Die Lust an der Musik

Yuja Wang debütiert bei den Berliner Philharmonikern unter Leitung von Paavo Järvi

Von Sascha Krieger

Ein Debüt bei den Berliner Philharmonikern ist in jeder Musiker Karriere etwas besonderes, das gilt für Dirigenten wie Solisten gleichermaßen. Wenn es sich dann noch um einen aufstrebenden Star wie die 28-jährige Pianistin Yuja Wang handelt, die gleichermaßen durch ihre Virtuosität wie ihre spektakulären Outfits auffällt, ist höchste Aufmerksamkeit gewiss. Um es kurz zu machen: Ihren ersten Auftritt mit den Berliner Philharmonikern als vollen Erfolg zu bezeichnen, ist eine Untertreibung. Yuja Wang begeistert in der Philharmonie und tut dies vollkommen zu Recht. Dabei ist schon die Wahl ihres Debütwerks ein Statement: Sergej Prokofjews zweites Klavierkonzert gilt als eines der schwersten der Konzertliteratur. Das reizt natürlich, die eigenen technischen Fertigkeiten plakativ auszustellen. Woran es der gebürtigen Chinesin, die auch bei der Kleiderwahl (eine Schulter frei, dazu ein Rückenausschnitt) alle Erwartungen erfüllt. Doch kaum spielt sie den ersten Ton, ist das alles nicht mehr wichtig. Ihr Augenmerk, ihre Leidenschaft gilt der Musik und sie hat – das zeigt die in Orchester und Publikum zu ausgiebigem Schmunzeln führende Zugabe, eine Bearbeitung von Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ – das Spielerische nicht verlernt. Die Lust am Spiel, an der Musik ist allgegenwärtig und ungemein ansteckend.

Paavo Järvi (Foto: Ixi Chen)

Paavo Järvi (Foto: Ixi Chen)

Natürlich gelingt sie eindrucksvoll, diese mörderische und unendlich lange Kadenz am Ende des Kopfsatzes, die sie mit hoher Präzision und noch größerer Energie angeht, zu einer kaum mehr erträglichen Energie steigert, ohne je den Endruck zu erwecken, es ginge nur um reine Virtuosität. Nein, ihr Spiel ist von einem ungeheuren Ausdruckswillen geprägt, mit dem sie sich durch die zerklüfteten Tongebirge kämpft, mit dieser Musik ringt und zugleich in jedem Moment Spaß daran zu haben scheint. Da wird nichts verwässert, ist jede Härte spürbar und ist doch alles durchleuchtet von dieser enormen Spiellust. Die sich beileibe nicht nur in den virtuosen Passagen zeigt: Das Eingangsmotiv etwa nimmt sie mit fragendem Gestus, lässt es im Raum schweben, federleicht und doch mit festem Zugriff. Fast mühelos und doch mit ungebändigter Kraft fliegt sie durch den zweiten Satz, im dritten betont sie mit fester Hand die zerklüftete rhythmische Struktur, bevor sie im Finale ihre ganze Variabilität zeigt: Da steht das energische Voraneilen neben dem suchenden Irrlichtern der Kadenz, fragmentiert sie den Mittelteil fast bis zum Stillstand, um sofort wieder in den Beschleunigungsmodus zu schalten. Natürlich ist es hilfreich, einen so wachen Dirigenten wie Paavo Järvi und ein so flexibles Orchester wie die Philharmoniker neben und hinter sich zu haben, welche die musikalische Vielfalt mit hoher Detailschärfe ausbreiten und ein kongenialer Dialogpartner wie Verstärker der Solistin sind. Nie drängen sie sich in den Vordergrund und sind doch stets mehr als bloße Begleiter. Die Symbiose von Solistin und Orchester ist atemberaubend. So voller Energie und zugleich sehr die Brüche dieses zerklüfteten Werks, das immer auf der Grenze zwischen Lust und Schmerz balanciert, betonend hat man das Konzert selten gehört. Ein bemerkenswertes Debüt, das, da muss man kein Prophet sein, der Anfang einer langen und fruchtbaren künstlerischen Beziehung sein sollte.

Natürlich läuft ein solches Debüt immer Gefahr, dass es den Rest des Abends überschattet. Bei Paavo Järvi ist das nicht zu befürchten. So klug und subtil, wie er zu Beginn Robert Schumanns „Ouvertüre, Scherzo und Finale E-Dur op. 52), die dieser auch als „Symphoniette“ bezeichnete, spielen lässt, wird gleich klar, dass dieser Abend kein Star-Vehikel ist. Überraschen der zweite Satz, der hier gar nicht gespenstisch daher kommt, sondern überraschen optimistisch voranstrebend, zuweilen an Bach gemahnend, der zur Entstehungszeit gerade, gefördert nicht zuletzt durch Schumann und Mendelssohn-Bartholdy, seine Wiederentdeckung feierte. Viel Energie pulst durch das Werk, dem Järvi einen Blick fürs Detail verleiht und dem das Orchester einen vollen, farbenreichen Klang gibt. Das Stück gerät zu einer freudigen Feier der Musik, die auch den einzigartigen Streicherklang der Berliner in aller Reinheit zu zelebrieren vermag.

Doch jede Freude hat ein düsteres Gegenstück und so ist Dmitri Schostakowitschs erste Symphonie der programmatische Höhepunkt des Abends. Das ganze musikalische Universum des Russen ist in seiner Ersten schon versammelt – eigentlich ein Wunder, wenn man bedenkt, dass Schostakowitsch bei der Komposition gerade 18 Jahre alt war. Der fragmentarische Gestus, der sich bei Prokofjew schon angedeutet hat, steht nun im Mittelpunkt der Interpretation Järvis. Im Kopfsatz stellt er die Motive und Themen fast beziehungslos nebeneinander, lässt er die Einzelteile an einander Anschluss suchen. Die rhythmische Vielfalt steht im Zentrum – als Antreiber und Katalysator, aber auch als immer wieder verunsicherndes Moment. Langsam entwickelt sich etwas aus dem Vereinzelten, führt der Suchmodus zu großer Kraft, die stets ambivalent bleibt. Extrem kontrastreich dann der zweite Satz, in dem Tempi, Dynamik, Ausdrucksmodi ungebremst aufeinander prallen, um am Ende in einer unentrinnbaren Steigerungsbewegung zu einem Satzschluss zu führen, bei dem das Pianissimo nur ein verstörtes Echo, der vorigen existenziellen, zu grotesker Schärfe anschwellenden Wucht ist.

Da kann der dritte Satz gar nicht anders, als aus dem Zersplitterten wieder etwas zu formen. Die Solo-Oboe weit den weg und so entsteht ganz organisch wieder so etwas wie musikalischer Fluss, der ordentlich Bewegungsenergie tankt und am Ende die Ambivalenz des Ausdrucks der vorangegangenen Abschnitte wiederfindet. Stark die Solopassagen hier und im Schlusssatz, wobei die Soli des Konzertmeisters Noah-Bendix-Balgley auch einen Hauch weniger Vibrato vertragen hätten. Das Finale ist dann eine Lehrstunde in Schostakowitschs musikalischer Weltsicht: So fein und fragil, beinahe schwebend das Pianissimo daherkommt, so scharf, grotesk, kraftstrotzend und von unerbittlicher Härte gerät das Fortissimo. Extrem auch die Tempiwechsel, der Abgrund, der in Schostakowitschs Werk und Leben immer gähnt, hier ist er klar und schwarz und unentrinnbar zu hören. Dann das Innehalten der schwebend flächigen Streicher, ein abrupter Halt, der zu einem trotzig schroffen Schluss führt, in dem die Philharmoniker zeigen, dass ihnen das Raue alles andere als fremd ist. Einige Tage zuvor ist des dem Orchester nicht gelungen, einen neuen Chefdirigenten zu wählen. Womöglich gibt ihnen dieser Abend einen neuen Anstoß.

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