. Im Final kulminiert dann alles: Das Kernmotiv öffnet mit unzweideutiger Wucht, wird zum kurzatmigen Marsch, dem die aufgewühlten Streicher vollends in die Parade fahren. Die Blechbläser schreien schrill, die Streicher sind überaus bewegt und überlagen mit wachsender Aggressivität die letzten lyrischen Impulse derHolzbläser. Die Gegensätze sind schroff und nicht zu vereinen. doch dann ist alles wieder anders: Der Schluss ist ein Streichermarsch mit satten Klang und überraschen wenig Ambivalenz, dafür umso mehr Lebendigkeit. Am Ende dieser Fünften steht das Leben, die Neugier auf das, was da noch kommen mag. Die dunklen Schatten sind nicht vergessen, das Licht ist schwach und flackernd. Und doch bleibt Hoffnung. Es ist die Hoffnung der Musik, die Nézet-Séguin am Ende hoch hält. Er kann nicht anders.

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Ein Gedanke zu „Im Namen der Hoffnung

  1. […] Orchestra und der Leitung seines Chefdirigenten Yannick Nézet-Séguin, das gerade erst triumphal in Dresden empfangen worden war. Eröffnet wird das Programm von Nico Muhlys Auftragsarbeit Mixed Messages, die auch […]

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