Die Welt im Häcksler

Theatertreffen 2015 – Wolfram Lotz: Die lächerliche Finsternis, Burgtheater/Akademietheater, Wien (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

Irgendwann fallen sie, die Bretter, die hier die Welt, wenn nicht be-, doch zumindest andeuten. Krachend fällt die quadratische Rückwand zu Boden, die als einzige so etwas wie Repräsentation auf der ansonsten eher einem Requisitenlager ähnelnden Bühne behauptet hatte. Zwanzig Minuten lang schieben die vier Darstellerinnen ein Brett nach dem anderen in den Häcksler und singen dazu „The Lion Sleeps Tonight“ in Endlosschleife. Zwischendurch wird mal ein Text des Autors vorgetragen, in dem er sich zur Unmöglichkeit des Schreibens äußert und sich wundert, dass in seinem Stück keine Frauen vorkommen – was in der Uraufführungsinszenierung irnisch dadurch gebrochen wird, dass alle Rollen von Frauen gespielt werden. Es sind diese zwanzig Minuten, in denen sonst nichts passiert, die so genannte Pause („wenn Sie möchten“, wie es im Programme heißt, ein Angebot, das am zweiten Abend des Theatertreffen-Gastspiels erstaunlich viele annehmen), die Herzstück und Gravitationszentrum von Dušan David Pařízeks Inszenierung bildet. Denn im Zentrum des Abends steht weniger die Suche nach der Finsternis in der Welt, in uns, wie sie die Geschichte unter Anlegung an Conrads Herz der Finsternis und Coppolas Apocalypse Now beschreibt, sondern das Theater und seine Möglichkeit – oder besser Unmöglichkeit – sich an der Wirklichkeit abzuarbeiten, ihr etwas entgegenzusetzen, das Unmögliche denkbar zu machen.

Foto: Reinhard Maximilian Werner

Foto: Reinhard Maximilian Werner

„Nur ein Text“ sei es, heißt es am Ende von Wolfram Lotz‘ Stück, nicht die Wirklichkeit. Dort fände das Grauen statt, nicht hier in unserer weißen Mittelstansidylle. Vom „unmöglichen Theater“ hat Lotz einmal geschrieben, von einem Theater, das die Wirklichkeit verändern könne, dabei scheitern müsse und nur in diesem Scheitern und der Notwendigkeit, es immer wieder auf Neue versuchen zu müssen, gelingen könne. Genau dafür findet er in der „Pause“ ein grandioses Bild: Die Bühne wird zerlegt und ist am Ende, wenn das Saallicht ausgeht, doch wieder ganz Fiktionsraum. Alles geht weiter wie zuvor und doch ist nichts, wie es war. Lotz‘ Theater ist ein dialektischen, dass jedoch die Möglichkeit einer Auflösung aufgegeben hat. Pařízek gelingt diese Ambivalenz großartig: Immer wieder rückt er die Theatralität des hier Vorgeführten in den Vordergrund, lässt die Darstellerinnen mit dem Publikum kommunizieren, nur um gleich darauf die vierte Wand wieder hochzufahren. Die Rollenbesetzung, das wiederholte Auseinanderdriften von Gebrochenem und Gezeigtem, die Distanzierung durch den Einsatz von Akzenten, die tolle Idee, die „Eingeborenen“ österreichische Volksmusik spielen zu lassen: Alles ist hier immer mehr als nur eines: Theater und Wirklichkeit, Spiel und Ernst, Komik und Schmerz. Immer wieder kippt der Ton, fällt das Spielerische ins Ernste, das Komische ins Tragische und zurück, nicht selten auf engstem Raum. Wenn etwa zu Beginn die Rede des somalischen Piraten (eine schon durch den Text gesetzte vollkommen fiktionalisierte Situation) in breitestem Wienerisch daherkommt, stapelt Pařízek so viele Megaebenen übereinander, dass das ganze Konstrukt zusammenzufallen droht und es doch nicht tut.

Denn am Ende bleibt ein Erkenntnisrest: Es geht um uns, in uns ist diese Finsternis, die hier reproduziert und nicht reproduziert wird, die Behauptung ist und doch – irgendwo, überall – auch Wirklichkeit. Der somalische Pirat, der seine Geschichte erzählt, sein Freund, der am Ende sein Recht, von sich zu erzählen einklagt – und dem Pařízek sinnigerweise Worte auf Lotz‘ „Rede zum unmöglichen Theater“ in den Mund legt – bevor er zum Schweigen gebracht wird: Sie sind natürlich weiße Mittelstandsprojektionen, ihre Stimmen – wie im Fall des wienerisch parlierenden Piraten – unsere. Dieser privilegierten Sicht ist sich nicht nur der Text, sondern auch und gerade die Uraufführungsinszenierung jederzeit bewusst. Überall ist Ironie: im Text, der das Schlachten und Essen eines Huhns als Grausamkeitsritus parodiert und die kolonialistischen wie rassistischen Beweggründe der vermeintlichen Wohltätern ebenso entlarvt wie parodiert, in der Inszenierung mit ihren sächsischen und italienischen Akzenten, den aufgeklebten Bärten, dem halbherzigen Solidaritäts-Blackfacing, das doch nur westliche Hybris ist, was letztlich auch – und bewusst – für den Text selbst gilt. Lotz und Pařízek versuchen gar nicht erst, den Nicht-Gehörten eine stimme zu geben, weil sie wissen, dass es nur die eigene sein könnte, eine selbstgerechte, weiße Mittelstandsstimme. Und so reißen sie das selbstgebaute Konstrukt krachend ein, weil nur dieses Einreißen, das Zerstören des theatralen Versuchs das „unmögliche Theater“ denkbar macht. Am Ende starren wir auf uns selbst und mit uns Autor und Regisseur. Und wir erkennen: Nichts. Außer der Notwendigkeit, weiter zu suchen, zu denken, Theater zu machen. Denn so lange wir Wände, Mauern, Grenzen einreißen, und sei es auf dem Theater, so lange können wir uns zumindest einbilden, die Wirklichkeit ließe sich verändern.

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Ein Gedanke zu „Die Welt im Häcksler

  1. […] in die rauschhafte Endzeitwelt von Francis Ford Coppolas Apocalypse Now, ein Film der mit Die lächerliche Finsternis einen weiteren Abend des Theatertreffens inspiriert hatte. Baals Hurerei und Sauferei, seine […]

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