Wenn Texaner träumen

Johann Wolfgang von Goethe: Faust I und II, Berliner Ensemble (Regie: Robert Wilson, Musik: Herbert Grönemeyer)

Von Sascha Krieger

Dass Amerikaner dazu tendieren, Klischees zu mögen, ist eine Binsenweisheit, die in ihrer Pauschalität natürlich ebenso unsinnig ist, wie der Versuch, den Weltkünstler Robert Wilson auf seine Herkunft zu reduzieren. Aber irgendwo muss man ja ansetzen. Also versuchen wir es bei dem texanischen Jungen, der in einem Klima von Rassismus und Kunstfeindlichkeit sich zuerst mit dem schwarzen Sohn eines Dienstmädchens anfreundete und später zu einem der bekanntesten und einflussreichsten Theatermacher überhaupt wurde. Der es sich nicht zuletzt in den Kopf setzte, auch den deutschsprachigen Kulturraum zu erobern, mit Bach, Beethoven, Wagner, Goethe und Thomas Mann noch immer Sehnsuchtsraum eurozentristischer Hochkultur. Ein weiter Weg für einen Jungen aus Waco, der nur an einer Stelle enden kann: bei dem Symbol aufgeklärt humanistischer Universalkunst schlechthin, Goethes Faust. Natürlich ist das Küchenpsychologie und doch sicher kein Zufall, dass es gerade der Faust ist, mit dem der 73-Jährige seine sechzehnjährige Zusammenarbeit mit dem Berliner Ensemble beendet, vielleicht seine letzte Arbeit in Deutschland. Irgend einen Grund muss es ja geben, dass sich der Theaterbildermaler Wilson an einem Werk versucht, dass ohnehin alle Genregrenzen sprengt. Vielleicht, wahrscheinlich sogar sieht sich der Universalkünstler Wilson auch als Verwandter des Universalkünstlers Goethe. Theater, Dichtung, Musik, Malerei: Er will keine Grenzen zulassen, für ihn sind Kunst und Schubladen unvereinbar. Da ist er tatsächlich ganz nah bei Goethe.

Foto: Lucie Jansch

Foto: Lucie Jansch

Doch wohl längst nur noch im Anspruch. Gerade in die Berliner Arbeiten Wilsons hat sich längst ein hohes Maß an Routine eingeschlichen. Sein künstlerisch ästhetisches Arsenal ist tausendfach erprobt, seine theatrale Maschinerie gut geölt, Überraschungen, das Lebenselixier großer Kunst, nicht mehr zu erwarten. er hat sich eingerichtet in seinen oft atemberaubenden Tableaux vivants, seinen Rauminstallationen aus Licht und Musik, seinem artifiziellen Schauspiel irgendwo zwischen Grand Guignol, Puppenspiel und Expressionismus, das ein Höchstmaß an Distanz aufbauen soll zu diesem schmutzigen Geschäft namens Wirklichkeit. In seinen guten Momenten entsteht daraus ein fast überzeitlicher Zauber, lässt Wilson seine bildmächtigen Konstrukte schweben, eröffnet sich ein Blick in menschliche Ab-, Unter-, Hintergründe, eine Schönheit, die aus dem Zentrum des unerforschlichen Geheimnisses, das wir so schnöde Leben nennen, zu kommen scheint. Peter Pan war so ein Abend: federleicht, fantasievoll, Gedanken- und Gefühlsräume öffnend,

Beim Faust, wo er sich natürlich nicht mit dem ersten teil begnügt, ist von Beginn an der Wunsch spürbar, das nicht zu Bändigende in eine Form zu gießen. Es ist die Wilson nicht unbekannte der Varietérevue. Herbert Grönemeyer, mit dem Wilson schon vor zehn Jahren bei Leonie und Lena zusammenarbeitete, hat die Musik geschaffen und tief in die musikalische Trickkiste gegriffen. Neben Grönemeyer-typischen und durchaus komplexen Popnummern haben wir Barroom Jazz, Ragtimes, Operette, Barock, osteuropäische Folklore und gar ein wenig Hip Hop. Der musikalische Raum ist weit und wirkt schnell ein wenig beliebig, zu sehr auf Showeffekte ausgerichtet (das achtköpfige Orchester ist im Übrigen fabelhaft). Das liegt vor allem an Wilson, der Grönemeyers Vorlage zu wenig Gegengewicht bietet. Wo sind sie hin, die ins Weite führenden Traumräume seiner Lulu, die assoziationsstarken, ins abstrakte strebenden Gemälde der Shakespeares Sonette? Die Bilderwelt in Raus ist eine zweidimensionale, die viel zu oft nicht mehr will, als Oberflächenglanz zu bieten.

Natürlich ist das Spiel aus Licht und Dunkel, eindrucksvoll, die Wilsonsche Magie erreicht es nur selten. Dabei hat sich Wilson so manchen Gedanken gemacht zum Stoff: Abgesehen von der immer präsenten Ironie, die keinen heiligen ernst aufkommen lässt und der Tragödie immer wieder ein Bein stellt, dabei auch nicht vor kindischen Albernheiten zurückschreckt, ist vor allem die Multiplizierung der Figuren zu nennen: Faust gibt es in Teil 1 vier-, zuweilen gar fünfmal, hinzu kommen drei Gretchen und ein Valentin. Einzig Mephisto dar Individuum sein, alle anderen sind aufgespalten – auch visuell, etwa bei Fausts erstem Auftritt im Studierzimmer, ein dunkle Höhle, in der der Suchscheinwerfer mal den einen, mal den anderen Faust anstrahlt, die, Inseln gleich im Raum, dem dunklen Universum verteilt, den Text voneinander übernehmen. Ein starkes Bild von der Verlorenheit des in ein unentzifferbares Dasein geworfenen Menschen. Der soll Faust wohl sein, was auch die ungewöhnlich zärtliche Beziehung zu Mephisto erklärt: Beide sind Suchende, orientierungslos durch die welt Tapsende, deren „Schaffen“ nicht mehr wert ist als die infantilen Sandkastenspiele der in grellstes Farcenlicht gerückten Kaisergesellschaft zu Beginn von Teil 2. Am Ende senkt sich der Vorhang auf ein zankendes altes Paar, das nur einander hat in diesem riesigen leeren Nichts.

Das Problem ist, dass Wilson seine eigenen Ansätze herzlich wenig zu interessieren scheinen. Viel wichtiger ist es, weiter zu kommen im Text, diesen herunterzuspulen und dabei schön ad absurdum zu führen, wofür auch die zahlreichen Textwiederholungen stehen. Überhaupt hat Goethe es schwer, werden seine Worte nicht nur zu Endlosschleifen entleert und choreografisch aufgespaltet: Sie verhallen auch echoartig im Raum, werden immer wieder von permissiven Befehlsnoten durch den Raum geprügelt oder wie das zentrale „Ist gerettet“ der Kerkerszene den Hyänen der Lächerlichkeit zum Fraß vorgeworfen. Wenn sie Glück haben, landen sie in einer schmissigen Melodie Grönemeyers, die vor allem nach der Pause die Kontrolle übernehmen. Gibt es im ersten Teil noch Reminiszenzen an das Erzählen einer Geschichte, zerfällt der zweite vollends zur Nummernrevue, zur Abfolge netter Musik und schöner Bilder. Da hat sich Wilson längst zurückgezogen aus dem Sinngeschäft, ist das alles bestenfalls bildgewaltiges Musical. Und so beginnt auch der herausragende Mephisto des Christopher Nel als dauergrinsend spöttischer Unruhestifter mit Lust an Provokation und Chaos und endet als schelmischer Conférencier, der uns sicher bis zur schönen Schlussnummer mit Ensemblechor leitet. Des Pudels Kern, er ist hier ein gehobener Musikantenstadel im Kunstgewerbemuseum.

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